• Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Präsidenschaftskandidatin der Linkspartei : DDR-Bürgerrechtler Rathenow hinterfragt Klarsfelds Stasikontakte

29.02.2012 10:59 Uhrvon
Beate KlarsfeldBild vergrößern
Beate Klarsfeld - Foto: dpa

UpdateDer DDR-Bürgerrechtler Lutz Rathenow prangert Stasikontakte der linken Präsidentschaftskandidatin Beate Klarsfeld an. Die sagt: "Ich bin kein Spitzel."

Die Stasioffziere Günter Bohnsack und Herbert Brehmer packten nach der Wende aus. Im „Spiegel“ veröffentlichten sie 1991 einen Aufsatz über ihre Tricks. In einer Passage ging es um die Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld, jetzt Linken-Präsidentschaftskandidatin. Sie sei „Kontaktfrau einer legalisierten Außenstelle des MfS“ gewesen, schrieben die beiden Agenten. „Frau Klarsfeld hat das belastende Material gegen den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger bei uns abgeholt, mit dem sie dann seit 1967 Kiesingers NS-Vergangenheit anprangerte. Auch ihr Mann Serge war mehrfach bei uns.

Die beiden haben stapelweise Dokumente von uns bekommen.“ 1968 hatte Klarsfeld Kiesinger auf einem CDU-Parteitag geohrfeigt und als „Nazi“ beschimpft.


Der DDR-Bürgerrechtler Lutz Rathenow macht die Stasikontakte von Klarsfeld nun, da sie von der Linken „auf fast unanständige Weise“ benutzt werde, zum Thema. Klarsfeld, so der Sächsische Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen, habe zwar keine Berichte geliefert und sei kein Spitzel gewesen, habe aber immer wieder Material vom DDR-Geheimdienst bekommen. „Das hat sie auch gewollt.“ Rathenow fordert: „Es bedürfte schon einer Reflexion, wie weit die Stasizuarbeit der Naziverbrechens-Erhellung gedient und wo sie geschadet hat.“ Er fragt weiter: „Wäre solches Geheimdienstvertrauen auch gegenüber der amerikanischen CIA oder dem Bundesnachrichtendienst aufgebracht worden? Wohin führte es politisch bei jenen, die sich durch permanente Annahme von Material auch erpressbar machten?“


Klarsfeld, die am Mittwoch von der Linken-Führung der Presse in Berlin vorgestellt wurde, sagt dazu: „Ich bin kein Spitzel.“ Im Gegenteil sei sie „immer überwacht“ worden. Ihre Beziehungen zu beiden deutschen Staaten seien halt „sehr stürmisch“ gewesen. Die DDR habe ihr vorgeschlagen, Archive zu Naziverbrechern in Potsdam zu öffnen – „na und?“ Tatsächlich gab es in der Hauptabteilung IX des MfS eine Abteilung, die sich mit der Aufklärung von Nazi- und Kriegsverbrechen befasste. Das Material in einer Sonderabteilung des zentralen Staatsarchivs wurde auch genutzt, um Altnazis sowohl in der DDR als auch im Westen unter Druck zu setzen.


Klarsfeld sagt, nach ihren spektakulären Aktionen gegen Antisemitismus Anfang der 70er-Jahre in Prag und Warschau habe die DDR ihr die Türen verschlossen. Tatsächlich sind danach erst wieder Kontakte in den 80er-Jahren überliefert – das Ehepaar Klarsfeld stritt für die Überstellung des in Syrien untergetauchten Nazi- Massenmörders Alois Brunner. Der 1. Stellvertreter des Leiters der Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung, Werner Großmann, schrieb im Februar 1986 in einem Vermerk, die Klarsfelds hätten vor, den ehemaligen SS-Hauptsturmführer Brunner aus Syrien „zu entführen“. Dem österreichischen Magazin „Profil“ sagte Beate Klarsfeld dazu im vergangenen Jahr: „Derartiges hätten wir nie machen können. Die DDR hatte ihre eigenen Leute.“

Video zum Artikel:
Maroldt antwortetVideo abspielen
Meinung  28.02.2012  MinMaroldt antwortet

Die Nazi-Jägerin ließ aber nicht locker. Als DDR-Staatschef Erich Honecker 1988 Paris besuchte, sprach sie ihn bei einem Empfang im Elysee-Palast an. Doch für eine Abschiebung Brunners aus Damaskus nach Ost-Berlin kam die Wende zu früh. Dass die Klarsfelds offenbar Kontaktpersonen (KP) der Stasi waren, bedeutet an sich noch nichts. „KP“ ist nach Angaben von Experten ein „unscharfer Begriff“ für Personen, „mit denen das MfS Kontakte unterschiedlicher Natur hatte“. Gregor Gysi, Chef der Linksfraktion im Bundestag, sagt, er halte die Stasikontakte von Beate Klarsfeld für „wirklich unproblematisch“.

Wie die Linken-Spitze sich überhaupt „froh und geehrt“ gab, dass die 73-Jährige für die Partei gegen Joachim Gauck antritt, den Kandidaten der ganz großen Koalition. Klarsfeld selbst sieht sich als „exemplarische Deutsche“, betont Übereinstimmung mit der Linken im Kampf gegen Faschismus und fürchtet auch keine Konflikte wegen ihrer klaren pro-israelischen Haltung. Wären die antisemitischen Strömungen so stark wie zuweilen behauptet, hätte die Partei sie ja nicht aufgestellt, meint sie. „Der Großteil der Linken stellt sich hinter mich, was mein Verhältnis zu Israel betrifft.“


Eine Meinungsverschiedenheit zwischen der Linkspartei und ihrer Kandidatin gibt es zur französischen Innenpolitik. „Wir unterstützen Sarkozy, das sage ich ganz offen“, betont Klarsfeld. Ihr Sohn Arno, Rechtsanwalt in Paris, ist Vertrauter und Berater des seit fünf Jahren amtierenden konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Der Stasi ist Arno schon früher aufgefallen. Deren Offiziere berichten von den Gesprächen mit Klarsfeld in den 60er-Jahren in Ost-Berlin, dass „die Frau ein sehr antiautoritär erzogenes Kind mitbrachte, das immer in den Hotels randaliert hat. Alle Kollegen waren froh, wenn die Klarsfeld wieder abgereist war“.

Es ist sechs Uhr morgens und Sie haben die wichtigsten Zeitungen schon gelesen. Oder die Tagesspiegel Morgenlage. Redaktionsschluss fünf Uhr morgens. Minuten später auf Ihrem Smartphone, Tablet oder Computer. Die kostenlose Nachrichten- und Presseschau gibt es für Politik-Entscheider oder Wirtschafts-Entscheider. Entscheiden Sie sich für eine oder beide.
Folgen Sie unserer Politikredaktion auf Twitter:

Dagmar Dehmer:


Andrea Dernbach:


Cordula Eubel:


Fabian Leber:


Matthias Meisner:


Elisa Simantke:


Christian Tretbar:


Claudia von Salzen:

Umfrage

Die Große Koalition überlegt, die Personalausweise von Terrorverdächtigen zu markieren, um sie an der Ausreise nach Syrien und in den Irak zu hindern. Ist dieser Vorschlag sinnvoll?

Tagesspiegel twittert

Service

Empfehlungen bei Facebook

Weitere Themen

Todesopfer rechter Gewalt

Der Tagesspiegel im Sozialen Netz