Öffentlich-rechtliches Fernsehen : Was sich bei der Tagesschau ändern muss

Die Tagesschau soll mit Fernsehen überzeugen, nicht mit einer App. Wie das gelingen kann, erklärt unser Kolumnist.

Die Tagesschau-App - offensiv beworben von der Tagesschau.
Die Tagesschau-App - offensiv beworben von der Tagesschau.Foto: Oliver Berg/dpa

Die „Tagesschau“ des Ersten Deutschen Fernsehens hat seit Dezember eine neue App. Es ist die erste Nachrichten-App des Landes – sagen ihre Entwickler –, die Videos sowohl hochkant als auch horizontal im 16:9-Format zeigen kann. Man muss das Telefon also im Zweifel nicht mehr drehen, um bewegte Bilder anschauen zu können. Es vergeht kaum eine 20-Uhr-Sendung der „Tagesschau“, in der nicht auf das neue Utensil hingewiesen wird. Weitere Informationen zum gerade angerissenen Thema, sagen die Nachrichtensprecher dann, seien in der App zu finden.

Die offensive Werbung der Tagesschau für die Tageschau-App grenzt an Nötigung

Was ist das? Nötigung?

Das Durchschnittsalter der „Tagesschau“-Zuschauer liegt derzeit bei 60 Jahren. Die Sendung ist also vor allem eine für die Generation derjenigen, die ihrer Rente entgegensehen oder sie längst beziehen. Für Menschen, die ihre Gewohnheiten nur noch ungern ändern. Diese Menschen sollen sich also schon wieder die Bedienung einer App antrainieren, um zu wissen, was los ist in der Welt? Oder sich überhaupt erst einmal ein Smartphone anschaffen? Die Leute haben sich doch bereits einen Fernseher gekauft, und das Programm haben sie sowieso schon bezahlt.

Eine Alternative dazu wäre, die Fernsehsendung so zu gestalten, dass man hinterher so viel wie möglich davon verstanden hat, was los gewesen ist am Tag. Oft ist das, was dort immer verzweifelter in 15 Minuten gepackt wird, eine merkwürdige Mischung aus Unter- und Überforderung der Zuschauer. Im Duktus eines Grundschullehrers werden Themen angerissen, die ohne bereits vorhandenes Wissen kaum zu begreifen sind. Im schlimmsten und ebenso regelmäßigen Fall werfen die gelieferten Informationen mehr Fragen auf, als sie beantworten.

Die Tagesschau hinterlässt oft mehr Fragen als sie beantwortet

Man müsste einmal ein Experiment machen. Man holt einen Raumfahrer, der ein paar Wochen in der Erdumlaufbahn verbracht hat, vor den Fernseher und lässt ihn die „Tagesschau“ schauen. Oder jemanden, der gerade aus dem Urlaub kommt. Oder tagsüber keine Zeitung gelesen hat, jemand, dessen Chef ihm nicht erlaubt, während der Arbeit Nachrichtenseiten im Internet zu lesen. Hinterher fragt man, was da im Fernsehen berichtet wurde. Man fragt, ob er etwas mit den „Aufsagern“ anfangen konnte. Jenen zwei, drei einordnend gemeinten Sätzen, die Reporter am Ende ihres Beitrags noch in die Kamera sprechen. Sie stehen dabei oft auf der Berliner Weidendammbrücke, im Hintergrund sind Reichstag und Parlamentsneubauten zu sehen. Das Ganze läuft häufig auf ein „man wird sehen“ hinaus, auf ein „bleibt abzuwarten“, „es wird sich zeigen, ob …“.

Das also ist die führende deutsche Nachrichtensendung. Ausgestattet aus dem Topf der acht Milliarden Gebührenzahlereuro, die die öffentlich-rechtlichen Sender in jedem Jahr einnehmen. Versehen mit einem Heer von Reportern, Redakteuren und Auslandskorrespondenten, das sich niemand von der Konkurrenz – ob im Fernsehen, bei Zeitungen oder Magazinen – nur annähernd leisten könnte. Folgende Behauptung: Noch das kleinste Kleinstadt-Zeitungchen übermittelt seinen Lesern mehr und im Zweifel bessere Informationen als der Nachrichtenklassiker um 20 Uhr.

Die Tagesschau muss sich vom Verlautbarungsjournalismus trennen

Dabei war er vielleicht noch nie so wichtig wie heute. In einer sich immer schneller zu drehen scheinenden Welt voller Widersprüche, Falschmeldungen, Facebook könnte die Fernseh-„Tagesschau“ zeigen, was sie eigentlich können sollte. Sie könnte sich aus ihrem 15-Minuten-Korsett befreien. Sie könnte sich vom Verlautbarungs-Journalismus – besonders auffällig bei Themen der Bundespolitik – trennen und stattdessen erklären, nachfragen, widerlegen.

Sie müsste dann vielleicht auch nicht mehr so oft das Feld anderen überlassen, wenn es darum geht, besonders schnell zu sein. RTLs Peter Kloeppel hat am 11. September 2001 vorgemacht, wie so etwas geht. Beim Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz – in der Mitte zwischen dem Hauptstadtstudio der ARD und dem Sitz des RBB gelegen – war es wiederum die private Konkurrenz, die rascher auf Sendung ging. Zum Beispiel CNN, ein Sender aus Amerika.

Die „Tagesschau“ könnte Aufsehen erregen. Ihr stehen gute Leute und gutes Geld zur Verfügung. Darüber hinaus hat sie, als Sendung im öffentlich-rechtlichen System, einen Auftrag zu erfüllen. Sie hat laut Rundfunkstaatsvertrag „einen umfassenden Überblick über das Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben“.

Aufsehen erregen? Zuletzt war dies der Fall, als plötzlich die Beine der Nachrichtensprecher ins Bild gekommen waren.

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