Reaktionen auf den Terror : Flüchtlinge schockiert über Anschlag

Flüchtlinge in Berlin sind entsetzt und schockiert über die Nachricht vom Anschlag.

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Mohamed Abu Hmeda ist Flüchtling, Gauhar Beslim Leiterin des Heims am Kaiserdamm.
Mohamed Abu Hmeda ist Flüchtling, Gauhar Beslim Leiterin des Heims am Kaiserdamm.Frank Bachner

Die Einladung ist auf einen Zettel geschrieben, er hängt direkt neben der Eingangstür, und seit Montag, 20 Uhr, hat sie einen bitteren Beigeschmack. „Ausflug zum Weihnachtsmarkt am Schloss Charlottenburg, 23. Dezember, Treff 15 Uhr an der Rezeption.“ So steht es am Schwarzen Brett des Flüchtlingsheims am Kaiserdamm.

Es ist Dienstagvormittag, zwölf Stunden nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.

In ihrem Büro sagt Gauhar Besmil: „Ich bin heute Morgen nicht mehr die, die ich gestern Abend war.“
Die 62-Jährige, in Afghanistan geboren, leitet das Heim der Awo Mitte, man spürt, wie es in ihr arbeitet, auch wenn sie einigermaßen routiniert Telefonate abwickelt. „Es ist schrecklich“, sagt sie. Ihr erster Gedanke, als sie die Nachricht hörte: „Ich hoffe, es war kein Afghane.“ Mag ja sein, dass sie seit 1972 in Deutschland lebt, aber wenn Afghanistan betroffen sein könnte, ist sie ihrer Heimat emotional immer noch verbunden.

Im Heim herrscht allgemein Schockzustand

Schock, das ist der allgemeine Gemütszustand im Heim an diesem Dienstagvormittag. So hat es Gauhar Besmil registriert. „Die Leute sind sehr, sehr traurig. Sie können nicht verstehen, was da passiert ist. Sie alle sagen, es sei schrecklich.“ Der Terror ist quasi vor ihre Haustür zurückgekehrt. „Die sind doch alle vor dem Krieg geflohen“, sagt die Leiterin. 105 Menschen wohnen in dem früheren Jugendhotel am Kaiserdamm, die meisten aus Syrien und Afghanistan. Rund 30 von ihnen sind allein reisende Männer, den Rest bilden Ehepaare oder Familien mit Kindern.

Einer der Bewohner trägt einen grauen Schnauzbart. Die Spuren qualvoller Erlebnisse haben sich in seinem Gesicht eingekerbt. Das Haus in Aleppo, in dem Mohamed Abu Hmeda lebte, ist längst ein Trümmerhaufen. Auch deshalb lebt er seit 13 Monaten mit Frau und acht Jahre altem Kind in Berlin. Und nun diese Nachricht. „Ich bin sehr geschockt“, sagt er. Der 64-Jährige hat ein Ritual, morgens zwischen sechs und sieben Uhr geht er spazieren. Aber an diesem Morgen blieb er zu Hause. „Ich habe mich gefühlt, als ob ich selber Opfer des Anschlags geworden wäre“, sagt er, und es sieht so aus, als würde sein Blick dabei leicht flackern.

Ein Flüchtling fühlt sich wie die Opfer des Anschlags

Es klingt erst mal wie ein seltsamer Satz, etwas zu pathetisch, trotz des Schocks. Doch dann krempelt er seine Hose hoch und zeigt sein rechtes Bein. Nun ist klar, wie dieser Satz gemeint war. Mohamed Abu Hmeda aus Aleppo kann sich sehr gut einfühlen in das Gefühl, Opfer zu sein. Eine hässliche Brandnarbe zieht sich über die Wade. Ein herumfliegendes Trümmerteil habe sie verursacht, sagt er. In seiner Nähe sei bei einem der unzähligen Kämpfe ein Hubschrauber abgestürzt und explodiert. Unmittelbar neben ihm hatten seine Frau und sein achtjähriger Sohn gestanden.

Vor solchen Szenen floh er mit seiner Familie. „Merkel und die Deutschen haben uns aufgenommen, wir müssen doch dankbar sein“, sagt er. „Und ich möchte etwas zurückgeben.“ Seine Bereitschaft, schnell die Sprache zu lernen, sich zu integrieren, das versteht er als erste Gegenleistung.

Und der Weihnachtsmarkt? Am Schloss Charlottenburg? „Natürlich gehe ich hin. Der Anschlag war furchtbar, trotzdem: Ich habe keine Angst.“

Gulat Murat nickt, er denkt genauso. Auch er wird zum Weihnachtsmarkt gehen, auch er sagt, dass er keine Angst habe. Der 36-Jährige lebt seit Dezember 2015 am Kaiserdamm, mit Frau und zweijährigem Kind. Seine schwarzen Haare sind gegelt, der Reißverschluss der Skijacke ist hoch gezogen, er sitzt neben seinem Landsmann Abu Hmeda. „Aber ich bin auch geschockt von dem Anschlag. Ich dachte, ich bin in Sicherheit.“ Er weiß wenig über den Täter. Wie auch? Aber in einem Punkt ist er sich sicher: „Das kann kein echter Flüchtling gewesen sein. Wir sind doch vor diesem Terror geflohen.“

Er klammert sich an diesen Satz, wenn es um die Welt da draußen geht, um seine Erfahrungen im deutschen Alltag.

Der 36-Jährige hofft, dass die meisten Deutschen wissen, weshalb die Flüchtlinge in ihrem Land wohnen. Dass sie Opfer seien, keine Täter. Und seine Frau? Hat die Angst? Nein, sagt Murat entschieden. Auch sie habe keine Angst. Auch sie werde weiter vor die Tür gehen.

Gauhar Besmil saugt solche Sätze auf. Diese Bereitschaft, sich nicht einschüchtern zu lassen, erleichtert ihr die Arbeit. „Meine Aufgabe ist es ja, dafür zu sorgen, dass die Leute den Kopf nicht hängen lassen.“ Der Besuch des Weihnachtsmarkts wird nicht abgesagt.

Ein Pakistani sagt, dass er sich schäme

Aber sie hat nicht bloß willensstarke Bewohner wie Murat und Abu Hmeda. Am Morgen hat sie nach dem Frühstück einen Pakistani getroffen. „Er hat gezittert“, sagt sie. „Und dann sagte er, dass er sich schämt.“

Ein paar Kilometer weiter, am Flughafen Tempelhof, Standort des größten Flüchtlingsheims in Berlin, ist der Parkplatz am Morgen nach dem Anschlag wie leer gefegt. Nur selten kommen Bewohner durch die Sicherheitsschleuse und machen sich auf den Weg zur Arbeit oder in die Sprachschule.

In der Nacht, gegen drei Uhr, hatte im Hangar 6 eine Razzia stattgefunden. Aber dieser Einsatz habe mit dem Anschlag vom Breitscheidplatz nichts zu tun gehabt, teilte die Bundesanwaltschaft mit. Mehrere Afghanen wurden befragt, aber mehr passierte nicht.

Vor den tristen Hangars steht an diesem Morgen Zakaria Mohammadia in einer dunklen Winterjacke. Seit sechs Monaten lebt der 23-jährige Syrer in der Unterkunft. Er selbst habe von dem Einsatz an diesem Morgen nur gehört, sagt er. Die Polizisten hätten die Bewohner aufgefordert, in ihren Zimmern zu bleiben. Mohammadia hat über Facebook von dem Anschlag erfahren.

Den Mann, den die Polizei kurz nach dem Anschlag an der Siegessäule vorläufig festgenommen hat, den kenne er nicht. Aber dieser Mann hat wohl in Tempelhof gewohnt. Ein Freund habe ihm erzählt, dass er den Verdächtigen vom Sehen her kenne. Gesprochen habe er aber nie mit ihm.

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