Religion und Rassismus in Amerika : Die USA zerfallen in viele Welten

Weiße und Schwarze in den USA hatten einmal, trotz aller Differenzen, eine gemeinsame Referenz - das Christentum. Nun wird Amerika bunter und kirchenferner. Das schafft Heimatlosigkeit. Ein Kommentar.

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Eine US-Flagge nach den Polizistenmorden in Dallas.
Eine US-Flagge nach den Polizistenmorden in Dallas.Foto: AFP

Fast auf den Tag genau vor fünfzig Jahren schlug Martin Luther 48 Thesen an die Metalltür des Rathauses. Er prangerte die Ausbeutung von Schwarzen an, forderte mehr Ausbildungsplätze, bessere Wohn- und Arbeitsverhältnisse. Es war der 10. Juli 1966, das Rathaus stand in Chicago, und Martin Luther war Martin Luther King. Zwei Jahre zuvor hatte er in der West-Berliner Waldbühne und zwei Ost-Berliner Kirchen gepredigt und den Friedensnobelpreis erhalten, zwei Jahre später wurde er ermordet.

Ursprünglich hieß der schwarze Bürgerrechtler, wie sein Vater, Michael King. Doch nach einem Deutschlandbesuch im Jahre 1934 nannte der Vater, ein Baptistenprediger, sich und seinen Sohn zu Ehren von Martin Luther um. Luther und Gandhi – diese beiden Lichtgestalten prägten den Sohn. Die Hymne der Bürgerrechtsbewegung war „We Shall Overcome“.

Vor 50 Jahren stand die Aufhebung der Rassentrennung in Amerika ganz am Anfang. Der „Civil Rights Act“ war gerade in Kraft getreten, dennoch blieben Mischehen in 16 Bundesstaaten bis 1967 verboten. Seitdem ist viel geschehen. Die Lage der Schwarzen habe sich „dramatisch verbessert“, sagte Barack Obama, der erste schwarze US-Präsident, bei der Trauerfeier für die fünf ermordeten weißen Polizisten in Dallas. Doch die jahrhundertelange Erfahrung von Rassismus und Diskriminierung würden nicht einfach verschwinden, Vorurteile hielten sich hartnäckig. Ein ums andere Mal zitierte Obama aus der Bibel. Keine andere ethnische Gruppe in Amerika ist so tief religiös verankert wie die der Schwarzen.

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Attentat von Dallas: Obama fordert rassenübergreifenden Respekt
Attentat von Dallas: Obama fordert rassenübergreifenden Respekt


Protestantisches Christentum und Bürgerrechtsbewegung hängen eng zusammen. Die Sklaven nahmen, zum Teil freiwillig, zum Teil unter Zwang, oft auch gegen den Willen der Sklavenhalter, die Religion der Weißen an, bereicherten sie durch spezifische Elemente der Heiligenverehrung, Gospelgesänge und Gemeindeanrufungsrituale und übertrugen die Botschaft auf ihre eigene Situation: Wie Moses die Israeliten aus der Gefangenschaft führte, so hofften sie, würde Gott sie aus der Sklaverei in die Freiheit führen.

Die Schwarzen eigneten sich die Sprache des Christentums an und wendeten sie gegen ihre Unterdrücker. Damit hatten Weiße und Schwarze, trotz aller Differenzen, eine gemeinsame Referenz, die Heilige Schrift. In Europa wurde während der Aufklärung ein korrupter Klerus entmachtet. In Amerika dagegen sind die Kirchen im wahrsten Sinne des Wortes Volkskirchen. Jedenfalls waren sie es bis vor gar nicht langer Zeit.

Zwei Trends wirbeln die Dinge gewaltig durcheinander. Sie bewirken, dass Amerika nicht so sehr gespalten als vielmehr zersplittert wird. Die Folge ist ein Gefühl von Heimatlosigkeit, verbunden mit einer vehementen Verteidigung eigener Identitätsmerkmale. Da ist zum einen die Demographie: Die weiße, protestantisch geprägte Mehrheitskultur verblasst. In immer mehr Bundesstaaten bilden Weiße nicht länger die Mehrheit. Der Bevölkerungsanteil der Latinos und Asiaten wiederum wächst rasant, während der der Schwarzen bei etwa zwölf Prozent stagniert. Der Verlust der weißen Leitkultur wird allerdings nicht durch den Aufstieg einer anderen Leitkultur kompensiert. Das Land zerfällt in viele Welten.

Ein Polizist in Dallas schließt sich den Gebeten von Mitgliedern der Black-Lives-Matter-Bewegung an.
Ein Polizist in Dallas schließt sich den Gebeten von Mitgliedern der Black-Lives-Matter-Bewegung an.Foto: Reuters

Der zweite Trend, die nachlassende Bindung an religiöse Institutionen, potenziert die verunsichernden Folgen des ersten. Im Vergleich zu Europa ist Amerika immer noch ein sehr religiöses Land. Doch kontinuierlich steigt sowohl die Zahl jener, die ihre Religionszugehörigkeit wechseln, als auch derer, die sich keiner Glaubensrichtung mehr verbunden fühlen. Zwischen 2007 und 2014 ist die Gruppe der „Unaffiliated“, laut „PewResearchCenter“, von 16,1 Prozent auf 22,6 Prozent gestiegen. Dabei gilt die Regel: je jünger, desto kirchenferner.

Die afroamerikanischen Kirchen sind von dieser Entwicklung nicht verschont geblieben. Auch von ihnen wendet sich die Jugend ab. Das beeinträchtigt ihre traditionell wichtigen integrativen Funktionen. Ohne ein religiöses Umfeld, das Diskriminierungserfahrungen auffängt und Veränderungsimpulse setzt, bleiben schwarze Jugendliche immer öfter allein mit ihrem Frust und Zorn. Das begünstigt Entfremdungs- und Radikalisierungsprozesse.

Auch George W. Bush, Obamas Vorgänger, ein weißer, texanischer Republikaner, redete bei der Trauerfeier für die ermordeten Polizisten in Dallas. Amerikaner würden sich nicht durch „Blut und Herkunft“ definieren, sagte er, sondern durch „Ideale und Werte“. Doch genau dafür zerbröselt langsam das Fundament.

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