Nach dem Anschlag : Wie sich Helfer auf dem Breitscheidplatz engagierten

Zahlreiche Menschen halfen direkt nach dem Anschlag. Einer der Helfer liegt nach einem mysteriösen Zwischenfall selbst im künstlichen Koma.

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Noch immer sind nicht alle Opfer des Anschlags am Breitscheidplatz identifiziert.
Noch immer sind nicht alle Opfer des Anschlags am Breitscheidplatz identifiziert.Foto: dpa/ Bernd von Jutrczenka

Sascha Hüsges liegt auf der Intensivstation, Diagnose: starke Hirnblutung. Die Ärzte in der Schlosspark-Klinik in Charlottenburg haben ihn in ein künstliches Koma versetzt. Für Hartmut Hüsges ist er „ein Held“. Der Volkswirt sitzt im Krankenhaus die ganze Zeit in der Nähe seines Ehemanns. Er möchte jetzt über dessen Schicksal reden, auch aus Selbstschutz. „Ich brauche das zur Verarbeitung.“

Sascha und Hartmut Hüsges standen in einem Glühweinstand auf dem Breitscheidplatz, als der Lkw über den Weihnachtsmarkt fuhr. Der 32-Tonner walzte eine Bude nieder, an der das Paar zehn Minuten zuvor noch locker gestanden hatte. Sascha Hüsges hörte das Krachen, sagte zu seinem Mann: „Ich muss schauen, ob ich helfen kann“ und rannte raus. Der Lkw war ein paar Meter weiter zum Stehen gekommen.

Hartmut Hüsges blieb mit dem gemeinsamen Hund zurück. Seinen Mann sah er nun nicht mehr. Drei Minuten später kam Sascha Hüsges zurück, völlig benommen, erkennbar unter Schock. „Etwas hat mich getroffen“, sagte er seinem erschrockenen Mann. Aber was? Sascha Hüsges sagte es nicht, vielleicht konnte er es auch nicht mehr sagen.

"Wenn er aufwacht, weiß niemand, ob er dauerhaft Schäden hat"

Hartmut Hüsges fuhr mit seinem Mann sofort nach Hause. Auch auf der Heimfahrt erfuhr er nichts über die Ursache der Verletzung. 20 Minuten nachdem das Paar zu Hause angekommen war, brach Sascha Hüsges zusammen. Er kam sofort ins Krankenhaus. Dort konnte der behandelnde Arzt nur registrieren: „Verletzung durch einen stumpfen Gegenstand“. Der Patient wurde sofort operiert. „Es kann sein, dass er noch tagelang im künstlichen Koma liegt“, sagt Hartmut Hüsges. „Wenn er denn überhaupt wieder aufwacht.“Sascha Hüsges ist 44 Jahre alt, für ihn gehört Helfen zum Lebensinhalt. Hartmut Hüsges beschreibt einen Mann, der Nächstenliebe gelebt hat. „Er war aktiv in der Flüchtlingshilfe. Wir wohnen in der Nähe eines Flüchtlingsheims, er hat sich sehr um die Menschen dort gekümmert.“ Er betreute Flüchtlinge, kochte mit ihnen, begleitete sie bei Behördengängen, lernte mit ihnen Deutsch oder zog mit ihnen einfach nur durch die Gegend. Hauptsache, sie entkommen dem tristen Alltag ihres Heims.

Sascha Hüsges investierte viel Energie für die Hilfe von anderen. Dabei war er schwer herzkrank. „Er hatte vor einiger Zeit eine schwere Herzoperation“, sagt Hartmut Hüsges. Wegen seiner Herzprobleme habe Sascha Hüsges auch nicht mehr in seinem Beruf als Restaurantfachmann arbeiten können. „Doch das Herz“, sagt Hartmut Hüsges, „ist jetzt nicht das Problem. Das Problem ist der Zustand seines Kopfes. Und wenn er aufwacht, weiß niemand, ob er dauerhaft Schäden hat.“

Türkische Ärztin half drei Stunden lang Opfern

49 Menschen wurden bei dem Attentat verletzt, zwölf starben. Die Regierung in Rom bestätigte den Tod der 31-jährigen Fabrizia Di Lorenzo. Die israelische Botschaft bestätigte ihrerseits den Tod der Israelin Daliya Elyakim. Zwei der Toten stammen aus Brandenburg. Nach Angaben von Innenminister Karl-Heinz Schröter handelt sich um einen 32-jährigen Mann aus Brandenburg an der Havel und um eine 53-jährige Frau aus dem Landkreis Dahme-Spreewald. Ein Mann half unmittelbar nach dem Attentat den Verletzten, so gut er es konnte. Er hat keine medizinische Ausbildung. Aber beim Helfen hat ihn ein Balken im Genick getroffen. Er kam in das Virchow Klinikum der Charité.

Die 30-jährige Julia Schneider berichtet vom Einsatz ihrer türkischen Mitbewohnerin auf dem Weihnachtsmarkt. Die Frau habe als Ärztin in der Türkei gearbeitet und versuche gerade, mithilfe eines Deutschkurses in Deutschland als Medizinerin tätig zu sein. „Sie war mit Freunden auf dem Markt“, sagt Julia Schneider, „als plötzlich der Lkw durch die Buden fuhr.“ Ihre Mitbewohnerin habe sich sofort um die Verletzten gekümmert. In einem Fall habe sie versucht, eine Person wiederzubeleben, allerdings erfolglos. Dann kniete sie neben einem Spanier, dem der Lkw über die Beine gefahren war. Sie habe nur versuchen können, ihn zu beruhigen, bis Rettungskräfte eintreffen. Insgesamt half die türkische Ärztin drei Stunden lang Opfern.

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