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Neonazis in Deutschland : Die doppelte Unsichtbarkeit rechtsextremer Frauen

Frauen werden als politische Straftäterinnen unterschätzt. Sogar im NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe steckt das Klischee von friedliebenden Frauen. Höchste Zeit, das abzustellen. Ein Kommentar.

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Nicht immer sind Neonazi-Frauen so freimütig mit ihrer Selbstbeschreibung.
Nicht immer sind Neonazi-Frauen so freimütig mit ihrer Selbstbeschreibung.Foto: Carsten Rehder/dpa

Vom Komplex NSU ist öffentlich nicht viel übrig geblieben. Es gibt den Prozess gegen Beate Zschäpe und mehrere Mitangeklagte in München. Und auch der geht seiner Erledigung entgegen. Der Vorsitzende Richter macht Tempo, die Urteile könnten in wenigen Monaten ergehen.

Umso lesenswerter ist eine kürzlich erschienene Intervention, die der Rolle und Wahrnehmung von Frauen wie Zschäpe auf den Grund geht, ihrer tragenden und zugleich aufs Randständige zurechtgestutzten Rolle in rechtsextremen Zusammenhängen. Und dabei von sehr viel mehr erzählt.

Die Autorinnen Esther Lehnert und Heike Radvan haben sich lange für die Amadeu-Antonio-Stiftung mit Geschlechterfragen in der Naziszene beschäftigt. Und dabei ein Muster herausgearbeitet. Obwohl Frauen immer wieder entscheidende Funktionen bei Mordanschlägen, Beschaffung und Tarnung rechtsextremistischer Organisationen hatten, wurden sie mal übersehen, mal für minderschwere Kaliber gehalten und milder abgeurteilt als ihre Kameraden.

Die kleine Nachkriegsgeschichte rechter Terroristinnen (Autor ist Ulrich Overdieck, ebenfalls Mitarbeiter der Stiftung) ist eindrucksvoll: So war Sibylle V. an allen Anschlägen der Anfang der 1980er aktiven „Deutschen Aktionsgruppen“ wesentlich beteiligt, auf deren Konto etwa 20 Tote gehen.

Die „Wehrsportgruppe Hoffmann“ habe zeitweise geradezu um Frauen geworben, die Ehefrau des Gründers Hoffmann leitete die Terrororganisation, als er sich in den Libanon absetzte. Und beim Oktoberfestanschlag 1980 mit 13 Toten und 200 Verletzten gerieten auch fünf Frauen auf den Radar der Ermittler.

Doch Sibylle V. hielt das Gericht zugute, sie sei ihrem Anführer „geistig und sexuell hörig“ gewesen. Und Hoffmanns Ehefrau Franziska B. ging straflos aus, obwohl am Ort der antisemitisch motivierten Ermordung des Münchner Verlegers Shlomo Levin und seiner Lebensgefährtin ihre Sonnenbrille und eine Waffe aus ihrer Wohnung gefunden wurden.

Neonazi-Frauen führen gern ihre Mutterschaft ins Feld

Die doppelte Unsichtbarkeit rechtsextremer Frauen – sie gelten, da Frauen, als friedliebender und weniger politisch, in der Folge selten oder nie als Täterinnen – setzt sich bis heute fort. Als die Ermittlungen um die NSU-Mordserie an Migranten kurzzeitig auch der richtigen Spur folgten, die Täter könnten Rechtsextreme sein, wurde nur nach Männern gefahndet.

Und immer noch setzen aktiv rechte Frauen, so jetzt auch im Münchner Prozess, oft mit Erfolg darauf, dass ihnen abgenommen wird, wenn sie sich als unpolitisch, Mitläuferinnen, eigentlich an den Männern der Szene und nicht an Politik interessiert darstellen. Oder wenn sie ihre Mutterschaft ins Feld führen: Mandy S., die als eine NSU-Unterstützerin der ersten Stunde gilt, begründete in München damit ihren angeblichen Rückzug aus dem Rechtsextremismus. Katrin D. erklärt, sie habe die untergetauchten NSU-Täter nicht unterstützt, denn sie sei damals gerade Mutter geworden.

Zu Beate Zschäpe gibt es eine Schlüsselszene. Der in München mitangeklagte Carsten S. berichtete, Böhnhardt und Mundlos hätten ein Gespräch mit ihm abgebrochen, als sie den Raum betrat. Es wurde in der Presse als Hinweis auf Zschäpes Unwissenheit genommen. Die auch plausible Deutung, die Kameraden hätten sich von ihr nicht bei einem heiklen Gespräch erwischen lassen wollen, erfolgte nicht. Sie hätte bedeutet, Zschäpe nicht als Nebenfigur, sondern im Gegenteil als Anführerin in Betracht zu ziehen, deren „Kontrolle geachtet werden muss“.

Das Klischee gilt: Frauen töten nicht

Lehnert und Radvan haben eine Handreichung geschrieben, sie wollen Sozialarbeiterinnen und -arbeiter aufklären, wie sie mit Rechtsextremismus umgehen können, der, so die Autorinnen, immer stärker und gezielt über rechtes Engagement in Elternarbeit, Kitas, Jugendgruppen läuft. Für Fachleute spannend, wie sie dabei dem Doppelgesicht der sozialen Arbeit nahe kommen, die einerseits vor mehr als einem Jahrhundert der erste akzeptierte Beruf bürgerlicher Frauen wurde, sich andererseits als „organisierte Mütterlichkeit“ verstand und Frauenklischees betonierte.

Spannend aber auch, was sie wie nebenbei enthüllen: Welch atemberaubend vorsintflutliche Klischees noch immer in einem gesellschaftlichen Mainstream herrschen, der sich für aufgeklärt hält: Mütter morden nicht, Frauen sind keine Chefs und sie sind an romantischer Liebe interessiert, nicht an Politik. Die Rechte selbst, der diese Klischees beim Tarnen helfen, ist emanzipierter. In den Urteilen in München kann sich zeigen, ob die Stereotype ihre Kraft behalten.

Das Buch von Esther Lehnert und Heike Radvan wird am Donnerstag, dem 23. März 2017, 19 Uhr, in den Räumen der Amadeu-Antonio-Stiftung in Berlin, Novalisstraße 12 vorgestellt.

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