Müttergenesungswerk : Mama, entspann dich!

Zur Kur fahren, ausruhen, sich erholen. Dass gestresste Mütter das tun können, dafür sorgt seit 1950 das Müttergenesungswerk. Seitdem hat sich viel geändert, aber eins nicht: Die Frauen melden sich immer erst, wenn sie mit ihrer Kraft fast am Ende sind.

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Alle mal herhören! Am 31. Januar gibt
Alle mal herhören! Am 31. Januar gibtFoto: picture alliance / ZB

Frau K. und Frau R. haben einiges gemeinsam. Sie sind berufstätig, alleinerziehend und nicht mehr ganz jung. Beide haben eine Zeit erlebt, in der ihr Alltag als Mutter sie nur noch überforderte.

Als Frau K.s Kinder sieben und acht Jahre alt sind, beginnen ihre Hände so sehr zu zittern, dass sie nicht mehr als Näherin arbeiten kann. Kreislaufstörungen und Gallenbeschwerden kommen hinzu – und am Ende ein Nervenzusammenbruch.

Frau R. hat zusätzlich zu ihrem Hauptberuf noch zwei Nebenjobs, um über die Runden zu kommen. Ihr Sohn ist vier, sie erzieht ihn von Beginn an allein. Sie hat „es mit der Bandscheibe“. Und immer wieder Schwindelanfälle. „Irgendwann hatte ich keine Kraft mehr und konnte meinen Jungen kaum noch hochheben.“ Schon das Einkaufen war zu viel. Und ihre 45-Stunden-Arbeitswoche erst recht: „Ich bin oft nicht in den Schlaf gekommen, weil ich zu viele Gedanken im Kopf hatte.“ Die Geräusche der Großstadt konnte sie auch nicht mehr ertragen. Beide Frauen machten eine Kur in einer Einrichtung, die zum Müttergenesungswerk gehört.

„Hier fand ich mein Gleichgewicht wieder – seelisch und körperlich“, berichtet Frau K. Und Frau R. sagt: „Ich konnte in der Kur den Knoten im Kopf lösen und habe jetzt viel mehr Energie.“

Zwischen den beiden Geschichten liegen rund 60 Jahre. Frau K. machte ihre Kur Anfang der 1950er Jahre, da war sie 36 Jahre alt. Sie war nach dem Zweiten Weltkrieg gen Westen geflohen, ihr Mann aus dem Krieg nicht zurückgekehrt. Nach einem langen Krankenhausaufenthalt nach ihrem Nervenzusammenbruch wurde sie ins Genesungsheim gebracht. Ihre Geschichte ist nur noch aus Unterlagen des Müttergenesungswerks zu rekonstruieren, ihr voller Name nicht überliefert.

Frau R. fuhr im Januar 2013 mit 40 Jahren zur Kur nach Bayern. Sie heißt mit vollem Namen Janett Röthig. Und man kann sie jederzeit treffen, in einem kleinen Ladengeschäft im Berliner Familien-Stadtteil Prenzlauer Berg, wo sie anderen Frauen dabei hilft, eine Kur zu beantragen. Es ist eine von 1300 Beratungsstellen in Deutschland, die zum Müttergenesungswerk gehören. Die Gespräche führt Janett Röthig unter einer großen Pinnwand voller Postkarten aus wenig exotischen Orten, die die Mütter geschickt haben: aus Pellworm, Langeoog, Kühlungsborn und Bad Bevensen.

Elly Heuss-Knapp, Gattin von Bundespräsident Theodor Heuss, per Rundfunk die Gründung der Stiftung Muttergenesungswerk bekannt.
Elly Heuss-Knapp, Gattin von Bundespräsident Theodor Heuss, per Rundfunk die Gründung der Stiftung Muttergenesungswerk bekannt.Foto: picture-alliance / dpa/gms

Vor rund 60 Jahren wurde das „Deutsche Müttergenesungswerk – Elly Heuss-Knapp-Stiftung“ von der Frau des ersten Bundespräsidenten, Theodor Heuss, gegründet. Mehr als vier Millionen Frauen schickte es bis heute zur Kur , zwischen 40 000 pro Jahr in den 50er Jahren und 80 000 in den 60ern. Heute sind es wieder rund 40 000. Die Geschichte der Stiftung, die sich als eine Art Lobbyorganisation für Mütter versteht, ist auch die des Mutterseins in West- und seit 1989 Gesamtdeutschland. Denn so altmodisch der Name klingt, so aktuell ist das Thema noch heute, und während sich einiges sehr verändert hat, ist anderes einfach beim Alten geblieben.

Der größte Teil der Frauen, die sie berate, lebe noch immer mit der „klassischen Aufgabenteilung“ – oder alleinerziehend –, sagt Janett Röthig, bevor sie doch noch mal ans Telefon geht, obwohl sie eigentlich längst Feierabend hat. „Kein Problem“, tröstet sie eine aufgeregte Frau und: „Nicht so schlimm“. Nachdem sie aufgelegt hat, sagt sie: „Die meisten Frauen bürden sich mehr auf, als sie schaffen.“ Dazu komme dann der ewige Zeitdruck. Sie meint damit gar nicht unbedingt sich selbst, obwohl es auf sie passt.

Auch Janett Röthig muss gleich schnell zur Kita radeln, um den Sohn abzuholen, aber auf dem Weg dahin wird sie noch einen Umweg zu einer Bäckerei machen, um dort als Testkäuferin den Service zu prüfen. Das ist einer ihrer Nebenjobs. Im zweiten Nebenjob macht sie die Buchhaltung für eine Messebaufirma. Ihr Alltag hat mit dem Prenzlauer-Berg–Wohlstandsklischee von der im Café sitzenden Latte- Macchiato-Mutter nichts zu tun.

„Ich finde nicht, dass die Situation für Mütter heute viel weniger dramatisch ist als in den 50ern“, sagt auch Anne Schilling, seit zwölf Jahren Geschäftsführerin des Müttergenesungswerkes. „Die meisten Frauen nutzen noch immer erst dann eine Kur, wenn es wirklich nicht anders geht.“ Wenn sie bereits an schweren Schlafstörungen, Panikattacken und Depressionen leiden. Das habe viel mit der Rolle der Frauen zu tun, von denen weiterhin geduldige Anspruchslosigkeit gefordert wird, während umgekehrt die Ansprüche an sie ständig wachsen. „Wie im klassischen Rollenbild sind Mütter weiterhin für alles verantwortlich, was in der Familie schiefläuft“, sagt Anne Schilling. Sie sollten dazu aber bitte auch noch gut aussehen, sportlich und aktiv sein und wenn irgend möglich eine interessante, relevante Karriere machen. Wer soll das schaffen? Und so kamen die Businesskrankheiten in die Mutterwelt. Statt von Erschöpfung spricht man heute von Burn-out.

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