Salzburg und "The Sound of Music" : Der Berg groovt

Es gibt ein zweites Salzburg. Eines, das Österreichern und Deutschen fremd ist. Von dem aber der Rest der Welt glaubt, es sei echt. Schuld daran ist ein Hollywood-Film.

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Abbildung ähnlich. Im oscarprämierten Musicalfilm „The Sound of Music“ prägte Julie Andrews als Nonne Maria 1965 das Bild von Österreich in der Welt.
Abbildung ähnlich. Im oscarprämierten Musicalfilm „The Sound of Music“ prägte Julie Andrews als Nonne Maria 1965 das Bild von...Foto: mauritius images

Die Fellmütze singt. Ganz vorn, direkt hinterm Fahrer, stimmt Tom, ein älterer Australier mit auffälliger Kopfbedeckung und dicker Jacke, mit ein, als Julie Andrews Stimme erklingt: „The hills are alive with the sound of music.“ Außerdem im Bus-Chor: fünf Inder, mehrere Engländer, einige Amerikaner, eine Dänin. Die zwei Deutschen an Bord wurden bloß mitgeschleppt, behaupten sie. Die Frau, die sich „Crazy Natascha“ nennt und die heutige Tour führt, muss nur eine Zeile anstimmen oder die CD auf Play stellen, und alle anderen fallen ein. Dann lacht „Crazy Natascha“ herzhaft. „You crazy people“, sagt sie ziemlich oft.

Die Menschen in diesem Bus sind nicht nach Salzburg gekommen, um Mozarts Geburtshaus zu sehen. Oder die Altstadt, das Unesco-Weltkulturerbe. Was sie interessiert, ist ein Pavillon im Schlosspark Hellbrunn. Weil dieser Ort in dem Film vorkommt. Der Film, der dem Australier Tom so viel bedeutet, dass er dafür vom anderen Ende der Welt anreist.

Im Rest der Welt berühmt

Es gibt ein zweites Salzburg, eine Parallelwelt, die den meisten Österreichern und auch Deutschen völlig fremd ist, von der aber der Rest der Welt glaubt, es sei das wahre Salzburg. Schuld ist „The Sound of Music“, ein Hollywoodmusical, das in Salzburg spielt, an Originalschauplätzen gedreht wurde und vor 50 Jahren unter dem Titel „Meine Lieder – meine Träume“ in die deutschen Kinos kam. Es erzählt die Geschichte der Familie Trapp. Der Tagesspiegel schrieb damals: „Die Texte sind nicht eben klug, die Musik wirkt keineswegs mitreißend.“

In der Bundesrepublik spielte der Film weniger ein, als die Werbung für ihn verschlang: 88 000 Mark. Auch in Österreich floppte er gnadenlos. In den USA dagegen hat er inflationsbereinigt das drittbeste Einspielergebnis aller Zeiten erreicht – nach „Vom Winde verweht“ und „Star Wars“. Er gewann fünf Oscars, unter anderem als „Bester Film des Jahres“.

Ob die Salzburger es wollen oder nicht, kein anderer Film hat weltweit das Bild der Stadt so geprägt: grüne Hügel, blauer Himmel, lauter singende Menschen in Dirndl und Lederhosen.

Als der Bus am Mirabellgarten anhält, stehen Tom und die Anderen wie Gläubige im Petersdom. Sie müssen das Unfassbare verkraften, nun an einem magischen Ort stehen zu dürfen, genauer gesagt in einem Barockpark, durch den im Film Julie Andrews als Nonne Maria singt und schwingt.

Allein 300 000 Touristen kommen jedes Jahr in die 150 000 Einwohner-Stadt nur des Hollywood-Musicals wegen. Rund 45 000 Menschen nehmen an den Bustouren teil. Etwa 200 Euro gibt jeder dieser Fans aus, das sind schon mal 60 Millionen Euro Umsatz für die Tourismusindustrie. Die Stadt nimmt ein Heidengeld ein, und deshalb muss ein Bürgermeister manchmal vorsingen.

So geschehen in der Bibliothek von Schloss Leopoldskron. Ein Prunkbau aus dem 18. Jahrhundert, mit Park und künstlichem See. In die erste Etage hat der Bürgermeister Journalisten eingeladen, um „The Sound of Music“ zu feiern. Heinz Schaden hat während seines Studiums amerikanische Touristen durch die Stadt geführt, nun sitzt er für die Sozialdemokraten im Rathaus.

Sound of was?

Der Politiker erzählt, wie ein japanischer Amtskollege ihn in eine Karaokebar einlud, damit er „Edelweiß“ anstimme – jenes Lied aus dem Film, in dem es heißt „Bless my homeland forever“ („Segne für immer meine Heimat“) und das manche Amerikaner deshalb für die österreichische Nationalhymne halten. Prompt reckt eine irische Journalistin den Arm: „Können Sie das noch mal singen?“ Er singt, und ein Dutzend angelsächsischer Journalisten lässt jede kritische Distanz fallen und stimmt mit ein. Plötzlich ist die altehrwürdige Bibliothek eine Laienbühne.

Kurz darauf verlässt der Bürgermeister den Saal und fragt einen Kollegen leise: „Aber auf der Gala morgen müssen wir nicht singen?“

Leo Bauernberger freut sich aus Berufsgründen über den Wirbel. Der Mittfünfziger ist Geschäftsführer des Fremdenverkehrsbüros Salzburg, am Kamin von Schloss Leopoldskron erzählt er stellvertretend die Geschichte vieler Salzburger. Nie hatte er von diesem Phänomen gehört, bis er mit 23 Jahren in New York war und von Freunden zum „Sound-of-Music-Singalong“, einem Mitsingabend, eingeladen wurde. Sound of was?

In einer Videothek lieh er sich den Film aus. Der lehnt sich vage an eine echte Begebenheit an und erzählt von der Nonne Maria, die als Hauslehrerin für die sieben Kinder des Witwers Baron Trapp (Christopher Plummer) engagiert wird. Sie bringt ihren Schützlingen vor allem Lieder bei, der strenge Vater verliebt sich und heiratet sie. Weil aber 1938 und Hitler-Dämmerung in Österreich ist, fliehen die Trapps in die Schweiz, die wenigstens in diesem Film für alle Nazi-Flüchtlinge brav die Grenzen geöffnet hat.

Der Film basiert auf den 1952 erschienenen Memoiren von Maria von Trapp. Ein deutscher Filmproduzent kaufte die Buchrechte, machte daraus 1956 den enorm erfolgreichen Heimatschinken „Die Trapp Familie“ und weckte damit das Interesse amerikanischer Musicalproduzenten. Deren Stück „The Sound of Music“ war 1959 ein Hit am Broadway, daraus wiederum wurde sechs Jahre später eine Kinoversion.

Es ist ein Werk entstanden, das Salzburger, die über Umwege von ihm erfahren, mehrheitlich für ein kitschiges Gräuel halten. Zumal ihre Stadt eigentlich für andere kulturelle Höchstleistungen steht: Mozart lernte hier Klavier spielen, Max Reinhardt erdachte im Schloss Leopoldskron die Salzburger Festspiele, Thomas Bernhard saß im Cafe Bazar und ertrank seine Grantigkeit. Der distinguierte ältere Herr, der heute im Traditionshaus an der Salzach serviert, Wolfgang heißt er, schwarze Weste, weißes Hemd, dieser charmante Wolfgang lächelt spöttisch, denn natürlich habe er den Film noch nie gesehen. Aber es bringe „G’schäft“ in die Stadt.

Geografie: Hollywood

Und wer das Geld aus Argentinien, China, Japan, Irland oder Mexiko mitbringt, nimmt es nicht so genau. Zum Beispiel mit der Szene, in der die Trapps nach einem Auftritt über die Berge flüchten und sofort in die Schweiz gelangen. Das ist etwa so, als würde man hinterm Treptower Park in Polen ankommen. Tatsächlich führten jene Berge aus der Hollywood-Verfilmung direkt nach Deutschland. Darüber beschwerte sich auch die echte Maria von Trapp, als sie 1965 den Film zum ersten Mal sah. Regisseur Robert Wises Antwort war knapp: „Hollywood macht sich seine eigene Geografie.“

Spott gab es auch für die Texter des Liedes „My favourite Things“. Darin listet Maria nicht nur Apfelstrudel als eines ihrer Lieblingsdinge auf, sondern auch Schnitzel mit Nudeln – das reimte sich eben besser.

Die guten Mehlspeisen führten 1964 dazu, dass bei den Dreharbeiten einige Kinderdarsteller tüchtig zunahmen. Für die Schlussszene sollte Christopher Plummer seine Filmtochter auf seine Schultern heben. „Auf keinen Fall trage ich dieses verflucht fette Kind!“, rief er aus. Der Shakespeare-Darsteller nannte das Musical später gern „The Sound of Mucus“ – der Klang von Schleim. Süffisante Melodien, pathetische Texte, und jeder Konflikt wird mit einem Refrain niedergeschmettert.

Umso erstaunlicher, dass so viel Kitsch selbst härteste Rockerherzen erweicht. James Hatfield, Sänger der Propellerflugzeug-lauten Band Metallica, übernachtete in der echten Villa Trapp, weil er den Film und seine leisen Lieder mochte. Auch David Gilmour wollte die spezielle Aura des Salzburger Herrenhauses genießen und quartierte sich für eine Woche ein. An seinem letzten Abend schnappte sich der Pink-Floyd-Gründer seine Gitarre und stimmte „Edelweiß“ an.

Anekdoten wie diese erzählt Christopher Unterkofler. Der ehemalige Fernsehredakteur hat mit seiner Frau Marianne Dorfer die historische Trapp-Villa gekauft und darin ein Hotel mit zwölf Zimmern eröffnet. Gäste aus 100 Ländern haben sie in knapp sieben Jahren begrüßt.

Im ehemaligen Wohnzimmer gibt es Geschichtsunterricht. Zwischen olivgrünen Sofas auf burgunderrotem Teppich ist eine kleine Ausstellung über den Ersten Weltkrieg eingebettet. Georg von Trapp war damals der erfolgreichste U-Boot-Kommandant des Kaiserreichs. „Er hat die meisten Bruttoregistertonnen versenkt“, sagt Unterkofler. Nach dem Krieg zog Trapp nach Wien. Er hatte mit seiner ersten Frau sieben Kinder. Als sie 1922 an Scharlachfieber verstarb, siedelte die Familie ins Salzkammergut über, wo 1925 (und nicht 1938 wie im Film) Maria Augusta Kutschera in der Villa der Trapps eintraf. Zwei Jahre später heirateten sie. Weil der Marineoffizier gegen Hitler und dessen sogenannten „Anschluss“ war, ging die Familie in die USA. Ganz legal reisten die Trapps, inzwischen eine singende Bühnentruppe, mit dem Zug über Italien aus. In Amerika bekam Maria ihr drittes Kind – und so konnte die ganze Familie dort bleiben.

Störfaktor Musical

Marianne Dorfer setzt sich auf die Couch im Salon dazu. „Die Maria war ein Machtmensch“, sagt sie. Das habe sie von der einzigen Tochter aus der ersten Ehe von Trapp erfahren, die bis 2014 noch gelebt hat. Maria soll die Kinder oft gezüchtigt haben. Wann immer es das Wetter erlaubte, schickte sie die Kinder zum Volleyballspiel in den Garten. Für den Hausfrieden war es besser, wenn die Mannschaft der Stiefmutter gewann.

Marianne Dorfer ist im Salzburger Land aufgewachsen, als sie acht war, in den 70er Jahren, hat sie zum ersten Mal von der Familie Trapp gehört. Seitdem hat sie die Faszination nie verlassen. Bis sie von der tatsächlichen Villa Trapp hörte, die unbeschadet den Krieg überstanden hatte – auch weil Heinrich Himmler sie bis 1944 bewohnte und danach ein Mönchsorden einzog.

Die „Missionare vom kostbaren Blut“ ließen 1964 weder die Filmcrew auf das parkähnliche Grundstück noch die bittenden Fangruppen in den Jahren danach. Nur gegen das sittenlose Internet hatten sie keine Chance. Plötzlich standen Wegbeschreibungen im Netz, wie man wo über die Mauer klettern und auf das 3,5 Hektar große Anwesen gelangen konnte.

Deshalb wollte der Orden vor zehn Jahren raus – und Marianne Dorfer kam rein. Ein Hotel, eine Begegnungsstätte, ein kleines Museum, ihre Pläne waren groß, die Sorgen der Anwohner auch. Aigen ist der Villenvorort von Salzburg. 2008 gründete sich eine Bürgerinitiative, der es gelang, den Hotelbetrieb zu verzögern und die Museumspläne zu vereiteln.

„Die Politik ist gegen uns“, sagt die Besitzerin heute. Von einem Museum ist in der Stadt immer wieder die Rede, jetzt soll es vielleicht im Zentrum eröffnen. Konkret beschlossen ist nichts.

Auch das Schloss Leopoldskron hat sich lange gegen die Musical-Fans gewehrt. Es stand seinerzeit für Außenaufnahmen als Villa Trapp zur Verfügung. In einem eigens für den Film aufgebauten Pavillon am Parkrand drehte das Team eine inzwischen berühmte Szene: Tochter Gretl singt darin mit ihrem Schatz „I’m 16 going on 17“ und hüpft dabei von Bank zu Bank.

So viele betrunkene Engländer, Schweden, Australier spielten das nachts nach, dass man sich entschloss, den Pavillon in den Schlosspark Hellbrunn zu verlagern, außerhalb von Salzburg. Es wurde schlimmer. Eine ältere Amerikanerin führte sich vor ein paar Jahren wie ein Teenager auf, sprang über die Bänke, stürzte auf den Boden und brach sich die Hüfte. Seitdem ist der Pavillon geschlossen, um die Fans vor sich selbst und die Stadt vor Klagen zu schützen.

Zwei Mal täglich rücken nun die Busse für 69 Touristen aus, fahren vier Stunden in und um Salzburg und bringen den Fans solche Drehorte nahe. Tom, der ältere Australier aus New South Wales, schwärmt. Am Abend zuvor war er auf der Gala zum 50. Jahrestag des Hollywoodfilms. Der Bürgermeister musste nicht singen, dafür gab es Szenen aus der Salzburger Musicalaufführung, die im Landestheater läuft – und es wurde eine Wachsfigur von Julie Andrews als Maria enthüllt. „So ein großes Ereignis“, sagt Tom. Er hofft, dass die Show demnächst im australischen Fernsehen wiederholt wird.

„Crazy Natascha“ muss ihm und anderen Gästen auf der Tour immer wieder dieselbe Frage beantworten: Warum bloß war dieser tolle Film kein Erfolg in Österreich? Natascha verweist auf die Synchronisation der Lieder, „terrible“, sagt sie, ganz furchtbar. Und auf den Zeitpunkt: „Der Krieg war noch zu präsent. Niemand wollte 20 Jahre später wieder Hakenkreuzfahnen in der Altstadt sehen.“ Natascha erzählt, wie viele Österreicher 1938 einen Mann wie Hitler herbeigesehnt hatten. Dass ein aufrechter Monarchist wie Baron Trapp fliehen musste, das passte noch nicht ins Bild der Menschen.

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