Machtkampf in Gaza : Salafisten fordern Hamas heraus

Immer häufiger provozieren Salafisten die in Gaza herrschende Hamas. Einige sympathisieren mit dem "Islamischen Staat" – und feuern Raketen auf Israel ab

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Die Hamas stützt ihre Herrschaft auch auf einen großen Sicherheitsapparat.
Die Hamas stützt ihre Herrschaft auch auf einen großen Sicherheitsapparat.Foto: AFP

Die Hamas hat viele Feinde. Israel zum Beispiel bekämpft den Erzfeind mit allen politischen und militärischen Mitteln. Die EU wie die USA stufen die Organisation als Terrorgruppe ein. Und die ägyptische Führung unter Präsident al Sisi sieht in den Islamisten den verlängerten Arm der verhassten Muslimbrüder und macht sie für Anschläge auf dem Sinai verantwortlich.

Nun bekommt die Hamas auch noch einen Gegner im eigenen Machtgebiet: Seit Wochen fordern militante Mitglieder salafistischer Gruppen die bislang weitgehend unangefochtenen Herrscher von Gaza mit provozierenden Aktionen heraus. Es geht um Einfluss, Rückhalt in der Bevölkerung und die Führungsrolle im Kampf gegen Israel.

Dabei kommt dem "Islamischen Staat" (IS) eine besondere Rolle zu. Denn immer mehr Extremisten – ermuntert durch die Erfolge der Dschihadisten im Irak und in Syrien – bezeichnen sich als Anhänger der sunnitischen Terrormiliz. Die Hamas fühlt sich herausgefordert, sieht ihren alleinigen Herrschaftsanspruch infrage gestellt. Kein Wunder, dass es immer wieder gewalttätige Kämpfe gibt. Denn die Hamas beschuldigt Sympathisanten des "Islamischen Staats", für Anschläge in Gaza verantwortlich zu sein.

Razzien und Festnahmen

Dutzende Salafisten sind deshalb nach Razzien im Gefängnis gelandet. Anfang Mai machten Mitglieder der Hamas zudem eine Moschee dem Erdboden gleich. Zuvor waren viele Beter und ein Scheich in Gewahrsam genommen worden. Und erst vor wenigen Tagen wurde ein Salafisten-Aktivist, der Sprengstoff gehortet haben soll, bei seiner Festnahme durch Sicherheitskräfte getötet. "Die Hamas setzt damit ein Zeichen, dass sie nicht gewillt ist, an ihrer Macht rütteln zu lassen", sagt Nahost-Experte Shimon Stein.

Nun könnte es vor allem Israel herzlich egal sein, ob sich Islamisten untereinander das Leben schwer machen. Doch so einfach ist es nicht: Salafisten waren es offenbar, die in den vergangenen Wochen mehrfach von Gaza aus Raketen auf das Territorium des jüdischen Staats abgefeuert haben. Die Geschosse richteten zwar keinen Schaden an, aber Israel antwortete – getreu der eigenen Sicherheitsdoktrin – mit Luftschlägen gegen "Terrorcamps" im Küstenstreifen.

Frustrierte Einwohner

Das dürfte der Hamas gar nicht recht sein. Ein Jahr nach dem 50-Tage-Krieg haben die Islamisten alle Hände voll zu tun, den Unmut der Einwohner in Grenzen zu halten. Die Menschen leiden insbesondere unter der Blockade durch Israel. Der Frust ist mittlerweile so groß, dass sich die Hälfte der dort lebenden Palästinenser vorstellen kann, aus Gaza auszuwandern. Das ergab vor wenigen Tagen eine Umfrage des im Westjordanland ansässigen Meinungsforschungsinstituts PSR und der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Ein neuer Konflikt mit Israel, der die Not noch vergrößern würde, kann also kaum im Interesse der Hamas sein. Auch Jerusalem versucht nach Einschätzung von Fachleuten, möglichst einen neuen Waffengang zu vermeiden. "Beide Seiten wollen es nicht zu einer Eskalation kommen lassen", sagt Shimon Stein, der von 2001 bis 2007 Botschafter in Deutschland war. Und für Israel sei es besser, den zumindest indirekten Kontakt zu den Islamisten der Hamas aufrechtzuerhalten. "Da hat man Ansprechpartner, die Verantwortung tragen und die man kennt. Militanteren Extremisten womöglich das Feld zu überlassen, wäre ein unkalkulierbares Risiko."

Offener Machtkampf? Derzeit unwahrscheinlich

Dass es zu einem Machtkampf zwischen der Hamas und Salafisten kommt, hält Stein derzeit ohnehin für eher unwahrscheinlich. Die religiösen und ideologischen Gemeinsamkeiten würden die Gruppen eher verbinden als trennen: Beide sind sunnitisch geprägt, beide verbindet der Hass auf Israel. Und noch etwas spricht dagegen, dass die Hamas um ihre Herrschaft bangen muss. Derzeit gehen Beobachter von einigen hundert radikalen Salafisten aus – ihnen stehen Schätzungen zufolge bis zu 30.000 Sicherheitskräfte der Hamas gegenüber.

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