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Nach Übergriffen in Köln : Polizei ermittelt auch wegen organisierter Kriminalität

In Köln sind nach den Übergriffen auf Frauen an Silvester fünf Verdächtige ermittelt worden. Insgesamt liegen 106 Anzeigen wegen sexueller Gewalt und Diebstählen vor.

Polizisten kontrollieren am Dienstag vor dem Hauptbahnhof in Köln verdächtige Personen.
Polizisten kontrollieren am Dienstag vor dem Hauptbahnhof in Köln verdächtige Personen.Foto: dpa

Nach den massiven Übergriffen auf Frauen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht sind mittlerweile fünf Verdächtige ermittelt worden. Das bestätigte Stefanie Becker aus der Pressestelle der Polizei NRW Mittwochabend. Vier der Täter seien bereits identifiziert worden. Details könne man aufgrund der aktuellen Ermittlungen nicht rausgeben.

Nach den Übergriffen ermittelt jetzt die Abteilung für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität der Staatsanwaltschaft Köln. „Tat- und Täterbeschreibungen lassen es derzeit zumindest nicht als ausgeschlossen erscheinen, dass das Geschehen organisierten Täterstrukturen zuzurechnen ist“, teilte die Behörde am Mittwoch mit. Die Leiterin der Abteilung werde bei den Ermittlungen von einer Oberstaatsanwältin unterstützt, die in Verfahren um Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung besondere Erfahrung habe. Die "Kölnische Rundschau" hatte zunächst darüber berichtet. In der Silvesternacht waren nach Angaben der Polizei auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof zahlreiche Frauen im Getümmel sexuell bedrängt und bestohlen worden. Augenzeugen und Opfer hatten ausgesagt, die Täter seien dem Aussehen nach größtenteils nordafrikanischer oder arabischer Herkunft. Inzwischen wurden mehr als 100 Anzeigen erstattet. Die Staatsanwaltschaft wies darauf hin, dass Strafanzeigen auch direkt bei ihr gestellt werden können.

Polizei stockt Ermittlungsgruppe deutlich auf

Indes stockt die Kölner Polizei ihre Ermittlungsgruppe zu den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht auf. Das bestätigte ein Polizeisprecher am Mittwoch, ohne Zahlen zu nennen. Nach einem Bericht der „Rheinischen Post“ (Donnerstagausgabe) sollen künftig 80 Mitarbeiter der Ermittlungsgruppe die Angriffe auf die Frauen aufklären. Als die Ermittlungsgruppe nach Bekanntwerden der Übergriffe am 1. Januar eingerichtet wurde, seien es nur neun Beamte gewesen.

Zuvor hatte die Polizei mitgeteilt, dass sich immer mehr Opfer aus der Silvesternacht melden würden. Mittlerweile seien 106 Anzeigen eingegangen, sagte eine Sprecherin am Mittwoch. Davon hätten drei Viertel einen sexuellen Hintergrund. Nach den Vernehmungen der Opfer habe sich ein klareres Bild der Taten ergeben. "Viele Frauen geben in den Gesprächen an, dass sie auch angefasst wurden", sagte die Sprecherin. Die Beweisführung gestalte sich als "sehr schwierig", was vor allem an der "Gemengelage" in der Silvesternacht liege. Nach Polizeiangaben haben zwei Frauen Anzeigen wegen Vergewaltigung erstattet.

Hamburger Polizei: Alle Angriffe von arabisch-sprechenden Männern begangen

Nach den Übergriffen in der Silvesternacht auf der Reeperbahn sind bei der Hamburger Polizei inzwischen 53 Strafanzeigen gestellt worden. In 39 Fällen gehe es um sexuelle Belästigung, bei den anderen 14 Taten handele es sich zudem um einen Raub oder einen Diebstahl, teilte die Polizei am Mittwoch mit. Die Frauen seien zwischen 18 und 25 Jahren alt. Zur Aufklärung der Taten habe Polizeipräsident Ralf Martin Meyer eine Ermittlungsgruppe eingesetzt. Zu der Kommission gehörten Kriminalbeamte des Fachkommissariats für Sexualdelikte und Spezialisten für Taschendiebstähle. Die Polizei hatte mögliche weitere betroffene Frauen und Zeugen aufgerufen, sich zu melden. Die sexuellen Übergriffe sind laut Polizei alle von arabisch-sprechenden Männern begangen worden. Das hätten Zeugenaussagen ergeben, sagte Polizeivizepräsident Reinhard Fallak am Mittwoch dem „Hamburger Abendblatt“ beim Neujahrsempfang der Zeitung. Übereinstimmend hätten alle Frauen gesagt, dass es sich bei den Tätern um arabisch-sprechende aus dem nordafrikanischen Raum stammende junge Männer gehandelt habe.

1000 Männer sollen sich auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz versammelt haben

Nach Polizeiangaben hatten sich am Silvesterabend etwa 1000 Männer auf dem Bahnhofsvorplatz in Köln versammelt und mit Feuerwerkskörpern um sich geworfen. Als die Polizei einschritt, bildeten sich viele kleinere Gruppen. Danach sollen Frauen im Getümmel umzingelt, sexuell bedrängt und ausgeraubt worden sein. Augenzeugenberichten zufolge sollen die Täter nordafrikanischer oder arabischer Herkunft gewesen sein.

Dabei ist bis heute nicht klar, wie viele der Männer tatsächlich Täter waren und wie viele mehr oder minder zufällig auf dem Domvorplatz und dem umliegenden Gelände in das Neue Jahr hineinfeierten. Marianne Weich vom Weißen Ring in Köln ist sich sicher, dass es sich bei den Tätern um eine bereits bekannte Gruppe von Intensivtätern handle. Vor ihrer Pensionierung arbeitete Marianne Weich lange bei der Kölner Kriminalpolizei und weiß um die heikle Situation am Dom. Bis zu 30 Anzeigen seien bei der wegen Vorfällen am Hauptbahnhof an manchen Tagen eingegangen, sagte sie dem Tagesspiegel.

Zwei Drittel der Opfer seien nicht aus Köln und zum Feiern in die Domstadt gereist, hieß es. In den folgenden Tagen gingen bei der Polizei immer mehr Anzeigen ein, die sich auf Diebstähle, sexuelle Übergriffe oder beides bezogen. Für Mittwochnachmittag meldete die rechte Partei Pro NRW auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz eine Versammlung unter dem Motto "Zuwanderergewalt lässt uns nicht kalt" an.

Kölns Polizeipräsident schließt Rücktritt aus

Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers schloss am Mittwoch seinen Rücktritt aus. Auf die Frage, ob er im Amt bleibe, sagte er am Mittwoch in einem Interview auf WDR 5: "Aber natürlich. Gerade jetzt bin ich, glaube ich, hier gefragt." Im Hinblick auf den bevorstehenden Karneval sprach Albers von einer "schwierigen Situation“ in Köln. "Wir werden uns gut aufstellen, und da bin ich auch gefordert. Deshalb mache ich das hier in Köln. Ich bin hier bei meiner Kölner Polizei." Für ihren Einsatz war die Polizei unter anderem von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) kritisiert worden.

Doch die Polizei will sich die Kritik nicht gefallen lassen. Thomas Mohr, Vorsitzender der Gewerkschaft deutscher Polizisten (GdP) schaltete sich via Facebook ein und verurteilte die pauschale Kritik. Wer über Jahre hinweg massiv Stellen abbaue, müsse sich nicht wundern, dass dieses Personal an anderen Stellen fehle. Und auch Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), konterte: "De Maizière muss die Frage beantworten, wo eigentlich die vielen Bundespolizisten waren, die am Kölner Hauptbahnhof eigentlich auf dem Dienstplan stehen." Albers hingegen sagt: "Wir waren mit starken Kräften im Einsatz". Einigkeit sieht anders aus. Nach Berichten des WDR waren 150 Polizisten sowie 70 Bundespolizisten vor Ort. .

Die Polizei muss ihren Bericht nachbessern

Der Polizeibericht aus der Silvesternacht ist indes noch einmal deutlich überarbeitet worden. So war am 1. Januar noch von einer ruhigen Einsatzlage in der Silvesternacht die Rede. Von massiven Übergriffen sei da noch nichts bekannt gewesen, heißt es bei der Kölner Polizei. Im Laufe des Tages seien dann immer mehr Anzeigen eingegangen. Am 2. Januar nimmt die Sonderkommission "Januar" ihre Arbeit auf, die sich seitdem um die Anzeigen und Ermittlungen kümmert. In einer aktualisierten Version des Polizeiberichts spricht man jetzt von einer "aggressiven Stimmung", statt von 1000 Feiernden auf der Domplatte wird nun von 1000 Männern gesprochen. In dem aktuellen Bericht heißt es auch: "Die Polizei passt das Einsatzkonzept sofort an", nachdem erste Frauen Anzeige erstatteten. In der ersten Version war von diesen Anzeigen noch nicht die Rede. (mit dpa,AFP,epd)


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