Migration in Deutschland : Wie Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden können

Die vielen Flüchtlinge sollen möglichst schnell in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden. Wie kann das funktionieren?

von und Nils Wischmeyer
In der Firma Reuther STC GmbH in Fürstenwalde arbeitet ein Asylbewerber aus Somalia.
In der Firma Reuther STC GmbH in Fürstenwalde arbeitet ein Asylbewerber aus Somalia.Foto: dpa

Mehr als eine Million Flüchtlinge sind 2015 nach Deutschland gekommen. Welche Qualifikation sie mitbringen, wie viele von ihnen Arbeit finden werden und wie hoch die Kosten für ihre Integration sind, ist schwer zu sagen – auch für Experten. Sicher ist nur: Es wird dauern. Das zeigen Erhebungen aus der Vergangenheit: Danach waren nach einem Jahr knapp zehn Prozent der Migranten beschäftigt, nach fünf Jahren 50 Prozent, nach zehn Jahren 70 Prozent.

Welche Qualifikation bringen die Flüchtlinge mit?

Welche Bildung und Berufserfahrung die Flüchtlinge vorweisen können, die derzeit nach Deutschland kommen, lässt sich schwer sagen, da es noch keine repräsentative Untersuchung gibt. Aus Syrien und dem Irak kämen Menschen mit guter Schulbildung, berichtet der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise. Der Alphabetisierungsgrad liege hier bei mehr als 90 Prozent. Aus Befragungen wisse man, dass es in den Herkunftsländern tendenziell eher die Mittelschicht sei, die das Land verlasse, sagt Joachim Möller, Direktor des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Klar ist aber auch: Es kommen nicht nur Ärzte und Ingenieure.

Das lässt zumindest ein IAB-Bericht vermuten, in dem Daten von Erwerbstätigen aus den Asylherkunftsländern ausgewertet wurden – also von Menschen, die schon etwas länger hier sind. Danach können acht Prozent einen akademischen Abschluss vorweisen, weniger als 30 Prozent einen Berufsabschluss. Jeder Fünfte (22 Prozent) hingegen hat keinen Hauptschulabschluss. Um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können, müssen viele Flüchtlinge erst einmal Deutsch lernen. Wer einen Berufsabschluss hat, muss diesen anerkennen lassen, und das kann dauern. Es gibt auch Flüchtlinge, die Berufserfahrung mitbringen, aber keine Zeugnisse vorweisen können: etwa wenn sie jahrelang in Betrieben der Familie oder von Freunden gearbeitet haben.

Wie viele Flüchtlinge werden voraussichtlich Arbeit finden und wie viele werden arbeitslos?

Auch das ist schwer zu prognostizieren. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) schätzte im Oktober vergangenen Jahres, dass 2016 etwa 35 Prozent der Schutzsuchenden Arbeit finden und rund 65 Prozent auf Grundsicherung angewiesen sein werden. Nach ihren Prognosen könnten in diesem Jahr im Durchschnitt 272 000 Menschen zusätzlich Hartz IV beantragen. BA-Chef Weise geht davon aus, dass 70 Prozent der Flüchtlinge gute Chancen haben, erwerbstätig zu werden. Von diesen seien die Hälfte unter 25 Jahre alt, also im „bildungsfähigen Alter“. Klar ist: Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Menschen werden auch Arbeit finden.

In den aktuellen Arbeitsmarktstatistiken tauchen die neu angekommenen Flüchtlinge noch nicht auf, sondern nur diejenigen, die schon länger da sind. Im Jahr 2015 ist die Arbeitslosigkeit von Menschen aus den wichtigsten nichteuropäischen Herkunftsländern jahresdurchschnittlich um 38 Prozent oder 21 000 Personen auf 76 000 gestiegen.

Welche Kosten kommen auf den Staat zu?

Wie viel Geld der Staat für Sozialtransfers ausgeben muss, hängt davon ab, wie viele Flüchtlinge tatsächlich kommen und wie schnell es gelingt, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Arbeitsministerin Nahles rechnet für 2016 mit Mehrausgaben von 2,5 Milliarden Euro für Hartz-IV-Leistungen sowie Maßnahmen der Arbeitsmarktförderung. Doch auch darüber hinaus wird die Integration Geld kosten: Es muss mehr Geld investiert werden in Lehrer, Erzieher oder den Bau von bezahlbaren Wohnungen. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sieht in all diesen Ausgaben ein „massives Konjunkturprogramm“ für Deutschland. Auf Dauer werde Deutschland auch ökonomisch von der Zuwanderung profitieren.

Gibt es genügend Arbeitsplätze für Flüchtlinge?

Zuletzt waren rund 600 000 offene Stellen gemeldet. Dass Deutschland sein Fachkräfteproblem durch den Zuzug von Flüchtlingen lösen kann, erwartet niemand. Dennoch gibt es auch unter den Asylbewerbern qualifizierte Arbeitskräfte. Aber auch für Geringqualifizierte gebe es überall in Deutschland Jobs, sagt Alexander Spermann, Arbeitsmarktökonom am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit. Weil diese oft bei der BA nicht gemeldet würden, gebe es hier eine „statistische Untererfassung“. Hinzu kommt: Die Zahl der Arbeitsplätze ist nicht konstant, sondern wird nach oben gehen, wie IAB-Forscher Möller prognostiziert: „Durch die Flüchtlingsbewegung wird auch ein Nachfrageschub ausgelöst.“" Schließlich sind die Neuankömmlinge auch Konsumenten und tragen so zum Entstehen neuer Jobs bei.

Wie lange dauert es zurzeit, bis Flüchtlinge arbeiten dürfen?

In den ersten drei Monaten ist Asylsuchenden das Arbeiten verboten. Erst danach können sie sich in enger Absprache mit der Bundesagentur für Arbeit auf Jobsuche begeben. Bewirbt sich ein Asylbewerber oder ein geduldeter Ausländer in den ersten 15 Monaten auf einen Job, auf den sich auch ein Inländer beworben hat, bekommt Letzterer den Vorzug.

Doch diese Regelung wird von einigen kritisiert. „Der Arbeitsmarktzugang sollte hauptsächlich vor dem Hintergrund ihrer Integrationsperspektiven und nicht von Fachkräfteengpässen auf dem deutschen Arbeitsmarkt erfolgen“, heißt es etwa vom Institut für Wirtschaft (IW). Zwischen dem 15. und dem 48. Monat muss bei jedem Job bestätigt werden, dass die Lohn- und Arbeitsbedingungen dem ortsüblichen Niveau entsprechen. Erst nach vier Jahren dürfen Flüchtlinge ohne die BA auf Jobsuche gehen.

Die Arbeitsministerin will 100 000 Ein-Euro-Jobs für Flüchtlinge schaffen. Erhöht das deren Arbeitsmarktchancen?

Das Instrument war eigentlich für Langzeitarbeitslose mit besonderen Vermittlungshemmnissen gedacht. Ihnen sollen die Ein-Euro-Jobs helfen, wieder eine Tagesstruktur zu finden. Für die „meist hoch motivierten, jungen Flüchtlinge“ seien die arbeitsmarktfernen Maßnahmen „völlig ungeeignet“, sagt die Grünen-Arbeitsmarktexpertin Brigitte Pothmer. „Flüchtlinge müssen in die Betriebe“, fordert die Bundestagsabgeordnete. Nur dort lernten sie den deutschen Arbeitsalltag und die Gepflogenheiten kennen und könnten Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern knüpfen. Pothmer fordert, stattdessen die Einstiegsqualifizierungen, die es im Vorfeld einer Berufsausbildung gibt, auch für Flüchtlinge zu öffnen, die schon Qualifikationen mitbringen. So würden praktische Erfahrungen im Betrieb mit Sprachkursen, sozialpädagogischer Betreuung und zusätzlichen Beratungs- und Qualifizierungsangeboten kombiniert.

Wird es für Flüchtlinge Ausnahmen vom Mindestlohn geben?

Die SPD ist dagegen, aber auch Teile der Union. Arbeitsmarktforscher warnen vor einer Spaltung des Arbeitsmarkts. „Wenn Flüchtlinge bevorzugt eingestellt werden, weil für sie geringere Löhne gezahlt werden müssen, könnte das böses Blut geben“, sagt IAB-Forscher Möller. Schon jetzt gibt es zahlreiche Arbeitsmarktinstrumente, die auch für Flüchtlinge verfügbar sind. So können Arbeitgeber einen Eingliederungszuschuss beantragen, wenn sie jemanden einstellen, der zunächst nur eine eingeschränkte Arbeitsleistung bringen kann. Auch das Mindestlohn-Gesetz sieht Ausnahmen vor: So wird der Mindestlohn nicht fällig für Orientierungspraktika bis zu drei Monaten, im Rahmen der Einstiegsqualifizierung können sogar Praktika bis zu einem Jahr ausgenommen werden.

Die Tagesspiegel-Themenseite zu Flüchtlingen finden Sie hier.

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