Politik : Rat der Ratlosen

Wer nicht weiterweiß, gründet einen Arbeitskreis: Über die lange Geschichte einer politischen Strategie – den Runden Tisch

Michael Jürgs

Sie steht nicht geschrieben im Grundgesetz, doch sie ist im Gegensatz zu den Finanzmärkten in guter Verfassung: die fünfte Gewalt. Nachkömmling der ebenfalls illegitimen, doch längst als staatstragend akzeptierten vierten, der Presse. Die ersten drei gelten als die eigentlichen Säulen der Demokratie – Legislative, Exekutive, Judikative –, aber die fünfte macht sich unentbehrlich breit. Bekannt ist sie im Volksmund als Runder Tisch.

Der hält zwar oft nicht, was er Zauderern verspricht, sie zu bewahren vor nun mal leider notwendigen Entscheidungen. Aber mit am Tisch sitzt in jeder Runde stets ein Vertreter der Partei KGN (Kleinster Gemeinsamer Nenner). Vielleicht sind Runde Tische deshalb so populär wie die Grünen. Ohne sie scheint die Republik unregierbar. Wer noch nie an einen Runden Tisch geladen worden ist, sollte sich um seine gesellschaftliche Bedeutung Sorgen machen. Am besten an einem Runden Tisch. Die passen in jedes Heim, es gibt sie bei Ebay gebraucht günstig. Runde Tische sind jedoch keine Erfindung der Neuzeit. Bereits im Mittelalter gab es sie. Schon damals entsprach es dem Zeitgeist, Probleme nachhaltig durch die Konfrontation in Konferenzen per Konsens zu lösen.

Der erste namentlich bekannte Moderator, vergleichbar etwa heute dem allzeit bereiten Tischvorsteher Heiner Geißler – Wollt ihr einen runden Tisch, Volk, oder den totalen Krieg? – war König Artus. Er gründete die Tafelrunde. In diesem Kreis erlauchter Ritter ging es um Gott Gefälliges wie den nächsten Kreuzzug oder Sünden Verhinderndes wie bruchfeste Keuschheitsgürtel für die in der Heimat Verbliebenen. Mitunter vielleicht sogar, aber dafür gibt es keine handfesten Belege, auch um Banales: Wie kommt man, ohne Rost an seiner Rüstung anzusetzen, durch die kalte Jahreszeit, zumal die in England stets mit Nebel und Regen und Schlachten in Feuchtgebieten wie Hochmooren verbunden war. Rostfreier Stahl war noch nicht erfunden.

Auf dem ungeheizten Schloss Camelot fanden in der Tafelrunde aber oft hitzige Debatten statt, wie wir dank der Überlieferung durch Hollywoodfilme wissen, über trunksüchtige, machtgeile oder auf niedere Minne geile Ritter. Moral war das Lebensthema von König Artus, Primus inter pares, der von Fall zu Fall anhand einer von seinem Berater Merlin verfassten Tischvorlage dann den Seinen ins Gewissen redete. Ob am Round Table nur die berühmten vierundzwanzig Ritter saßen wie Parzival, auf der jahrelangen Suche nach dem Heiligen Gral einer der ersten wesentlichen Zauderer, oder Galahad und Lancelot, Tristan und Gawain, die einflussreiche Nomenklatur, ist umstritten. Manche historischen Quellen sprechen von runden Tischen mit bis zu dreihundert Teilnehmern. Das dürfte den Schreinern von England und Wales, deren Nachkommen Jahrhunderte später übers Meer zogen und Ikea gründeten, Vollbeschäftigung garantiert haben, was aber angesichts der geringen Lebenserwartung in jenen Zeiten und der hohen Sterberate bei Auslandseinsätzen eher doch unwahrscheinlich ist.

Die Idee Runder Tisch wurde nicht weiter verfolgt, als Artus und seine Ritter ins Reich der Legenden abhoben. Da sind sie jenseits von Gut und Böse. Richard Wagner verlieh ihnen Unsterblichkeit in „Tristan und Isolde“ und in „Parsifal“, scherte sich aber einen Teufel um geschichtliche Wahrheit, sondern nur um verführerischen Klang. Was wiederum ihn unsterblich machte. Mark Twain strickte sogar eine verrückt gute Geschichte aus der Historie in seinem wunderbaren Roman „Ein Yankee aus Connecticut an König Artus Hof“.

Das Gegenteil zum Dialog am Runden Tisch hieß aber auch im alten Britannien schon Duell. Berühmt für schnelle überfallartige Attacken: ein gewisser Robin Hood, der dem Sheriff von Nottingham Forest das Leben schwer machte, indem er dessen im Wohlstand rundbäuchig gewordene Kampftrinker mit List und Witz von ihren Pferden holte, sobald sie auf sein grünes Terrain vorstießen. In den Wäldern galt das Gesetz des Dschungels und Robin Hood, der Rächer der Enterbten, als König der Armen, an die er verteilte, was er den Reichen abgenommen hatte. Bis der wahre King wieder auf dem Thron saß, der edle Gesetzlose verkünden konnte: Mission fulfilled. Allerdings ist auch die dank Hollywood weltweit bekannt gewordene Geschichte von Robin Hood nur eine Legende.

Fast eintausendfünfhundert Jahre nach der Tafelrunde, falls denn die irdischen Lebensdaten des überirdischen Königs Artus stimmen, ist ein festes Datum für die Auferstehung der Runden Tische verzeichnet. Der 6. Februar 1989. An dem Tag trafen sich in Warschau Vertreter der allein regierenden Arbeiterpartei, der allein Arbeiter vertretenden Gewerkschaft Solidarnosc und der allein selig machenden katholischen Kirche im Präsidentenpalast. Der Tisch hatte einen Durchmesser von neun Metern, an ihm saßen siebenundfünfzig Männer und Frauen und redeten so lange über Freiheit und Menschenrechte und Demokratie, bis die Staatsmacht erschöpft aufgab und freie Wahlen versprach. Das war zugleich dann ihr Ende.

Was die Polen konnten, wollten die Deutschen Ost auch können. Nachdem das mutige Volk unter dem Motto „Entsesselt die Ärsche“ jene vom Tisch verjagt hatte, die bisher dort nach dem Einschalten ihrer aus dem Westen importierten Herzschrittmacher im Zentralkomitee einstimmig und regelmäßig die Wirklichkeit zurechtlogen – König Erich und Ritter wie Günter Mittag, Erich Mielke oder Egon Krenz – trafen sich Vertreter der neuen und der alten Kräfte zur ersten neudeutschen Tafelrunde. Auch dieses Datum ist bekannt: der 7. Dezember 1989. Der Runde Tisch im Gebetssaal der Herrnhuther Gemeinde im Dietrich-Bonhoeffer-Haus allerdings war eckig. Fünfunddreißig Stühle brauchte man, mitgezählt dabei die drei am Kopfende für die Moderatoren. Da saßen sie alle zusammen und suchten nach einem heilenden Dritte- Weg-Elixier für die bereits dem Exitus nahe, bleiche Mutter DDR. Vergebens, wie man weiß. Artus hatte einst in Gefahr und Not immerhin noch das Wunderschwert Excalibur, mit dem er sogar Tischplatten hätte durchschlagen können. In der Endzeit DDR halfen nicht mal mehr Wunder oder wenigstens ein Milliardenkredit von Franz Josef Strauß, dem bereits verblichenen.

Die Diskussionen vom Runden Tisch, eine notwendige Einrichtung in jenen Zeiten des Umbruchs, Aufbruchs, Abbruchs wurden live im noch real existierenden Staatsfernsehen übertragen. Und erzielten traumhafte Quoten, wie sie heute allenfalls noch der Mitteldeutsche Rundfunk schafft, sobald er samstags eines seiner Feste der Volksmusik überträgt.

Nach den ersten freien Wahlen im März 1990 brauchte es keinen Zentralen Runden Tisch mehr. Von da an gab es ein Parlament, in dem es anfangs rundging. Viele Ehemalige vom Runden Tisch trafen sich dort wieder – Lothar Bisky und Gregor Gysi, Wolfgang Berghofer und Lothar de Maizière, Ulrike Poppe und Günter Nooke, Rainer Eppelmann und Matthias Platzeck, Werner Schulz, Richard Schröder und Vera Wollenberger, Wolfgang Templin und Christoph Matschie, Markus Meckel und Steffen Reiche, Konrad Weiß und Marianne Dörfler. Manche blieben professionell in der Politik, sitzen an den eckigen Schreibtischen der Macht, andere gingen zurück in ihr echtes Leben. Ihre runden Tische stehen nur noch in der Küche.

Als Helmut Kohl, dem Runde Tische wesensfremd waren, blühende Landschaften verkündete, beendete das Volk den Aufstand gegen seine alten Herren und bestellte noch vor der Hauptspeise den Nachtisch. Am Dietrich-Bonhoeffer-Haus, heute ein Berliner Hotel, kündet eine kleine Tafel von der Zeit, der alle entronnen sind: „Das friedliche Enden der deutschen Teilung nahm in diesem Haus der Kirche in einem gewaltlos erzwungenen Dialog zum Abbau von Willkür und Aufbau von Demokratie am Zentralen Runden Tisch der DDR einen Anfang. 7.–22. Dezember 1989“.

Eine würdige Grabinschrift. Doch der Mythos Runder Tisch lebt ähnlich dem Mythos König Artus fort. Die Einrichtung der Runden Tische ist außer dem vom MDR übertragenen geliebten Sandmännchen, dem inzwischen im Westen akzeptierten grünen Pfeil für Rechtsabbieger und dem entgegen der Legende eben nicht süßen Rotkäppchen-Sekt eine der wenigen Errungenschaften Ost, die sich in den alten Bundesländern durchgesetzt haben.

Es gibt längst für alle nur denkbaren Problemfälle des Lebens Runde Tische: Für die jahrzehntelang unter den Tisch gekehrten Spätfolgen von Heimerziehung, für die „Lebensphase Eltern“, was die Generationen vor ihnen offenbar ohne Runden Tisch lebend überstanden, für die Prävention von Übergewicht, wobei man schon beim Blick in den Spiegel auf die Idee kommen könnte, einfach mal weniger in sich hineinzuschlingen, für das Problem sexueller Dienstleistungen, wo zum Beispiel in Hamburg als Erfolg gefeiert wurde, dass es gelungen sei, die „rund um das Thema Sexuelle Dienstleistungen aktiven Akteure an einem runden Tisch zusammen zu bringen“. Gemeint waren Vertreter verschiedener Behörden, nicht etwa die Tag und Nacht gerade in Hamburg traditionell tatsächlich aktiven sexuellen Dienstleister.

Allein im Landkreis Kleve sollen inzwischen permanent vier runde Tische stehen, an denen über ein „gewaltfreies Zuhause“ debattiert wird, was die Vermutung erlaubt, dass am Niederrhein zuvor wahre Schlachten in den Eigenheimen stattgefunden haben. Fürderhin gibt es runde Tische zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf und zur Förderung des Radverkehrs, zum Gewässerschutz an Werra/Weser und für eine Umgehungsstraße in Wunsiedel, für Verbesserungen im Von-der-Leyen-Bildungspaket der von Hartz IV betroffenen Kinder, gegen Fremdenfeindlichkeit, für einen friedlichen Dialog zwischen Christen und Muslimen, zu dem Thilo Sarrazin nie eingeladen wird, für die Akzeptanz von Lesben, Schwulen und Transidenten und die vom Schicksal oder Männern geschlagenen Frauen, gegen Rechtsradikale und Antisemiten, jene mehrheitlich in den neuen Bundesländern, weil da das Thema latent aktuell ist und eh noch viele runde Tische stehen, übrig geblieben von ’89, für das Überleben des Ahausener Teichfrosches, für die Integration Manuel Neuers trotz ultrablöder Fans in den FC Bayern.

Lässt sich der Trend zum gemeinsamen kleinsten Nenner noch umkehren? Lässt sich das Vermächtnis von König Artus entsorgen?

Ein Problem, wie geschaffen für einen Runden Tisch. Aber schwierig zu lösen. Könnten gezielte Veröffentlichungen zum Thema helfen? Eher nicht. Es hat ja nicht mal was gebracht, allen Journalisten, die in Wahrheit andere Berufe schwänzen, mit Entzug der Lizenz zum Schreiben zu drohen, sobald sie Sätze schnitzen, in denen die Seele baumelt oder ein Frisör oder eine von keines Gedanken Blässe angekränkelte Blondtussi zur Kultfigur erklärt werden. Und dies nicht nur von den üblichen längst uns verdächtigen Hohlschwätzern der bunten Blätter oder der Privatsender, sondern ebenso von fest Angestellten in öffentlich-rechtlichen Kanälen. Kult ist ihnen nah, Kultur bleibt ihnen fern. Vielleicht ist inzwischen sogar der Runde Tisch schlichtweg Kult und nicht mehr wegzudiskutieren?

Doch eigentlich, nicht wahr, braucht es keinen runden Tisch, der monatelang über die Dunkelziffer namens Kindesmissbrauch konferiert. Ehrenwert, ja doch. Aber es reicht zu beschließen, wie man künftig mit Tätern und Opfern umgeht. Das ginge schnell. Was Täter betrifft, könnten am legitimen runden Tisch einer Demokratie, dem Parlament, die Volksvertreter ein für alle Mal entscheiden, dass künftig mit einer Mindeststrafe von fünf Jahren zu rechnen hat, wer online Dateien sexuell missbrauchter Kinder tauscht. Für die Opfer wäre es eine materielle Hilfe in ihrer Not, wenn ein für alle Mal geregelt wird, dass eine Institution, ganz egal ob evangelische oder katholische Kirche, Koranschule oder Internat, Sportverein oder Kinderheim, in der die Tat passiert ist, eine Therapie für die eh nie schließenden seelischen Wunden finanzieren und eine lebenslange Rente zu bezahlen hat. Wäre zumindest ein Anfang. Denn es bleiben immer noch tausende von nicht entdeckten Fällen im Dunkelfeld Familie, wo nach wie vor die meisten Täter am hauseigenen runden Tisch sitzen.

Auch dafür, wie mit gewalttätigen Extremisten umzugehen wäre, reicht eine beschlussfähige Tischvorlage: Wer Andersdenkende oder anders Aussehende verprügelt, verleumdet, bedroht, dem werden Manieren, und dies zeitnah zur Tat, per Gerichtsurteil beigebracht. Das muss nicht immer Knast sein. Abschreckend hilfreich wäre eine Verurteilung zu mindestens zweihundert Stunden sozialer Dienst in einem Heim für Asylbewerber. Natürlich unter Aufsicht, denn das generiert zudem Arbeitsplätze. Was kein Runder Tisch schafft. Traditionell aber gründet in Deutschland einen Arbeitskreis, wer nicht weiterweiß.

Aus dem Evangelium nach Matthäus stammt eine verblüffend einleuchtende Lösung, die sogar dem unchristlichen König Artus gefallen hätte, dem Gründer der Runden Tische. Da steht zu lesen, – und der Autor, Jesus, ist nun bei Gott über jeden Zweifel erhaben – dass die Menschen von jedem unnützen Wort, das sie auf Erden gesprochen haben, beim Jüngsten Gericht Rechenschaft ablegen müssen, denn „Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein. Was darüber liegt ist vom Übel“.

Das wäre am Ende mal ein richtig gutes aktuelles Thema für einen Runden Tisch.

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