Russlands Hilfe für Assad : Warum Putin die Opposition in Syrien bombardiert

Wladimir Putin gibt vor, gegen den IS zu kämpfen. Tatsächlich will Russland das Assad-Regime stützen - und spaltet mit seinem Eingreifen in Syrien den Westen. Ein Kommentar.

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Russischer Sukhoi-Su-30-Kampfjet im syrischen Latakia: Einsätze gegen den IS und gegen gemäßigte syrische Rebellen.
Russischer Sukhoi-Su-30-Kampfjet im syrischen Latakia: Einsätze gegen den IS und gegen gemäßigte syrische Rebellen.Foto: imago

Russlands Vorgehen in Syrien ist atemberaubend, einerseits wegen des Zynismus, anderseits wegen der Risikobereitschaft. Sie kann zu einer Niederlage wie einst in Afghanistan führen. Die Dynamik wird Europa und die USA über kurz oder lang vor die Frage stellen, ob sie Wladimir Putin eine Schlappe erleiden lassen und das folgende Chaos mit ertragen. Oder ob sie ihm heraushelfen, freilich um den Preis, dass Diktator Assad an der Macht bleibt, um ein noch größeres Übel, die Herrschaft der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS), abzuwenden. Es ist keineswegs sicher, dass Amerika und Europa da einig werden.

Putin hat keine Skrupel

Derzeit kämpfen drei Gruppen um die Dominanz in Syrien: Assad, der IS und die moderate Opposition. Der Westen wünscht ein Syrien ohne Assad und ohne IS, ist aber nicht willens, militärisch entschieden genug zu intervenieren, um diesen Ausgang herbeizuführen. Die Luftangriffe der USA reichen gerade, um ein unkontrollierbares Vorrücken des IS, das mit Massakern an Andersgläubigen verbunden wäre, zu erschweren.

Putin hat keine Skrupel. Wie in der Ukraine agiert er zielstrebig, lügt aber über seine wahren Absichten. Militärberater und Kampfjets waren längst in Syrien, als er vor der UN-Generalversammlung so tat, als müsse er eventuell bald über ein Hilfegesuch Assads entscheiden. Nur Stunden später begannen die russischen Luftangriffe, aber nicht gegen den IS, wie er behauptet hatte, um ein gemeinsames Interesse mit dem Westen vorzutäuschen. Sondern gegen moderate Rebellen in Homs und Hama, die für den Westen zur akzeptablen Opposition zählen.

Findet der Westen eine gemeinsame Linie?

Putins Kalkül: Aus drei mach zwei. Wenn er Assad hilft, die einzige politisch erträgliche Alternative zu vernichten, bleiben nur noch Assad und der IS – und vor diese Wahl gestellt, wird sich der Westen mit Assad abfinden müssen. Putin griff jetzt so schnell ein, weil er den Sturz Assads und damit den Verlust seiner letzten Stützpunkte im Mittelmeer fürchtete: des Hafens Tartus und des Airports Latakia. In jüngster Zeit waren moderate Rebellen und der IS in das von Assad kontrollierte Restdrittel Syriens vorgerückt, Damaskus und das Küstengebirge. Sie standen in Vororten der Hauptstadt und bedrohten die Landverbindung nach Tartus und Latakia.

Die USA und Europa werden nicht militärisch intervenieren, um Putins Plan zu durchkreuzen. Das ist klug so – auch wenn schwer zu ertragen ist, wie Putin Syrien die Chance auf einen verhandelten Machtübergang zu einer etwas freieren Gesellschaft nimmt. Seine Kräfte werden aber nicht reichen, um Assads Herrschaft auf Dauer zu stabilisieren gegen Milizen, die von Saudi-Arabien und der Türkei unterstützt werden. Schon die Sowjetunion konnte eine kommunistische Marionettenregierung in Afghanistan nicht gegen saudisch geförderte Mujaheddin retten.

Findet der Westen eine gemeinsame Linie? Die USA werden dazu tendieren, Putin in der selbst gewählten Sackgasse scheitern zu lassen, bis er um Hilfe bitten muss. Hat auch Europa, hat Deutschland diese strategische Geduld, wenn Putins rücksichtsloses Vorgehen die Fluchtwelle steigert? Er setzt darauf, dass er den Westen spalten kann, um sich zu retten.

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