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Oersdorf in Schleswig-Holstein : Flüchtlingsfreundlicher Bürgermeister niedergeschlagen

Der Bürgermeister von Oersdorf ist attackiert worden. Auch nach der Tat reißen die Drohungen gegen die Gemeinde nicht ab - im Gegenteil: Sie werden drastischer.

Clara Lipkowski
Möglicherweise aus Fremdenhass ist der Bürgermeister von Oersdorf attackiert worden. Foto: dpa/Georg Wendt
Möglicherweise aus Fremdenhass ist der Bürgermeister von Oersdorf attackiert worden.Foto: dpa/Georg Wendt

Erneut ist ein Politiker gewalttätig angegriffen worden. Ein Unbekannter hatte am Donnerstagabend Joachim Kebschull, Bürgermeister der schleswig-holsteinischen Gemeinde Oersdorf, mit einem Knüppel oder Kantholz am Hinterkopf verletzt, teilte die Polizeidirektion Kiel mit. Demnach hatte der Täter dem Politiker der Oersdorfer Wählervereinigung auf dem Weg zu einer Ausschusssitzung aufgelauert. Er entkam nach der Tat unerkannt. Bei der Ausschusssitzung am Donnerstagabend sollte es auch um ein Haus gehen, in dem nach früheren, inzwischen verworfenen Plänen Flüchtlinge untergebracht werden sollten.

Es gab seit Monaten Drohungen gegen den Bürgermeister

Seit Monaten hatte der 61-Jährige Bürgermeister der Gemeinde nördlich von Hamburg Drohbriefe erhalten. Am Donnerstag erreichten ihn Schreiben mit den Worten „Wer nicht hören will, muss fühlen“ und „Oersdorf den Oersdorfern“. Kebschull plante, Flüchtlinge in der Gemeinde unterzubringen, weshalb die Tat zunächst im rechten Spektrum vermutet wurde. Der für politisch motivierte Straftaten zuständige Staatsschutz ermittelt nun. Die Polizei betonte aber, es werde in alle Richtungen ermittelt: „Motive können auch außerhalb möglicher fremdenfeindlicher Hintergründe liegen.“

"Aus Knüppel wird Hammer, aus Hammer wird Axt"

Weil die Bauausschusssitzung zuvor zweimal wegen Bombendrohungen abgesagt wurde, sicherte die Polizei das Gelände. Der Täter passte den Politiker davor ab. Kebschull erlitt nur leichte Verletzungen, er war noch am Abend vernehmungsfähig. Unterdessen ist am Freitagvormittag eine weitere, noch drastischere Drohung per E-Mail eingegangen: „Wer jetzt noch immer nicht hören will, wird bestimmt lieber fühlen“, heißt es in einem Schreiben, das der frühere Bürgermeister der Gemeinde, Wilfried Mündlein, erhalten hat. Und weiter: „Aus Knüppel wird Hammer, aus Hammer wird Axt.“ Mündlein brachte das Schreiben am Freitag zu einem Treffen mit Landesinnenminister Stefan Studt (SPD) mit. Die Mail stammt den Angaben zufolge von einem österreichischen Provider. Mündlein war von 1994 bis 2013 Bürgermeister in der Gemeinde.

813 Übergriffe auf Politiker in diesem Jahr

Auf der Website der Wählervereinigung hieß es vor dem Vorfall bereits, Oersdorf habe nicht in gutem Sinne von sich reden gemacht. Der Vorfall reiht sich in eine Serie von Attacken gegen Politiker ein: Seit Jahresbeginn hat das Innenministerium 813 Übergriffe auf Politiker registriert, darunter 18 Fälle direkter körperlicher Gewalt. Das geht aus einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag hervor. 384 der registrierten Delikte werden rechten, 97 Angriffe linken Tätern zugeordnet. Die meisten Delikte, der erstmalig erhobenen Statistik, sind Nötigung, Bedrohung, Brandstiftung oder Sachbeschädigung. In Berlin ging im August der Wahlkampfbus des CDU-Politikers Thilo-Harry Wollenschlaeger in Flammen auf. Schon im Vorjahr war es zu einem Angriff gekommen: Ein Täter verletzte Henriette Reker, die damalige Kandidatin und heutige Bürgermeisterin von Köln, lebensgefährlich mit einem Messer. (mit dpa)

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