Präsidentschaftswahl in Frankreich : Wie François Fillon Sarkozy ausstach

Der frühere Premier François Fillon könnte Spitzenkandidat der französischen Konservativen werden – und zum ernsthaften Gegner von Marine Le Pen. Fillon gilt als wirtschaftsliberal.

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Das Land wieder wettbewerbsfähiger machen – das ist erklärtes Ziel des 62-Jährigen, der als Wirtschaftsliberaler gilt.
Das Land wieder wettbewerbsfähiger machen – das ist erklärtes Ziel des 62-Jährigen, der als Wirtschaftsliberaler gilt.Foto: Vincent Kessler/Reuters

Der zurückhaltende Ex-Premierminister François Fillon ist der Überraschungssieger im ersten Wahlgang bei den Vorwahlen der Konservativen. Ihm gelang damit eine Sensation im französischen Präsidentschaftswahlkampf. Entgegen allen Prognosen hat der 62-Jährige mit großem Abstand den ersten Platz von sieben Kandidaten belegt und wird am kommenden Sonntag gegen Alain Juppé in die Stichwahl gehen.

Der Außenseiter Fillon habe alle überrascht, so die einstimmigen Kommentare der französischen Medien. Im staatlichen Fernsehsender „France 2“ hieß es : „Das hat es in der französischen Politik noch nie gegeben.“ „Liberation“ sprach von einem „Wunder Fillon“. Dieser kam auf 44,2 Prozent, Ex-Premierminister Alain Juppé (71), der lange als Favorit gehandelt wurde, auf 28,6 Prozent. Ex-Präsident Nicolas Sarkozy (61), unter dem Fillon von 2007 bis 2012 Premier war, erreichte lediglich 20,6 Prozent und erklärte seinen Rückzug aus der Politik.

Besonders überraschend ist der Erfolg Fillons auch deshalb, weil Anfang November laut Umfragen nur zehn Prozent für ihn stimmen wollten, doch in den vergangenen Tagen holte er rasant gegenüber Sarkozy auf. Während seine Kampagne eher zurückhaltend war, schlug sich Fillon bestens in den Fernsehdebatten und wirkte seriös. Er war lange Zeit der Einzige, der an sich glaubte und betonte: „Ich werde die Vorwahlen gewinnen.“

Wirtschaftsfokus

François Fillon, obwohl er fünf Jahre Premierminister war und viele Ministerämter bekleidete, ist so etwas wie der große Unbekannte in Frankreich. Als brav gilt der Politiker, der seit 36 Jahren mit einer Engländerin verheiratet ist und fünf Kinder hat, als anständig. Einen „Saubermann“ nannten ihn viele, aber auch boshaft „Mr. Nobody“.

Während Sarkozy sich weit auf das rechte Feld begab und die Chefin des Front National Marine Le Pen in ihren Forderungen zur Immigration, Sicherheit und Nationalbewusstsein nachahmte und Juppé auf eine „glückliche Identität“ für Frankreich setzte, machte Fillon ganz solide die Wirtschaftslage Frankreichs zu seinem Hauptthema. Während sich die beiden Konkurrenten Juppé und Sarkozy angriffen, hielt er sich reserviert zurück. Deshalb wurde er völlig unterschätzt.

Vier Millionen mobilisierte die Vorwahl der Republikaner. Denn abstimmen durften alle Franzosen. Für zwei Euro und das Bekenntnis zu den Werten der Republikaner durfte man teilnehmen. Viele gingen zur Wahl, um dem unbeliebten Nicolas Sarkozy ein Bein zu stellen. Deshalb beteiligten sich laut Schätzungen rund 15 Prozent Sympathisanten der Sozialisten auch an der Vorwahl der Republikaner.

Marine Le Pen, Vorsitzende des Front National.
Marine Le Pen, Vorsitzende des Front National.Foto: Alain Joccard/afp

Fillon war offenbar selbst von seinem durchschlagenden Erfolg überrascht und erklärte: „Ich setze mich mit meinem Programm für die Franzosen und mein Land ein, das ich liebe.“ Er versprach auch eine entscheidende Wende. Und auf diese Wende, die vor fast fünf Jahren auch der Sozialist François Hollande ankündigte, aber nicht schaffte, warten die Franzosen sehnsüchtig.

Fillon gilt als bodenständig, Juppé als kühler Intellektueller und Sarkozy als Dynamiker, der oft aggressiv wirkt. Fillon stammt aus dem ländlichen Département Sarthe und gilt als liberal-konservativ. Er setzt auf Wirtschaftsreformen, damit das Land wieder wettbewerbsfähiger wird, und wurde sogar mit Margaret Thatcher verglichen. Er will 500 000 Beamtenstellen streichen. Das Arbeitslosengeld soll wieder degressiv ausgezahlt werden.

Unternehmen sollen wiederum weniger Abgaben zahlen müssen. Dafür sollen die Franzosen wieder länger – bis 65 – für die Rente arbeiten müssen. Bisher liegt das offizielle Renteneintrittsalter bei 62. Auch die 35-Stunden-Woche soll nicht mehr gelten. Juppé hatte ähnliche Reformen versprochen, wollte aber nicht so streng durchgreifen. Fillon spricht die Konservativen an, Juppé wandte sich mit einer gemäßigteren Linie auch an Wähler aus der Mitte.

Duell zwischen Fillon und Le Pen

Sarkozy gab sich versöhnlich nach der Niederlage und erklärte. „Die Zeit der Bruderkriege ist vorbei.“ Er will Fillon unterstützen. Das könnte für dessen Rivalen Juppé zum Problem werden. Dem Sieger der Vorwahl der konservativen Republikaner am kommenden Sonntag werden gute Chancen für die Präsidentschaftswahl am 23. April und 7. Mai 2017 ausgerechnet. Denn wie es bei den Sozialisten weitergeht, ist noch nicht klar.

Präsident François Hollande will sich im Dezember entscheiden, ob er noch mal antritt. Sollte ein anderer Sozialist Kandidat werden, dürfte dieser unter der schwachen Bilanz der letzten fünf Jahre leiden. Ins Rennen um den Elyséepalast geht auch der ehemalige Wirtschaftsminister Emmanuel Macron. Der Ex-Banker setzt auch auf Reformen der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes, aber ihm fehlt der notwendige Rückhalt durch eine große Partei.

Umfragen deuten derzeit auf ein Duell zwischen einem Konservativen und der Front-National-Chefin Marine Le Pen hin. Die hat vor einigen Tagen ihr Logo, eine Rose, und ihren Slogan für die Kampagne „Im Namen des Volkes“ vorgestellt, dazu die Botschaft: „Marine Präsidentin“ – der Name Le Pen fehlt. Die Rechtspopulistin will die Stimmen der Konservativen, des Zentrums und der von Hollande enttäuschten Wähler an sich ziehen.

Im Gegensatz zu Sarkozy hat sich Fillon nicht von Le Pen irritieren lassen und ist ihr in ihrer Ideologie nicht gefolgt. Ebenso wie Juppé hat er sie in der Vergangenheit mehr oder wenig ignoriert. Le Pen ihn und Juppé allerdings auch. Aber nun muss sie mit ihm rechnen. Laut Umfragen hat Fillon besonders gute Chancen gegen sie, weil er über das konservative Lager hinaus als Reformer viele überzeugt.

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