Offener Brief an Merkel zur Lage in Aleppo : "Es ist unverantwortlich, tatenlos zuzusehen"

Renommierte Mediziner aus aller Welt haben einen offenen Brief an Angela Merkel und die Unterstützungsgruppe für Syrien geschrieben. Sie fordern sofortige Maßnahmen. Hier dokumentieren wir ihr Schreiben.

Die Kämpfe um Aleppo gehen weiter.
Die Kämpfe um Aleppo gehen weiter.Foto: dpa

Sehr geehrte Frau Dr. Angela Merkel,

CC: Alle anderen Mitglieder der Internationalen Unterstützungsgruppe für Syrien (ISSG)

Aus den Trümmern der letzten Krankenhäuser in Aleppo richteten unsere Kollegen letzte Woche einen erschütternden Appell an Präsident Obama, mit dem sie verzweifelt zur Rettung der verbliebenen Einwohner in ihrer Stadt aufriefen. Angesichts der Bombardierung der Krankenhäuser ringsum rechneten die Ärzte damit, dass die medizinischen Versorgungeinrichtungen in Ost-Aleppo binnen eines Monats komplett zerstört sein würden, sodass 300.000 Menschen nicht mehr medizinisch versorgt werden könnten. „Es gibt kaum noch ein Entrinnen vor dem Tod“, schrieben sie.

Da weiterhin Bomben auf Aleppo niederhageln, scheint auch dieser verzweifelte Appell auf taube Ohren gestoßen zu sein. Wir schreiben heute in der Hoffnung, dass wir gehört werden.

Wir sind Mediziner aus der ganzen Welt und solidarisieren uns mit den mutigen Ärzten und Sanitätern, die trotz ihrer schrecklichen Lage an ihrem Eid festhalten, Leben zu retten, solange noch Hoffnung besteht.

Kriege sind schrecklich, aber nicht regellos. Die Genfer Konventionen bestehen aus einer Reihe internationaler Abkommen, deren Anfänge vor über 150 Jahren liegen. Sie wurden von Syrien, Russland und allen anderen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen ratifiziert und enthalten Bestimmungen zum Verbot wahlloser Angriffe und zum Schutz von Zivilisten, medizinischem Personal und Krankenhäusern.

In Syrien und anderswo scheinen Angriffe auf Krankenhäuser inzwischen der „neue Normalfall“ zu sein. „Physicians for Human Rights“ hat in Syrien seit Beginn des Konflikts 373 Angriffe auf medizinische Einrichtungen und 750 Todesfälle bei medizinischem Personal dokumentiert. Die syrische Regierung und ihre Verbündeten sind für 90 Prozent dieser Angriffe verantwortlich, und jeder dieser Angriffe ist ein Kriegsverbrechen.

Die Zahl der Angriffe nimmt unvermindert zu. Fast täglich werden in Ost-Aleppo Bomben auf Krankenhäuser abgeworfen, die verheerende Zerstörung anrichten. Wir sehen Fotos von Kleinkindern mit leerem Blick, die Haut mit einer groben Staubschicht bedeckt, das Gesicht blutverschmiert. Wir sehen Videos von Frauen und Männern, die weinend über den leblosen Körpern ihrer Verwandten zusammenbrechen. Für uns außerhalb Syriens sind dies namenlose Gesichter eines schrecklichen Krieges. Aber für die Ärzte von Aleppo sind es Familienmitglieder, Freunde und Nachbarn.

Als Mitglied der Internationalen Unterstützungsgruppe für Syrien (ISSG) haben Sie die Angriffe auf medizinische Infrastruktur immer wieder verurteilt. Sie haben von allen Konfliktparteien die Einhaltung des Prinzips der medizinischen Neutralität und freies Geleit für medizinisches Personal und Hilfslieferungen gefordert. Doch angesichts der schlimmsten Angriffe auf Krankenhäuser, die die Bewohner Aleppos jetzt ertragen, haben all Ihre Verurteilungen ihren Sinn verloren. Mit den Worten der tapferen Ärzte von Aleppo: „Uns helfen nun keine Tränen mehr, kein Mitleid und nicht einmal Gebete, wir benötigen Ihr Handeln.”

Die unablässigen Angriffe auf medizinische Einrichtungen belasten das Gewissen aller Staatsführer der Welt. Kein Arzt sollte unter ständiger Angst vor Angriffen auf sein Leben und das Leben seiner Patienten arbeiten müssen. Es ist unverantwortlich von Ihrer Regierung, tatenlos zuzusehen, wie den 300.000 Einwohnern von Aleppo die verbliebenen Ärzte und Krankenhäuser genommen werden.

Wir fordern, dass umgehend Maßnahmen ergriffen werden, die unseren Kollegen erlauben, ungehindert Leben zu retten und Leiden zu lindern. Wir fordern, dass Sie auf alle Konfliktparteien einwirken, um Folgendes zu erreichen:

• Die sofortige und vollständige Einstellung aller Angriffe auf medizinische Einrichtungen, Lieferungen medizinischer Hilfsgüter, medizinisches Personal und Patienten in Syrien.

• Die Einführung von mindestens einer 48-stündigen Waffenruhe pro Woche für Aleppo – wie von den Vereinten Nationen gefordert – um anhaltende und ungehinderte humanitäre Hilfe zu gewährleisten, die die Lieferung von Arzneimitteln und medizinischen Geräten sowie sichere und ungehinderte medizinische Evakuierungen erlaubt.

Unterschrieben:

- Dr. Saleyha Ahsan (UK), Medics Under Fire.

- Dr. Peter Agre (USA), Bloomberg Distinguished Professor and Director, Johns Hopkins Malaria Research Institute, Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health, 2003 Nobel Prize in Chemistry.

- Dr. Holly G. Atkinson (USA), Distinguished Medical Lecturer, CUNY School of Medicine and Past President, Physicians for Human Rights.

- Professor Ahmad Banasr (Tunisia), President, Conseil Régional de l'Ordre des Médecins de Tunis, Associate Professor of Forensic Medicine and Forensic Sciences and of Ethics and Medical Law in the University of Tunis.

- Dr. Jacques de Haller (Switzerland), President of the Standing Committee of European Doctors (CPME).

- Dr. Sebnem Korur Fincanci (Turkey), President of the Human Rights Foundation of Turkey.

- Professor Sherien Ghaleb (Egypt), President of the International Association of Law and Forensic Sciences, General Secretary of the Arab Union of Forensic Physicians, Professor of Forensic Medicine and Toxicology, Faculty of Medicine, Cairo University.

- Dr. Amar Jesani (India), Editor, Indian Journal of Medical Ethics.

- Dr. David Nott (UK), Consultant Surgeon, Imperial College, London, Founder and Chairman of the David Nott Foundation.

- Professor Michel Kazatchkine (USA/ France), UN Secretary General Special Envoy on HIV/AIDS in Eastern Europe and Central Asia, Senior Fellow, Global Health Center, the Graduate Institute of International and Development Studies, Geneva.

- Dr. Denis M. Mukwege (DRC), Founder and Medical Director of Panzi Hospital, Democratic Republic of Congo.

- Dr. Robert Mtonga (USA/Zambia), Former Co-President of International Physicians for the Prevention of Nuclear War.

- Dr. Sanjay Nagral (India), Chairperson, Forum for Medical Ethics Society, India.

- Sir Richard Roberts (UK), Nobel laureate in Medicine.

- Dr. Tilman A Ruff (Australia), Associate professor, Nossal Institute for Global Health, School of Population and Global Health, University of Melbourne, International Medical Advisor, Australian Red Cross.

- Dr. Zaher Sahloul (USA), Senior advisor, Syrian American Medical Society,?American Relief Coalition for Syria.

- Mr. Baboulal Sethia (UK), President, Royal Society of Medicine.

- Dr Nagi Souaiby (Lebanon), Forensic and Emergency specialist, President Lebanese Resuscitation Council Lebanon.

- Dr. Kerry J. Sulkowicz (USA), Chair, Board of Directors, Physicians for Human Rights.

- Dr. Ahmad Tarakji (USA), President, Syrian American Medical Society.

- Dr. Ghanem Tayara (UK), Chairman of Union of Medical Care and Relief Organisation (UOSSM).

- Dr Vasiliy V. Vlassov (Russia), President, Society for Evidence Based Medicine, Moscow.

- Professor Ron Waldman (USA), Professor of Global Health, Milken Institute of Public Health, George Washington University.

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