NSU-Prozess - 164. Tag : Wie die Terrorzelle Neckermann betrogen haben soll

Es ging um nicht bezahlte Rechnungen bei Quelle und Neckermann - und eine Wohnung unter falschem Namen: Beim NSU-Prozess in München kam am Mittwoch ein dubioser Zeuge zu Wort, der dem Gericht eine Geschichte wie bei Hitchcock erzählte.

Die Angeklagte Beate Zschäpe beim NSU-Prozes in München.
Die Angeklagte Beate Zschäpe beim NSU-Prozes in München.Foto: dpa

Bislang war von zehnfachem Mord, drei Sprengstoffanschlägen und 15 Raubüberfällen die Rede, doch die Terrorzelle NSU hat womöglich 1999 auch in der Art von Kleinkriminellen betrogen. Waren im Wert von 5000 bis 6000 D-Mark seien auf seinen Namen bestellt worden, sagt am Mittwoch der Zeuge Ralph H. im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München. Mal wieder deutet sich ein bizarrer Verhandlungstag an. Mit einem weiteren dubiosen Zeugen mit einer rechtsextremen Biografie.

Als die Rechnungen nicht bezahlt wurden, die bei Versandhäusern wie Quelle und Neckermann aufgelaufen waren, habe sich ein Inkasso-Unternehmen bei ihm gemeldet, sagt Ralph H. Der damalige Skinhead bekam auch Ärger, weil auf seinen Namen eine Wohnung in Chemnitz gemietet worden war, die Hausverwaltung aber mehrere Monate kein Geld erhielt. Die Räume dienten offenbar nur als Adresse für die Lieferung der Waren. Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe hielten sich in einer anderen Wohnung in Chemnitz versteckt. Ist diese Geschichte ein weiterer Hinweis auf die enorme kriminelle Energie des NSU – und seiner Helfer?

Dass die Terrorzelle mit den Betrügereien zu tun hatte, lässt ein Indiz vermuten. Die Polizei fand 2011 in der mutmaßlich von Zschäpe angezündeten Wohnung in Zwickau drei Gegenstände, die zu einer Bestellung bei Firma „Frankonia“ passen  könnten, einem bekannten Unternehmen für Jagdzubehör. Es handelte sich um ein verschmortes Nachtsichtgerät, Reste einer CS-Gas-Dose und ein „Buck Tool“, ein Multifunktionswerkzeug. Geräte derselben Marken und Modelle hatte Frankonia 1999 an die Adresse der auf Ralph H. gemieteten Wohnung geliefert. Aber ein Detail ist noch brisanter: im Brandschutt entdeckte die Polizei auch den Personalausweis von Ralph H. Er hatte ihn im Februar 1999 als verschwunden gemeldet. Alles Zufall oder ein Hinweis auf eine Kumpanei des Zeugen mit dem NSU?

NSU-Prozess: Mehrere Opferanwälte haben eine andere Theorie

Ralph H., heute 50 Jahre alt und äußerlich ein biederer Typ, spricht monoton brav. Er sagt, der Personalausweis sei ihm vermutlich zusammen mit seiner Geldbörse in Chemnitz gestohlen worden. Vielleicht, als er stark alkoholisiert von einem Treffen der rechten Szene im Vereinsheim „Lebensfreude“ nach Hause ging, vielleicht auch am nächsten Tag bei der Fahrt zu einem Einkaufszentrum in Chemnitz. Wie der Ausweis nach Zwickau kam, kann er sich, angeblich oder tatsächlich, nicht erklären.

Auch auf Fragen zu der betrügerischen Bestellung der Waren hat Ralph H. Antworten parat. Er habe bei der Polizei Anzeige erstattet, als sich die Inkasso-Firma bei ihm gemeldet hatte, sagt er. Und er sei zu der Hausverwaltung der auf seinen Namen gemieteten Wohnung gegangen und habe sich bescheinigen lassen, dass er nicht derjenige war, der den Mietvertrag unterzeichnet habe. Passiert sei ihm dann nichts. Klingt alles schlüssig. Aber mehrere Opferanwälte, die im September die Vernehmung von Ralph H. beantragt hatten, haben eine andere Theorie.

Sie vermuten, der Zeuge habe Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe schon vor deren Gang in den Untergrund gekannt und ihnen geholfen. Ralph H. habe seinen Ausweis „bewusst weitergegeben“, heißt es im Antrag. Und der Warenbetrug wird als „gezielte Aktion zur Finanzierung und Ausrüstung“ von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe interpretiert. Das sieht Ralph H. ganz anders. Er bestreitet auch, die drei Untergetauchten gekannt zu haben. Doch er muss am Mittwoch eine Geschichte zugeben, die an seiner Ahnungslosigkeit zweifeln lässt.

Welche Rolle spielte Ralph H.?

Ralph H. hatte als rechter Skinhead in Chemnitz Kontakt zu einem der Häuptlinge der Szene, Thomas S. Der war nicht nur eine Autorität im Milieu der Glatzköpfe und später V-Mann des Landeskriminalamtes Berlin, sondern auch ein früher Unterstützer von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe. Dem BKA hat S. von einem „Techtelmechtel“ mit Zschäpe berichtet und der Lieferung von TNT an Mundlos, beides schon dem Abtauchen der drei im Januar 1998. Thomas S. gab auch zu, ihnen nach der Flucht aus Jena eine Unterkunft in Chemnitz zu verschaffen. Und Ralph H. erzählt nun eine mysteriöse Geschichte, die damit in Zusammenhang stehen könnte. Thomas S. habe ihn Ende der 1990er Jahre, „im Sommer, Herbst“, abends zu einem Treffen gebeten. Das dann laut H. nachts stattfand, bei schlechtem Wetter. Es klingt ein bisschen nach Hitchcock.

Thomas S. habe mit zwei Personen zusammengestanden. Die habe er, sagt Ralph H., wegen ihrer Kapuzen nicht erkennen können. Thomas S. habe gefragt, ob er die beiden für ein paar Tage als Untermieter aufnehmen könne. Das habe er verneint, sagt Ralph H., weil er noch bei seinen Eltern gewohnt habe. Ob die beiden Kapuzenträger Mundlos und Böhnhardt waren, bleibt offen. Ralph H. behauptet, er habe Thomas S. nicht gefragt, wer die zwei waren.

Thomas S. ließ nicht locker. Ein halbes Jahr später habe S. ihn wieder angesprochen, „ob ich nicht doch jemanden zur Untermiete unterbringen kann“, sagt Ralph H. Er habe wieder verneint und S. an Carsten R. verwiesen, auch ein rechter Skinhead. Ein brisanter Hinweis, auch für Ralph H. selbst. Carsten R. hat im NSU-Prozess zugegeben, in Chemnitz einen Mietvertrag für eine kleine Wohnung abgeschlossen zu haben, in der Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe unterkamen. Und Carsten R. sagte, er habe auf die Bitte seines Kameraden Ralph H. gehandelt.

Doch Ralph H. kann oder will sich an keine Unterstützung für die drei erinnern. Er redet auch offenbar seine Rolle im braunen Skinheadmilieu klein. Auf die Frage eines Opferanwalts, ob er in der Szene „SS-Ralle“ genannt wurde, antwortet Ralph H., „gehört habe ich das schon mal, ist vielleicht mal abends in einer Gaststätte gefallen“. Seine politische Einstellung aus der Skinhead-Zeit schildert er auch eher vage. Er habe sich für „Brauchtum“ interessiert. Und er schwärmt von seiner Zeit bei der Bundeswehr. „Das hat mir gefallen, der kameradschaftliche Umgang, jeder ist gleich, jeder trägt die gleiche Kleidung.“ Motiviert durch den Wehrdienst habe er sich dann der rechten Szene zugewandt. Mit der Idee, „dass das alles militärisch aufgebaut wird, man fühlt sich zum Elitären hingezogen“. Heute, meint er, war das „etwas naiv“. Als der Zeuge am späten Nachmittag gehen kann, hinterlässt er einen erschöpften Gerichtssaal.

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