Rede zur Einheitsfeier : Wulff: Islam gehört zu Deutschland

In seiner Rede auf der zentralen Einheitsfeier in Bremen ruft Bundespräsident Wulff die Deutschen auf, Einwanderer als Bereicherung zu begrüßen.

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Bremen/Berlin - Am 20. Jahrestag der Deutschen Einheit hat Bundespräsident Christian Wulff auf dem zentralen Festakt in Bremen Einwanderer in Deutschland eindringlich zur Integration aufgefordert, die Deutschen aber zugleich zu Offenheit und Toleranz ermahnt. „Vielfalt schätzen, Risse in unserer Gesellschaft schließen“ – das sei heutzutage die Aufgabe der Einheit, sagte Wulff vor mehr als 1400 geladenen Gästen, unter ihnen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und EU-Ratspräsident Hermann Van Rompuy.

Wer in Deutschland zu Hause sein wolle, müsse die Werte des Landes akzeptieren. „Wer unser Land und seine Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr rechnen“, sagte Wulff in der mit Spannung erwarteten Rede. Es werde „zu Recht“ erwartet, dass sich jeder, der hier leben wolle, „nach seinen Fähigkeiten“ in das Gemeinwesen einbringe. „Wir verschließen nicht die Augen vor denjenigen, die unseren Gemeinsinn missbrauchen.“

Zugleich rief er dazu auf, Einwanderer als Bereicherung zu begrüßen. „Legendenbildungen, Zementierung von Vorurteilen und Ausgrenzungen dürfen wir nicht zulassen. Das ist in unserem eigenen nationalen Interesse.“ Er wolle nicht, dass Menschen mit ausländischen Wurzeln „verletzt werden in durchaus notwendigen Debatten“. Ohne den Namen von Thilo Sarrazin zu nennen, der mit seinem Buch die heftige Kontroverse um Migration und Integration ausgelöst hatte, sagte Wulff: „Lassen wir uns nicht in eine falsche Konfrontation treiben ... Wir sind schon viel weiter, als es die derzeitige Debatte vermuten lässt.“ Wie Christentum und Judentum gehöre der Islam „inzwischen auch zu Deutschland“, sagte Wulff. Auch Eliten dürften sich nicht abschotten, warnte er. „Wer sich zur Elite zählt, zu den Verantwortungs- und Entscheidungsträgern, und sich seinerseits in eine eigene abgehobene Parallelwelt verabschiedet – auch der wendet sich von dieser Gesellschaft ab. Leider haben wir genau dies in der Finanzkrise erlebt.“

Merkel bezeichnete die Rede Wulffs als Weichenstellung für die Zukunft. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast sagte, Wulff sei „einer, der ruhige, klare Worte spricht. Es war okay.“ Nach Ansicht ihres Amtskollegen Jürgen Trittin habe sich die Rede „vor allem an das konservative Spektrum gerichtet – und es mit ein paar Grundwahrheiten konfrontiert“.

Die Einheitsfeier wird jeweils in dem Bundesland ausgerichtet, das den ein Jahr lang amtierenden Präsidenten des Bundesrates stellt. Am Sonntag übernahm die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft die Präsidentschaft von Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen (beide SPD).

Bei einer Festveranstaltung des Bundestages vor dem Reichstag sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert am Sonntagabend, der 3. Oktober sei Anlass zu stillem Stolz und Dankbarkeit. „Glücklichere Zeiten hatten wir Deutsche nie“, sagte er. Neben Altbundeskanzler Helmut Kohl (CDU), der vom Publikum mit minutenlangem Beifall geehrt wurde, nahmen auch Bundespräsident Wulff und Bundeskanzlerin Merkel an der Feier teil.

Auf einem Festakt in der Frankfurter Paulskirche sprach sich der frühere sowjetische Präsident Michail Gorbatschow vor 1400 Gästen nachdrücklich für gute Beziehungen zwischen Deutschland und Russland aus. In Berlin feierten zehntausende Menschen den Jahrestag auf der Festmeile rund um das Brandenburger Tor. Auf drei Bühnen waren nach Veranstalterangaben seit Freitag insgesamt 400 Künstler aus acht Bundesländern aufgetreten. mit dpa/AFP

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