Messerattacke in Hamburg : „Wir konnten bei seiner Radikalisierung zusehen“

In dem Heim, in dem Ahmad A. lebte, sind Flüchtlinge sich selbst überlassen – und wie die Anwohner fordern sie von Politik und Polizei dessen Schließung.

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Polizisten stehen am 28.07.2017 vor Wohncontainern der Flüchtlingsunterkunft, in der der Messerstecher zuletzt wohnte.
Polizisten stehen am 28.07.2017 vor Wohncontainern der Flüchtlingsunterkunft, in der der Messerstecher zuletzt wohnte.Foto: Bodo Marks/dpa

++++ Erklärung des Betreibers ++++

Der Betreiber des Heims hat sich nach der Veröffentlichung des Textes in der Redaktion gemeldet und legt Wert auf folgende Richtigstellung. Sie finden den Text hier und am Ende dieses Textes.

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Auf den Fluren stinkt es nach dem Abfall mehrerer Wochen, überall sind Fliegen und Schmutz. Seit zehn Monaten lebt N. im Flüchtlingsheim am Kiwittsmoor in Hamburg-Langenhorn. Der junge Flüchtling beschreibt die Zustände als katastrophal: „Ich war schon in mehreren Unterkünften, aber so etwas Schlimmes habe ich noch nirgendwo erlebt.“ Der 26-jährige Flüchtling Ahmad A. wohnte nur wenige Meter weiter, in Zimmer 429. Am Freitag tötete er mit einem Küchenmesser in einem Edeka-Markt einen Mann.

„Er war mehrfach mit uns beim Fußball, wir haben auch Basketball zusammen gespielt. Da haben wir schon gemerkt, dass er ständig irgendwelche islamistischen Sachen erzählte. Viele hier hatten Angst vor Ahmad und haben ihn dann gemieden, auch ich.“ Die Bewohner der Unterkunft berichten davon, dass er sich in den letzten Monaten stark verändert habe, auch mal nachts im Treppenhaus islamistische Parolen grölte.

Nach einer Durchsuchung in der Nacht fahndeten auch am Samstag etwa zehn Zivilpolizisten im Heim noch einmal nach einer zweiten Person – der Mann, den Fotos aus einem U-Bahnhof mit dem Täter zeigen, wird als Zeuge gesucht.

Nicht streng religiös - aber „wir ahnten, dass er zu Daesch gehörte“

Ahmad A. war seit Januar Mitglied bei der Fitnessstudiokette McFit und besuchte eine Filiale nahe der salafistischen Al Nour-Moschee in der Hamburger City – 45 Minuten Weg vom Heim aus. Das von hier nur 600 Meter entfernte Studio, das im April in Langenhorn eröffnete, besuchte er offenbar nie.

„Wir ahnten, dass er zu Daesch gehörte“, erzählt ein anderer Bewohner der Unterkunft – so bezeichnen IS-Gegner die islamistische Terrormiliz. Doch trotz dieser Auffälligkeiten habe es keine Besuche der Polizei gegeben. Dabei soll A. sogar an der Hamburger Universität aufgefallen sein, als er vor dem Campus „Allahu akbar“ habe. Streng religiös aber sei er nicht gewesen, im Gegenteil: Die Bewohner störten sich an seinem erheblichen Drogenkonsum, der Rauch sei auch in ihre Zimmer gedrungen.

Die Polizei ließ sich nicht oft sehen, die Security wurde eingespart

Gemerkt hat dies von offizieller Seite offenbar niemand. Der Sicherheitsdienst wurde vor mehr als einem Jahr vom Betreiber aus Kostengründen gekündigt, einen Hausmeister gibt es nur vormittags an Wochentagen. Weil sich niemand um die Anlage kümmert, kommt seitdem die Hamburger Feuerwehr mehrmals in der Woche mit mehreren Löschzügen zu Fehlalarmen der Brandmeldeanlage. Nur ein Mal war der Alarm echt: Direkt unter dem Zimmer des Attentäters wurde die Dusche in Brand gesetzt. Der Täter: unbekannt, wie bei vielen Straftaten im Umfeld der Wohnanlage in den vergangenen Monaten. Autos von Anwohnern wurden demoliert oder in Brand gesetzt, am gegenüberliegenden U-Bahnhof gab es im Juni eine Sprengstoffexplosion, die Teile der Deckenverkleidung zerstörte.

Die Hamburger Polizei versuchte nach Angaben von Journalisten der Lokalzeitung „Wochenblatt“ immer wieder, die Zustände zu relativieren. Vor wenigen Wochen wurde eine ältere Anwohnerin in ihrem Haus überfallen. Es gab einen massiven Polizeieinsatz, aber keine Pressemitteilung dazu. Das sprach sich in der Nachbarschaft herum – und in der Hamburger Bürgerschaft: „Die Anwohner sind verunsichert“, beklagte der CDU-Abgeordnete Richard Seelmaecker in einer Kleinen Anfrage zur Kriminalitätsentwicklung in Langenhorn, nachdem Ende Mai eine Frau mit schweren Schädelverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert worden war. 2016 wurde bei Gewaltdelikten eine Zunahme von 27,7 Prozent festgestellt, bei gefährlichen und schweren Körperverletzungen sogar um 46,4 Prozent. Doch statt intensiver Präsenz gibt es nur ein Schild am Eingang der Unterkunft mit einer Telefonnummer und Sprechzeiten: Montags und mittwochs von 8.30 bis 11.30 Uhr können sich Bewohner bei Problemen an die Polizei wenden.

„Viele hier langweilen sich und manche werden verrückt."

Die etwa 590 Menschen sind in der Unterkunft weitestgehend sich selbst überlassen. Integration bieten vorwiegend Anwohner, die aus eigener Initiative den Kontakt suchen. Freizeitangebote gibt es so gut wie keine für die Flüchtlinge, die sich zu zweit, häufig sogar mit Kindern eine nur wenige Quadratmeter große Zelle in dem Containerdorf teilen müssen. N. erzählt: „Viele hier langweilen sich und manche werden verrückt. Wir konnten bei der Radikalisierung von Ahmad A. regelrecht zusehen, doch niemand hat sich dafür interessiert.“ Die meisten Bewohner versuchen, der Unterkunft zu entkommen, und suchen Wohnungen: „Durch die Sprachprobleme finden wir nur sehr schwer eine Wohnung, wir müssten Makler bezahlen und das können wir nicht. Wir wollen einfach nur noch weg.“ Regelmäßig komme es zu Konflikten in der Unterkunft, einige wenige verursachten die Probleme, erzählen die Bewohner.

Auch Anwohner berichten, es gebe Stress etwa durch das Entsorgen von Müll auf den Grundstücken oder durch Zerstörungen in den Gärten: „Als wir das Gespräch suchten, drohten uns die Kinder, dass man wohl auf uns mal einen Anschlag verüben müsste“, berichtet eine Frau, die nur wenige hundert Meter von der Unterkunft entfernt lebt. Beschwerden bei der Polizei seien abgewiesen worden: „Man unterstellte uns Ausländerfeindlichkeit und erklärte uns kurzerhand zu Querulanten. Und das, obwohl die Probleme offensichtlich waren.“ Sie habe sich beim Innensenator Andy Grote (SPD) beschwert und erwarte eine politische Reaktion.

Bereits mehrfach haben Lokalzeitungen über die unhaltbaren Zustände in der Unterkunft am Kiwittsmoor berichtet. Die öffentliche Kritik hatte jedoch keine Konsequenzen durch die zuständige Innenbehörde.

Die Flüchtlinge sind sich mit den Anwohnern einig, dass die Reaktion der Politik auf den Anschlag nur noch als zynisch bezeichnet werden kann. Der Flüchtling N. sagt: „Da hätte schon lange reagiert werden müssen. Herr Scholz sollte dieses Containerdorf schnell schließen, es ist wirklich schlimm hier.“

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Richtigstellung des Betreibers der Unterkunft Kiwittsmoor, f & w fördern und wohnen AöR, zum Artikel "Wir konnten bei seiner Radikalisierung zusehen" des Tagesspiegel vom 29.7.2017

Die Aussage, die Bewohner der Unterkunft Kiwittsmoor seien sich selbst überlassen, ist falsch.

An Wochentagen sind von morgens bis zum späten Nachmittag Unterkunfts- und Sozialmanager (Sozialarbeiter) im Verhältnis 1 zu 80 Bewohner vor Ort. Sie haben den Auftrag, das friedliche Zusammenleben der Bewohner untereinander und mit der Nachbarschaft zu organisieren. Für die Bewohner sind sie Ansprechpartner und geben ihnen orientierende Beratung, z. B. bei Fragen zu Leistungsbezug, Hilfsangeboten, Schulanmeldung der Kinder. Die Unterkunfts- und Sozialmanager koordinieren auch freiwilliges Engagement vor Ort. In der Unterkunft Kiwittsmoor engagieren sich 66 Freiwillige. An allen Wochentagen stehen mehrere Angebote zur Verfügung.

Die Aussage, in den Fluren der Unterkunft löse der Abfall mehrerer Wochen Gestank aus, ist falsch.  
Die Gemeinschaftsflächen werden dreimal wöchentlich von einem Reinigungsunternehmen gereinigt. Vier Hausmeister sorgen dafür, dass Unrat auf dem Gelände zügig entfernt wird.

Die Aussage, einem Sicherheitsdienst sei aus Kostengründen gekündigt worden, ist falsch.
Es gab vor Ort vorübergehend eine Brandwache, da viele Fehlalarme auftraten und direkt bei der Feuerwehr ankamen. Die Brandwache wurde von einem Sicherheitsdienst ausgeführt. Nachdem die Fehlalarme durch Umbau der Brandmeldeanlage abgestellt worden waren, war die Brandwache nicht mehr nötig.

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