Neues Desaster um Hauptstadtflughafen : BER wird auch nicht 2016 fertig - wenn überhaupt

Eigentlich wollte Hartmut Mehdorn dem Aufsichtsrat am 12.Dezember den Eröffnungstermin für den BER präsentieren, im Herbst 2016. Daraus wird nun nichts – weder mit der Verkündung noch mit dem Starttermin.

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Da waren sie noch frohen Mutes. Doch der BER produziert weiterhin nur Negativschlagzeilen, für Harmut Mehdorn (li.) könnte es eng werden.
Da waren sie noch frohen Mutes. Doch der BER produziert weiterhin nur Negativschlagzeilen, für Harmut Mehdorn (li.) könnte es eng...Foto: dpa

Was verzögert sich nun schon wieder?
Eine Inbetriebnahme des BER vor 2017 ist objektiv unmöglich geworden. Denn das „Monster“, die nicht funktionierende Entrauchungsanlage, ist nicht gezähmt. Sie wird, das ist weiterhin das Konzept, in drei Abschnitte geteilt. Die dafür nötigen Pläne sollen bis „Mai 2015“ vorgelegt werden – wie Mehdorn im September dem Aufsichtsrat mitteilte. Nach internen Flughafenunterlagen, auf die sich die „Bild am Sonntag“ nun beruft, soll es neue Verzögerungen von einigen Monaten geben. Dem Aufsichtsrat ist davon nach Tagesspiegel-Recherchen bislang nichts bekannt. Der Flughafen kommentiere nicht „jede wirre Spekulation“, sagte Flughafensprecher Ralf Kunkel am Sonntag. Er dementierte es aber auch nicht. Wenn es stimmt, dann kann der Flughafen erst 2018 ans Netz gehen. Schon bei einer Vorlage der Pläne bis Mai 2015 können nächstes Jahr die Bauarbeiten für den Umbau der Entrauchungsanlage kaum noch beginnen.

Was ist für die BER-Eröffnung noch zu tun?
Die Pläne müssen vom Bauordnungsamt Dahme-Spreewald geprüft und genehmigt werden. Dauer: einige Monate. Danach müssen Aufträge europaweit ausgeschrieben werden. Dauer: einige Monate. Wie lange die Bauarbeiten dauern werden, kann niemand seriös sagen. Dauer: ein halbes Jahr bis ein Jahr, geschätzt. Danach schließt sich der Testbetrieb an, um ein Eröffnungschaos wie in London-Heathrow zu vermeiden. Dauer: fünf bis sieben Monate.

Was sind die größten Probleme?
Im „Fluggastterminal“ sind nach den letzten Berichten an den Aufsichtsrat (Stand September 2014) erst 24 Prozent der noch ausstehenden Arbeiten erledigt. 59 Prozent sollten es nach den internen Vorgaben des „Sprint“-Programms sein. Es ist noch kalkuliert auf eine Eröffnung des Airports im Jahr 2016. Und die Entrauchungsanlage ist zwar das größte, aber lange nicht das einzige Problem. Technik-Chef Jörg Marks spricht von „Sanierung im Bestand“ – was zum Beispiel bei der „Deckenhohlraumsanierung“ deutlich wird. In den Chaoswochen, ehe man am 8. Mai 2012 die für den 3.Juni angekündigte Eröffnung des „modernsten Flughafens Europas“ abblies, ist am BER in unvorstellbarem Ausmaß gepfuscht worden. Fast kein Kabel wurde so verlegt, wie es in den Plänen stand und genehmigt wurde. In den Zwischendecken muss nun der Kabelsalat, einige hundert Kilometer lang, entwirrt und neu geordnet werden. Technikchef Marks schickt jetzt Teams durch das Terminal, ähnlich wie Minenentschärfer, die Meter für Meter alles abgrasen und reparieren.

Sind die früheren Generalplaner – also die damalige Planungsfirma gmp des renommierten Architekten Meinhard von Gerkan – daran schuld?
Das alles werden letztlich wohl die Gerichte klären. Der Flughafen versucht jetzt zumindest, wie die „Bild am Sonntag“ unter Bezug auf eine Rechnung vom 19.Juni 2014 publik macht, von der Planungsfirma 224,7 Millionen Euro Schadenersatz zu verlangen. Weit mehr, als bislang gedacht. Auch davon weiß der Aufsichtsrat bislang nichts. Die Chancen dürften nicht groß sein, nachdem der Flughafen schon mit der Kündigung von Ex-Geschäftsführer Rainer Schwarz scheiterte – dem nun 1,6 Millionen Euro überwiesen werden. Hinzu kommt, dass sich gmp im April 2012 geweigert hatte, die „Fertigstellungsanzeige“ für den nicht fertigen Airport zu unterzeichnen. Erst das war der Auslöser, dass die Eröffnung abgesagt wurde. Geschäftsführer Schwarz und Aufsichtsratschef Klaus Wowereit hätten es darauf ankommen lassen – mit angeheuerten Studenten, die als „Mensch–Maschine–Lösung“ im Brandfall die Türen öffnen sollten.

Welche Folgen hätte es, wenn der BER erst 2017 oder sogar 2018 eröffnet?
Das ist kaum kalkulierbar. Die Baugenehmigung läuft 2016 aus. Der Landrat von Dahme–Spreewald, Stefan Loge (SPD), hat bereits erklärt, dass sie nicht verlängert werden kann – sondern ein neuer Bauantrag gestellt werden müsste. Inzwischen gelten aber höhere Baustandards. Und die Kosten des neuen Flughafens, die von 2009 bis 2012 mit 2,5 Milliarden Euro angegeben worden waren, laufen dann weiter aus dem Ruder. Aktuell liegen sie bei 5,4 Milliarden Euro, inklusive der vom Aufsichtsrat zuletzt bewilligten 1,1 Milliarden Euro. Jeder Monat später kostet 17 Millionen Euro, jedes Jahr später 260 Millionen Euro. Beim Flughafen hofft man, für den Weiterbestand der Baugenehmigung eine Ausnahme zu erhalten. Die Gesetze seien nicht für einen Bau dieser Größe gemacht worden.

Und das Kapazitätsproblem?
Der BER ist schon jetzt zu klein. Eine vorherige Erweiterung wäre noch dringender. In diesem Jahr werden in Tegel und Schönefeld über 27 Millionen Passagiere erwartet – so viel wie die Startkapazität des BER. Das Passagierwachstum in der Hauptstadtregion, so rasant wie nirgends in Deutschland, ist ungebrochen. Für 2016, Mehdorns bisherigem Zieljahr, prognostizierte die jüngste interne Studie des Flughafens 31,4 Millionen Passagiere. 2017/2018 wird man schon bei 34 Millionen sein.

Was bedeutet das für Hartmut Mehdorn?
Im Aufsichtsrat wächst nun die Unzufriedenheit mit Mehdorn noch mehr. Im Grunde hat der Flughafenchef seit 2013 nichts, was er ankündigte, einlösen können. Sein Vertrag läuft im Februar 2016 aus. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Hartmut Mehdorn dürfte, wenn der BER 2017 oder 2018 eröffnet wird, nicht mehr Flughafenchef sein.