NSU-Prozess : Einblicke in die dunkle Welt eines Neonazis

André E. soll den NSU etwa neun Jahre lang unterstützt haben. Beim Prozess in München schilderte nun eine Zeugin ihre Beziehung zu dem Neonazi mit den Hass-Tätowierungen.

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Beim NSU-Prozess in München stand am Mittwoch André E. im Mittelpunkt, ein mutmaßlicher Unterstützer des Terrortrios (Archivbild).
Beim NSU-Prozess in München stand am Mittwoch André E. im Mittelpunkt, ein mutmaßlicher Unterstützer des Terrortrios (Archivbild).Foto: dpa

André E. ist weitflächig tätowiert, auf seinem Oberkörper prangt die Hassparole „Die Jew Die“ (Stirb Jude stirb). Grinsend sieht der Neonazi am Dienstag zu, als im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München mehrere Fotos seiner bizarren Hautmalereien gezeigt werden. Der 35-jährige Angeklagte ist nun erstmals in den 103 Tagen der Hauptverhandlung die Hauptperson, wie üblich äußert er sich nicht. Trotzdem werden nun nicht nur seine Tattoos einem größeren Publikum bekannt. Eine ehemalige Freundin sagt aus, wie sie André E. Ende der 1990er Jahre erlebt hat. Und dass sie gemeinsam mit ihm Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe kennenlernte, als die sich kurz nach dem Abtauchen Anfang 1998 in einer Chemnitzer Wohnung versteckten.

Die Zeugin Anja S. beschreibt den André E. aus dieser Zeit als typische Figur der  rechtsextremen Skinheadszene, „Springerstiefel, Jeans, Bomberjacke“. Im Erzgebirge, wo die beiden im Sommer 1997 bei einem Fest in Breitenbrunn zusammenkamen, war dieses Outfit „im Großen und Ganzen“ normal, sagt Anja S. Sie selbst hatte, wenn auch gerade mal 15 Jahre alt, ebenfalls schon rechte Ansichten. „Ich hab’ auch gesagt, die Ausländer kommen hierher und nehmen uns die Jobs weg.“ Aber das musste André E. ihr gar nicht einimpfen.

Stiefvater von Anja S.: "Was willste mit dem?"

Anja S. berichtet von ihrem Stiefvater, der eine „extreme“ politische Haltung hatte – aber André E. nicht mochte. Der Stiefvater sei gegen Skinheads gewesen, weil er deren Auftreten nicht mochte. „Er sagte immer, der André ist einen Kopf kleiner als du, was willste mit dem“, erinnert sich die Zeugin. Also traf sie sich ein Jahr lang heimlich mit dem Maurerlehrling. Schließlich gaben ihre Eltern nach.

André E. sei zu ihr „unheimlich lieb und nett“ gewesen, sagt Anja S. Der Angeklagte grinst wieder. Aber dann schildert die Frau, dass ihr das rechtsextreme Gehabe zunehmend auf die Nerven ging. „Es wurde nur geschimpft, alles war negativ, nur Ausländerfeindlichkeit“, sagt sie. Für André E. sei alles schlecht gewesen, „was nicht deutsch war“. Außerdem erinnert sich die Zeugin an ein Skinheadkonzert, das sie mit André E. besuchte, „das war eher schrecklich“. Die Skinheads hätten den Hitlergruß gezeigt, André E. vermutlich auch.

Als die junge Frau in Chemnitz eine Lehre als Hotelfachfrau begann, weitete sich ihr Blick. Die Welt von André E. wurde ihr zu klein, auch wenn er mal behauptete, sich mehr mit Musik und weniger mit Politik beschäftigen zu wollen. Anja S. sagt, sie habe sich nicht nur Freunde danach aussuchen wollen, „ob sie die richtige Hautfarbe haben“. Die in Diskos gespielte Musik habe André E. als „Negergezappel“ bezeichnet. Doch Anja S. ging gerne tanzen. Sie habe erkannt, „eine Familie hätte ich mit André nicht gründen können“. 1999 beendete Anja S. die Beziehung. Das habe André E. „schon weh getan“. Danach sah sie ihn nicht mehr wieder. Bis zu diesem Dienstag im Gerichtssaal.

Der Unterschied zwischen Anja S. und André E. ist deutlich. Die Frau mit den langen, blonden Haaren wirkt gepflegt und redet offen, mit einem leichten englischen Akzent. Seit 2005 lebt sie in Großbritannien, mit Rechtsextremismus hatte sie offenbar schon lange zuvor nichts mehr zu tun.

André E. ist auch heute noch ein subkultureller Typ, allerdings jetzt mehr im Rocker-Stil. Schwarze Lederweste mit Verschlüssen in der Art von Karabinerhaken, schwarze Tunnelohrringe, kräftiger Vollbart. Auch die Finger sind tätowiert.

André E. mietete Wohnmobile für Mundlos und Böhnhardt

Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, die Terrorzelle NSU von 2000 bis 2009 unterstützt zu haben. André E. soll Wohnmobile gemietet haben, die Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bei zwei Raubüberfällen und beim ersten Sprengstoffanschlag in Köln nutzten. Bei dem Angriff in der Domstadt hatte Mundlos oder Böhnhardt im Dezember 2000 im Lebensmittelgeschäft eines Iraners einen Sprengsatz deponiert. Die Tochter des Mannes erlitt bei der Detonation im Januar 2001 schwere Verletzungen. André E. soll zudem Uwe Böhnhardt und Zschäpe je ein Exemplar einer manipulierten Bahncard 25 verschafft haben. Und er soll in Zwickau gegenüber der Polizei Beate Zschäpe als seine Ehefrau ausgegeben und damit verhindert haben, dass der NSU enttarnt wurde.

 Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt traf Anja S. 1998, gemeinsam mit André E.,  in einer Wohnung in Chemnitz. Den Unterschlupf hatte ein Rechtsextremist für die drei Gesinnungsfreunde aus Jena besorgt. Warum sich Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt versteckten, will Anja S. nicht gewusst haben. „Ich war gerade mal 16, gegen die war ich ein Kind“, sagt sie, „da frage ich nicht, was habt Ihr verzapft“. Einmal habe sie Kaffee mitgebracht, „ich hielt das für Anstand“.

Bei den Besuchen habe man gemeinsam „Risiko“ gespielt, dabei geht es um die Eroberung möglichst vieler Länder. Von dem Brettspiel „Pogromly“ wisse sie hingegen nichts. Bei „Pogromly“, einer mutmaßlich von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe gebastelten, pervertierten Version von „Monopoly“, sollen die Spieler aus mehreren Städten Juden in Konzentrationslager deportieren. Von der Gesinnung her passt das zu dem Tattoo „Die Jew Die“ auf dem Oberkörper von André E. Da er hartnäckig schweigt, wird im Prozess wohl nicht zu erfahren sein, ob er „Pogromly“ gespielt hat. 

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