Papst Franziskus und Flüchtlinge : Harte Bilder, harte Worte

Die Flüchtlingskrise hat Europa verändert. Obergrenzen, von denen einst kaum einer sprechen wollte, werden heute von vielen gefühlt. Nun war Papst Franziskus auf Lesbos. Er hatte eine alte, höchst aktuelle Botschaft. Ein Kommentar

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Kränze aus Blumen - zur Erinnerung an die Flüchtlinge, die im Mittelmeer starben
Kränze aus Blumen - zur Erinnerung an die Flüchtlinge, die im Mittelmeer starbenFoto: dpa

Aus den Augen, aus dem Sinn: Das ist ein Reflex, der die Moral einmal ruhen lässt. Überfüllte Turnhallen sind nah, Idomeni ist weit weg. Noch weiter weg ist Aleppo. Die Schließung der Balkanroute und das EU-Flüchtlingsabkommen mit der Türkei haben eine humanitäre Distanz geschaffen. Der deutsche Innenminister, Thomas de Maizière, brachte es auf die knappe Formel: „Auch wenn wir jetzt einige Wochen ein paar harte Bilder aushalten müssen, unser Ansatz ist richtig.“ Harte Bilder, harte Worte, nur eines hat sich nicht geändert: Es sind Menschen – Kinder, Frauen, Männer, Alte –, die sich oft unter dramatischen Umständen auf den Weg gemacht haben. Die vor Krieg oder Elend geflohen sind und denen, außer ihrem Leben, nur noch die Hoffnung bleibt. Es sind Menschen. Muss man daran erinnern?

Ja, man muss. Und „man“ ist Papst Franziskus. Der besuchte schon vor drei Jahren, wenige Monate nach seinem Amtsantritt, die italienische Insel Lampedusa und prangerte in seiner Predigt die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ an. Wie recht er mit dieser Diagnose hatte, bewies die Reaktion darauf. Kaum einer hörte auf ihn, weil die Zahl der Flüchtlinge zu gering und das Problem beherrschbar zu sein schien. Heute setzt ein anderer Mechanismus ein. An die Stelle der Ignoranz ist Erschöpfung getreten. Jedenfalls in jenen Ländern, die seit Herbst 2015 das Gros der Flüchtlinge aufnahmen: Schweden, Österreich, Deutschland. Das flehentliche Bitten des Papstes um ein Ende dieser „größten humanitären Tragödie seit dem Zweiten Weltkrieg“ verhallt dort nicht etwa, sondern wird geteilt. Nur überwölbt Ratlosigkeit die Zustimmung.

Wurde nicht alles versucht? Es gab ungezählte Gipfeltreffen, um zu einer europäischen Lösung zu kommen, zu gerechten Quoten, zur Lastenteilung. Vergeblich. Es gab Syrienkonferenzen, um den Krieg zu befrieden. Das Ergebnis ist ein brüchiger Waffenstillstand, im Norden des Landes ist die Terrormiliz „Islamischer Staat“ erneut in der Offensive. Nun werden viele Flüchtlinge, die keine Syrer sind, in die Türkei zurückgeschickt. Keiner will es so sagen, aber das soll andere, die nach Europa wollen, abschrecken. Zum offenen Herzen kommt längst die kalte Schulter. Die Flüchtlingskrise hat Europa verändert. Obergrenzen, von denen einst kaum einer sprechen wollte, werden von vielen gefühlt.

Papst Franziskus wurde auf Lesbos vom griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartholomaios I. und vom orthodoxen Erzbischof Hieronymus II. begleitet. Die gemeinsame Sorge um das Schicksal der Flüchtlinge führt zu neuer religiöser Einheit. Das erlaubt eine Vision: Wie abenteuerlich und großartig wäre eine ganz große ökumenische Initiative der drei monotheistischen Religionen, mit Rabbinern und Imamen? Die Politik hat sich an der Krise wundgerieben. Zur Ratlosigkeit kommt Mutlosigkeit. Ein starker spiritueller wie humanitärer Impuls tut Not.

Aus den Augen, aus dem Sinn: So einfach ist das eben nicht. Auf die Ultrarealisten in Europa mag der Pontifex wirken wie der Rufer auf einer abgetriebenen Eisscholle. Aber auch sie ahnen vielleicht, dass sich Leid nicht wegzaubern und Sehnsucht nicht abtöten lässt. Nicht durch Abkommen, nicht durch Fähren, nicht durch Frontex oder Nato. Es sind und bleiben Menschen, die das betrifft. Dass es des Papstes bedurfte, um daran zu erinnern, tut immerhin noch weh.

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