Nach dem Anschlag von Würzburg : Wie groß ist die Bedrohung wirklich?

Mit dem Anschlag von Würzburg hat sich erstmals der IS in Deutschland zu Wort gemeldet. Weil der Attentäter als Flüchtling ins Land kam, steigt nun die Angst vor Nachahmern.

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Der Screenshot eines Internet-Videos, das vom IS-Sprachrohr Amak verbreitet wurde, zeigt den Attentäter von Würzburg. Foto: dpa
Der Screenshot eines Internet-Videos, das vom IS-Sprachrohr Amak verbreitet wurde, zeigt den Attentäter von Würzburg.Foto: dpa

DIE FLÜCHTLINGE

Die Axt-Attacke ist der erste vollendete Anschlag eines Islamisten, der als Flüchtling nach Deutschland gekommen war. Angesichts der seit 2015 gewaltig gestiegenen Zahl der Asylbewerber in der Bundesrepublik ist eine terroristische Gewalttat statistisch kaum messbar. Das mindert nicht den Schrecken, den der Täter verursacht hat, aber es zeugt von der weiterhin geringen Terrorgefahr, die von Flüchtlingen in Deutschland ausgeht. „Die meisten Terroristen, die in den vergangenen Monaten in Europa Anschläge begangen haben, waren keine Flüchtlinge, sondern Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind“, sagte denn auch Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) am Dienstagabend in der ZDF-Sendung „heute journal“.

Zahlen des Bundeskriminalamts stützen die Angaben Altmaiers. Das BKA spricht von bislang 400 „Einzelhinweisen“ auf terrorverdächtige Flüchtlinge. Die Zahl der daraus resultierenden Ermittlungsverfahren von Bund und Ländern gibt das BKA mit „rund 60“ an. Zum einen werden da Flüchtlinge verdächtigt, Unterstützer und/oder Sympathisanten einer terroristischen Organisation im Ausland zu sein, gemeint ist vor allem der IS. Ein Teil der Verfahren richtet sich allerdings auch gegen Personen, denen die Teilnahme an „Kriegsverbrechen“ vorgeworfen wird. Das sind dann Terrorverdächtige, die an schweren Gewalttaten mitgewirkt haben sollen, wie der Enthauptung von Gefangenen der Terrormiliz.

Der Täter von Würzburg tauchte laut BKA in keinem Einzelhinweis und damit zwangsläufig auch in keinem Ermittlungsverfahren auf. Das ist offenkundig kein Versäumnis der Sicherheitsbehörden, da sich der Mann keiner Straftat verdächtig gemacht hatte.

Von den 400 Einzelhinweisen seien viele auf bloßes Gerede zurückzuführen, sagen Sicherheitskreise. Flüchtlinge zeigen andere Flüchtlinge an, weil radikalislamisch schwadroniert wurde oder der Name einer Terrororganisation fiel. Manche Hinweise sind auch das Resultat von Streitereien zwischen Asylbewerbern.

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In den anhängigen Ermittlungsverfahren gegen Terrorverdächtige ist der Verdacht dann schon deutlich stärker. Ein Beispiel ist der möglicherweise geplante Anschlag auf die Düsseldorfer Altstadt. Anfang Juni nahm die Polizei in Brandenburg und in Baden-Württemberg zwei Männer fest, die über die Balkanroute nach Deutschland gelangt sein sollen. Die beiden werden verdächtigt, vom IS als vermeintliche Flüchtlinge in die Bundesrepublik geschickt worden zu sein, um mit Komplizen den Angriff in Düsseldorf zu verüben. Zu den Tatverdächtigen zählt ein weiterer Mann, der offenbar auch als vermeintlicher Flüchtling nach Deutschland gekommen war. Der Syrer reiste dann aber nach Paris und berichtete den französischen Behörden von einer Schläferzelle des IS in Deutschland und den Plänen für den Anschlag in Düsseldorf. Ob die Geschichten des Mannes stimmen, ist offen. Angeblich sollten bis zu zehn Kämpfer die Schläferzelle bilden und später mit Gewehren und Sprengsätzen angreifen.

Im Februar wurde in einem Flüchtlingsheim in Attendorn (Sauerland) ein algerisches Paar festgenommen, das einen Anschlag in Berlin auf den Checkpoint Charlie geplant haben soll.

DER TÄTER

Die Sicherheitsbehörden rätseln weiter, wie der Attentäter heißt, wie alt er ist und wo genau er herkommt. Im Asylverfahren wurde er registriert als Riaz Khan Ahmadzai – 16 Jahre alt bei der Einreise in Deutschland am 30. Juni 2015, gebürtig in Afghanistan. Die Terrormiliz IS spricht allerdings in ihrer Bekennung zur Tat von einem Muhammad Riyadh. Sicherheitskreise sprechen zudem von einem weiteren möglichen Namen des Täters.

Beim Alter zur Tatzeit „gehen wir erstmal weiter von 17 Jahren aus“, hieß es. Allerdings sei angesichts der mangelnden Klarheit über die Identität des Mannes nicht auszuschließen, dass er als „unbegleiteter Erwachsener“ nach Deutschland gekommen sei und nicht als „unbegleiteter Minderjähriger“. Bei der Frage nach der Herkunft spreche viel dafür, dass der Täter aus dem pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet stammt, hieß es. In dem am Dienstagabend bekannt gewordenen Video der IS-nahen Website Amaq spreche der mutmaßliche Täter einen Paschtu-Dialekt, wie er für die Grenzregion typisch sei. In dem Film behauptet der Mann mit einem Messer in der Hand, er sei ein „Soldat des Kalifats“. Der Begriff Kalifat ist ein Synonym für den „Islamischen Staat“. Der Würzburger Täter hatte das Video offenbar über das Internet zum IS geschickt, damit die Terrormiliz es veröffentlicht.

Das Video ist vermutlich auch ein Hinweis auf das Motiv des Täters. Er droht, mit dem Messer werde er die Ungläubigen „schlachten“. Außerdem wolle er deren Hälse „mit Äxten durchtrennen“. Sicherheitsexperten sprechen von Indizien, der Täter habe am Wochenende vom gewaltsamen Tod eines Freundes in Afghanistan erfahren. Dafür habe er sich rächen wollen. Dass der Freund in Afghanistan starb, sei auch ein Indiz für die Herkunft des Täters aus der pakistanisch-afghanischen Grenzregion. Auf beiden Seiten leben Paschtunen. Viele der pakistanischen Paschtunen hätten Verwandte und Bekannte bei den Paschtunen in Afghanistan, hieß es.

Der Täter war bei Passau in die Bundesrepublik gekommen. Am 16. Dezember stellte er einen Antrag auf die Gewährung von Asyl. Als Grund gab er an, in Afghanistan politisch verfolgt worden zu sein. Am 31. März bekam er eine Aufenthaltsgenehmigung. Es sei vorstellbar, dass der Täter sich als minderjähriger, politisch Verfolgter aus Afghanistan ausgegeben habe, weil er wusste, damit in Deutschland leichter in ein Asylverfahren zu kommen, sagen Sicherheitskreise. Bei pakistanischen Erwachsenen seien die Chancen deutlich geringer.

Eine Hinwendung zum Salafismus war für die Umgebung des Täters offenbar nicht zu erkennen. Der Täter lebte unauffällig in Bayern. Er war in einem Kolpingheim in Ochsenfurt (Landkreis Würzburg) untergekommen. Er soll Deutschkurse besucht und eine Stelle als Praktikant in einer Bäckerei bekommen haben. In Würzburg soll er öfter eine Moschee aufgesucht haben. Zwei Wochen vor der Tat nahm ihn eine Familie in einem Dorf nahe Ochsenfurt auf. Der Täter lebte fortan auf einem Bauernhof. Er galt als ruhig und sympathisch. Weder die Polizei noch der Verfassungsschutz hatten Erkenntnisse über ihn.

Die Sicherheitsbehörden wissen bislang offenbar wenig über die Familienverhältnisse des Täters. Deshalb bleibt unklar, ob er möglicherweise in einer schon radikalisierten Umgebung aufwuchs. Die pakistanisch-afghanische Grenzregion gilt in Teilen auch heute noch als Terrorhochburg. In der pakistanischen Region Wasiristan hatten sich Kämpfer von Taliban und Al Qaida eingenistet, nachdem sie zu Beginn der US-Intervention aus Afghanistan geflohen waren. In Wasiristan wird zudem weiterhin der Al-Qaida-Chef Aiman as Sawahiri vermutet. Die Amerikaner haben mit Drohnen viele Terroristen in Wasiristan und im angrenzenden Afghanistan getötet. Womöglich war jetzt auch der Freund des Täters von Würzburg bei der Attacke einer US-Drohne in Afghanistan gestorben.

DIE RADIKALISIERUNG

Vermutlich habe bei dem Täter schon eine Radikalisierung „geschwelt“, ist in Sicherheitskreisen zu hören. Nach bisherigen Erkenntnissen habe sich der Täter im Internet an Chats beteiligt, in denen auch Kriegsbilder aus Afghanistan gezeigt wurden. Außerdem wurde in seinem Zimmer im Haus der Pflegeeltern ein Schreibblock gefunden, dessen Deckblatt mit einer Fahne des IS bemalt war.
Eine frühzeitige Verbindung zur Terrormiliz sei nicht nachzuweisen, sagt ein Sicherheitsexperte. Die schwelende Radikalisierung sei durch einen oder mehrere „Zündfunken“ befeuert worden. Zündfunken seien vermutlich die aufwühlende Nachricht über den Tod des Freundes in Afghanistan gewesen - und der Anschlag in Nizza.
Die Amokfahrt des Terroristen mit dem Lkw habe gezeigt, dass mit einfach zu beschaffenden Tatmitteln viele Ungläubige getroffen werden können und ein riesiger „Medienhype“ folgt. „Man ist dann der Held“, sagt ein Experte. Außerdem passe der Anschlag in Nizza zum „Grundrauschen“ der schon länger kursierenden Aufrufe von IS und Al Qaida zum individuellen Dschihad. Im September 2014 hatte ein Sprecher des IS über das Internet dazu aufgerufen, Ungläubige mit Steinen, Messern und Autos anzugreifen, wenn keine Bombe oder Schusswaffe zur Hand sei.
Der Verfassungsschutz spricht von „Do-it-yourself-Terrorismus“. Der Täter in Würzburg hat möglicherweise erst am Wochenende angesichts der Nachricht über den Tod des Freundes und des Medienechos auf den Anschlag in Nizza die IS-Fahne auf das Deckblatt des Schreibblocks gemalt. Die Polizei fand da auch einen Abschiedsschreiben an den Vater des Täters. „Und jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann“, schrieb der junge Mann, bevor er offenbar nur kurze Zeit später mit der Axt loszog.
Sicherheitskreise vergleichen den Fall Würzburg mit dem bislang einzigen tödlichen Anschlag eines Islamisten in Deutschland. Im März 2011 erschoss der Kosovare Arid Uka am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzte zwei weitere schwer. Uka hatte sich in der Nacht zuvor mit salafistischen Hetzvideos aufgeputscht. In einem Video wird nachgestellt, wie amerikanische Soldaten im Irak eine Frau vergewaltigen. Die bis dahin bei Uka schwelende Radikalisierung sei dann schlagartig entfacht worden, sagt ein Experte. Der Kosovare nahm sich eine Pistole, die im elterlichen Haushalt lag, und fuhr zum Frankfurter Flughafen. Das Oberlandesgericht der Stadt verurteilte Uka zu lebenslanger Haft und bescheinigte ihm eine besondere Schwere der Schuld.

DIE REAKTIONEN

Wenn es etwas gibt, wovor sie im Kanzleramt wirklich Sorgen haben in der Flüchtlingsdebatte, dann ist es ein „zweites Köln“. Die Massenübergriffe auf Frauen in der Silvesternacht hatten die Stimmung gegen Angela Merkels Politik kippen lassen – die Erkenntnis, dass die Täter überwiegend seit Jahren im Land waren, kam zu spät, um das zu ändern. Noch einmal soll so etwas nicht passieren. Darum war Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) schon am Dienstagabend mit einer Entwarnung im Fernsehen präsent: Von Flüchtlingen gehe keine erhöhte Terrorgefahr aus, die meisten

Terroristen der letzten Monate seien in Europa aufgewachsen und das Risiko, zum Täter zu werden, in dieser Gruppe „nicht größer und nicht kleiner“ als in der übrigen Bevölkerung.

Speziell bei dem Axt-Attentat stellen sich Regierungs- und Polizeiexperten ohnehin die Frage, ob es als politisch gelten kann. Der Fall bewege sich vielleicht „im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror“, gab Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zu bedenken. Dahinter steckt die Überlegung, dass für einen jungen Afghanen, der gewalttätig ausrastet, der „Islamische Staat“ das naheliegendste kulturelle Vorbild ist, so wie deutsche Amokläufer ihre Vorbilder aus Computerspielen oder Ninja-Filmen beziehen. Auch der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, denkt in diese Richtung: Wenn ein Geisteskranker austicke, bleibe die Aufmerksamkeit begrenzt, wenn er dabei aber „Allahu Akbar“ rufe, sei ihm weltweite Beachtung sicher.

Bemerkenswert leise blieb jedenfalls diesmal der Ruf nach politischen und gesetzlichen Konsequenzen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU), ohnehin kein Scharfmacher, forderte „stärkere Kontrolle ... über alles, was in unser Land kommt“. Herrmann bekräftigte auch die CSU-Forderung nach Begrenzung des Zuzugs, damit man sich intensiv genug mit denen befassen könne, die wirklich berechtigt als Flüchtlinge hierher gekommen seien. Das unterschied sich aber deutlich von denTönen, mit denen die CSU vor dem „Unionsfrieden von Potsdam“ gegen Merkels Willkommenskurs vorgegangen war. Auch CSU-Chef Horst Seehofer bekundete lediglich Betroffenheit. Allerdings lebte der Täter ja auch in Bayern, eventuelle Versäumnisse würde also auch aufs Konto der Landesregierung gehen.

Scharfe Töne kamen diesmal ausgerechnet aus der CDU. Lorenz Caffier, Innenminister und Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, beklagte pauschal Gewalt von „jungen Flüchtlingen“ und forderte eine „intensive Betreuung der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge“ ohne „Denkverbote“. Die AfD versuchte derweil ganz offen, das „Köln“-Gefühl neu zu beleben. „Wieder ein ,Einzelfall’: Die Politik muss handeln“, ätzte Bundeschefin Frauke Petry per Twitter-Botschaft.

DIE INTEGRATION

Arbeit gilt neben der Sprache als eines der wichtigsten Integrationsmittel – und ermöglicht ein selbstständiges Leben. Es wird aber immer deutlicher, dass die Ausbildung und Einstellung der Geflüchteten Zeit braucht. Die Vorstellung, dass es sich bei den Neuankömmlingen um Fachkräfte handelt, war eine Illusion. Nur wenige sind gut qualifiziert, viele verstehen bei ihrer Ankunft kein einziges Wort Deutsch. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) schreibt in einem aktuellen Bericht: Von den 297000 Flüchtlingen, die Ende Juni als jobsuchend gemeldet waren, hat ein Viertel Abitur, 26 Prozent haben keinen Hauptschulabschluss, 74 Prozent keine Berufsausbildung. Deswegen kämen knapp 58 Prozent nur für Hilfstätigkeiten infrage. Das betrifft auch die vielen jungen Flüchtlinge unter 24, die die Hälfte aller Flüchtlinge ausmachen. Drei Viertel von ihnen sind Männer. Sie gelten meist als motiviert und arbeitswillig. Ihnen wird gesagt, sie hätten gute Chancen, denn sie seien jung. Das Problem ist aber: Jugendlichen aus Syrien und Afghanistan ist die duale Ausbildung in Deutschland völlig unbekannt – und vielen sind drei Jahre zu lang. Sie wollen jetzt arbeiten, Geld verdienen. Was sie noch frustriert, ist das monatelange Nichtstun. Und das, falls sie allein geflohen sind, ohne Eltern, Geschwister und Freunde. Deswegen nehmen manche von ihnen mittlerweile eher einen Job für Geringqualifizierte an, der nicht immer legal ist. Zwischen 100 000 und 300 000 der Flüchtlinge sollen schon jetzt schwarz arbeiten. Flüchtlingshelfer erzählen, dass einige der jungen Menschen mit großen Erwartungen kamen und nun vom Leben in Deutschland enttäuscht sind.

DIE BETREUUNG

Raiz Khan A. gehörte zu den rund 70000 jungen Ausländern, die sich derzeit in Deutschland aufhalten und in der Obhut von Jugendhilfeorganisationen sind. „Der Fall in Würzburg wirft nun ein schlechtes Licht auf eine Klientel, die ansonsten total unauffällig ist“, sagt Fredi Dahmer, der für den „Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ die Arbeit in Bayern koordiniert. Rund 15000 dieser Jugendlichen halten sich derzeit im Freistaat auf. Die Hälfte von ihnen stammt wie der Attentäter aus Afghanistan. Insbesondere in Franken, wo auch Raiz Khan A. unterkam, fehle es vielerorts an Infrastruktur, also Personal, Gebäuden und Know-how. „Wenn die Jugendlichen nicht richtig versorgt werden, kann eben auch mehr passieren“, sagt Dahmer. Eine Tat wie die von A., der ja sehr gut versorgt war, lässt sich so aber offenbar nicht verhindern. Die Jugendlichen werden zunächst in einer Clearingstelle aufgenommen. Dort werden minderjährige Flüchtlinge medizinisch untersucht, gefragt, ob es noch Verwandte gibt oder welche Schule geeignet wäre. Der Prozess dauert mindestens drei Monate. Danach werden sie in Einrichtungen vermittelt und können später wie Raiz Khan A. in einer Pflegefamilie aufgenommen werden. Insgesamt gibt es in Würzburg derzeit 150 dieser Jugendlichen, 20 von ihnen konnten an Pflegefamilien vermittelt werden. In Berlin wird die Unterbringung von jungen Geflüchteten in Pflegefamilien seit Jahresbeginn praktiziert. Experten sagen, man dürfe keine Parallelen zum Fall ziehen – und der vergleichsweise alte Täter war erst sehr kurz in einer Pflegefamilie. Laut Senat und Jugendamtsexperten ist die persönliche Fürsorge und private Einbindung vor allem für die Jüngeren „die beste Chance für die Integration“. Die Vermittlung übernimmt das Bezirksjugendamt zusammen mit einem Pflegekinderdienst. Pflegeeltern müssen sich qualifizieren, es gibt Gespräche sowie einen Hausbesuch. Die Sichtung, die Ausbildung und die Vermittlung wird in den Bezirken unterschiedlich gehandhabt. Der Prozess ist im Vergleich zur Aufnahme eines deutschen Kindes zudem kürzer. Es muss ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorliegen. Pflegeeltern dürfen nicht finanziell abhängig sein von den Hilfen zur Erziehung, die sie bekommen. Diese sind unterschiedlich hoch und in Brandenburg am niedrigsten. Nicht alle Interessenten werden als Pflegeeltern angenommen. Es gab auch schon Abbrüche, weil Erwachsene und Jugendliche nicht zueinander passten. Die Chancen auf Familiennachzug sind unabhängig von der Unterbringung. Während Pflegeeltern die häusliche Fürsorge übernehmen, sollte der Amtsvormund bürokratische Angelegenheiten wie das Asylverfahren übernehmen. Doch die Amtsvormünder sind völlig überlastet. Es gibt auch – viel zu wenige – ehrenamtliche Vormünder, aber bis das Familiengericht diese bestellt, dauert es sehr lange.

DIE PSYCHE

Traumatisierte Jugendliche gelten als leichte Beute für Islamisten. Henning Saß von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde beschäftigt sich seit Jahren mit religiös-ideologisch radikalisierten Tätern. „Die Persönlichkeitsstrukturen sind sehr unterschiedlich, und es muss sich keineswegs um eine psychische Krankheit handeln“, sagt Saß. Er unterscheidet zwei häufige Persönlichkeits-Typen: der eine aggressiv und selbstgerecht, mit dissozialen Zügen. Der andere unsicher, ungefestigt, auf der Suche. Meist passt diese Beschreibung eher auf Jüngere. „Ihnen gibt die totalitäre Ideologie Halt, Antwort auf alle offenen Fragen.“ Möglicherweise hat Riaz Khan A. solchen Halt gesucht. „Auch Heimweh und der Verlust von wichtigen Bezugspersonen kann ja zu einer raschen Entwicklung führen“, sagt Saß. Was von außen wie eine „Turbo-Radikalisierung“ wirke, sei in der Regel ein Prozess, der durch die mediale Überflutung seitens radikal-islamistischer Gruppen beschleunigt werden könne.

Hubertus Adam vom Martin-Gropius-Krankenhaus Eberswalde sagt, dass zudem die neurophysiologische Unreife des jugendlichen Gehirns zu starken Stimmungsschwankungen führen könne. „Dass auf Jugendliche, die sich schwach und unsicher fühlen, Angebote attraktiv wirken, die ihnen scheinbare Sicherheit bieten, ist auch bei jungen Rechtsradikalen zu beobachten.“ Adam beschäftigt sich seit gut einem Jahrzehnt mit der Psyche von minderjährigen Flüchtlingen. Für eine Studie, deren Ergebnisse im Jahr 2011 in der Zeitschrift Trauma und Gewalt erschienen ist, hatte er 215 Kinder und Jugendliche in Hamburger Schulen untersucht, die aus Afghanistan, Bosnien und dem Kosovo geflohen waren. „Sie haben kriegerische Auseinandersetzungen miterlebt, viele Tote gesehen, viele hatten deshalb anhaltende Schuldgefühle“, berichtet Adam. Trotzdem erfüllten nur 14 Prozent der Kinder die Kriterien für die Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS). Doch ein Drittel von ihnen litt an einer Depression, darunter besonders viele, die als Jugendliche geflohen waren. Seelisch besonders belastet waren diejenigen, die noch starke Rachegefühle verspürten. „Die Kinder wiesen einen hohen Grad an Auffälligkeiten auf, die nach unserer klinischen Erfahrung oft in aggressive und selbstzerstörerische Verhaltensweisen münden.“

„Wir warnen davor, die Jugendlichen nun unter Generalverdacht zu stellen“, sagt Tobias Klaus vom Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BumF). Er kritisiert, dass oft die Hilfe mit Erreichen der Volljährigkeit abrupt abbreche. „Betreuer und Vormünder müssen nah an den Jugendlichen dran sein. Wenn man die Entwicklung frühzeitig erkennt, ist auch eine De-Radikalisierung möglich.“ Auch Thomas Löw, Chefarzt der Abteilung Psychosomatik an der Uniklinik in Regensburg, fordert bessere Präventionsarbeit mit den häufig durch Kriege verstörten Heranwachsenden. Im Deutschen Ärzteblatt rechnete er vor, es könnte sich inzwischen um mehr als 150 000 traumatisierte Kinder und Jugendliche handeln. Kinder- und Jugend-Psychiater könnten das unmöglich allein auffangen.

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