Offensive in Syrien : Türkischer Angriff auf Kurden stürzt USA ins Dilemma

Im Norden von Syrien kämpfen Türken gegen Kurden. Am Sonntag starben dabei Dutzende Zivilisten. Und die Türkei richtet sich auf eine längere Präsenz ein. Dabei sind beide Kriegsparteien Verbündete Washingtons.

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Ein türkischer Panzer im türkisch-syrischen Grenzgebiet.
Ein türkischer Panzer im türkisch-syrischen Grenzgebiet.Foto: Sedat Suna/dpa

Schemenhaft ist der Panzer auf dem Hügel zu erkennen, dann bewegt sich ein Lichtpunkt auf das Fahrzeug zu, anschließend folgt eine riesige Explosion, die von kurdischen Kämpfern lautstark gefeiert wird: Die kurdische Nachrichtenagentur ANF veröffentlichte am Samstag ein Video, das angeblich die Zerstörung eines türkischen Kampfpanzers durch eine Rakete nahe der nordsyrischen Stadt Dscharablus zeigte. Die türkisch-kurdischen Kämpfe im Norden Syrien werden intensiver – und bringen die mit beiden Konfliktparteien verbündete Führungsmacht USA immer mehr in Verlegenheit. Die syrischen Kurden weigern sich, der Forderung Washingtons nach einem Rückzug nachzukommen.

Alles deutet darauf hin, dass sich die Gefechte in den kommenden Tagen weiter verschärfen werden. Am Sonntag kamen bei zwei türkischen Luftangriffen nach Angaben von Menschenrechtlern mindestens 35 Zivilisten ums Leben. Weitere 75 Menschen seien verletzt worden, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte weiter. Eine Attacke galt dem Dorf Dschub al-Kusa, eine weitere einem Bauernhof südlich der Grenzstadt Dscharablus. Dort hätten Familien Unterschlupf vor den Kämpfen gesucht.

Von türkischer Seite gab es zunächst keine offizielle Stellungnahme dazu. Vor den Berichten über zivile Opfer hatten türkische Medien berichtet, Kampfjets hätten Stellungen der Kurdenmiliz YPG südlich von Dscharablus mit Flugzeugen und Artillerie angegriffen. Von Todesopfern war in den türkischen Berichten zunächst keine Rede.

Demgegenüber hatte es in der Nacht einen Granatenangriff auf den Flughafen im südosttürkischen Diyarbakir gegeben. Kämpfer der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK sollen die Geschosse abgefeuert haben. Verletzt wurde niemand. Die PKK, die im Südosten der Türkei immer wieder Polizei und Militär angreift, hat ihre Attacken in jüngster Zeit intensiviert. Zuletzt waren am Freitag bei einem Autobombenanschlag in Cizre in der Provinz Sirnak 11 Polizisten getötet und 75 weitere verletzt worden.

Von einer dauerhaften "Schutzzone" ist die Rede

Türkische Medien meldeten, weitere Truppen und Panzer würden über die Grenze nach Syrien verlegt. Das bedeute, dass es nicht nur um die Befreiung der Grenzstadt Dscharablus vom Islamischen Staat (IS) gehe, die ursprünglich als Motiv der türkischen Intervention genannt worden war, schrieb die regierungstreue türkische Zeitung „Yeni Safak“.

Von der Einrichtung einer dauerhaften „Schutzzone“ durch die Türkei und verbündete syrisch-arabische Milizen auf der syrischen Seite der Grenze ist die Rede. Damit will Ankara die Vereinigung der beiden syrisch-kurdischen Herrschaftsgebiete in Nordsyrien verhindern. Zwischen den beiden Kurdengebieten klafft vom Euphrat im Osten bis nach Marea weiter westlich eine rund 90 Kilometer lange Lücke – und dort setzen sich jetzt die Türken fest.

Außerdem sei da ja noch die Gegend östlich des Euphrat, hieß es in „Yeni Safak“ weiter. Das heißt, dass die türkischen Einheiten auch in Gebieten angreifen könnten, die längst von der Demokratischen Unionspartei (PYD) beherrscht werden, jener syrischen Kurdengruppe, die von der Türkei als syrischer Ableger der PKK-Kurdenrebellen gesehen wird, in Washington jedoch als wichtiger Verbündeter im Kampf gegen den IS gilt.

Ein Aufruf der USA an die Kurden verhallte wirkungslos

Seit Beginn der türkischen Intervention vergangene Woche befinden sich in der USA in der grotesken Situation, im Grundsatz beide Kampfhähne zu unterstützen. Washington half den Türken beim offiziell als Anti-IS-Mission bezeichneten Angriff auf Dscharablus mit Geheimdienstinformationen und Kampfjets. Türkische Angriffe auf die syrischen Kurden sind den Amerikanern aber überhaupt nicht recht. In den vergangen Jahren hatte Washington der PYD und deren bewaffneten Arm, den Volksschutzeiniheiten (YPG), viel Unterstützung beim Kampf gegen den IS im Norden Syriens zukommen lassen.

Nun sucht die US-Regierung nach einem Ausweg. In den vergangenen Tagen versuchten die Amerikaner es mit einem Aufruf an die syrischen Kurden, sie sollten sich zurückziehen. Auf diese Weise sollten direkte Auseinandersetzungen mit den einmarschierenden Türken vermieden werden. Doch die PYD denkt nicht daran. Seine Kämpfer seien nicht mit Erlaubnis der USA Richtung Westen vorgerückt und würden sich jetzt auch nicht auf Wunsch der USA wieder zurückziehen, schrieb PYD-Chef Salih Müslim auf Twitter. Die Türken will er wieder über die Grenze zurücktreiben: „Früher oder später wird Dscharablus an die YPG fallen“, sagte Müslim voraus. (mit dpa)

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