Update

Schweizer Experten finden Polonium-210 : Arafat möglicherweise vergiftet

In Arafats Leiche wurden stark erhöhte Polonium-Werte festgestellt, berichtet der "Guardian" unter Berufung auf Schweizer Experten. Russische Wissenschaftler waren zuvor zu einem anderen Ergebnis gekommen.

von und
Arafat mit seiner Ehefrau kurz vor seinem Tod.
Arafat mit seiner Ehefrau kurz vor seinem Tod.Foto: dpa

Möglicherweise ist der im Jahr 2004 verstorbene Palästinenserchef Jassir Arafat doch einem Giftmord zum Opfer gefallen. Wie der britische "Guardian" am Mittwoch berichtete, haben forensische Tests an Proben von Arafats exhumierten Leichnam eine extrem hohe Konzentration von Polonium-210 ergeben. In einem englischsprachigen Bericht von Schweizer Ärzten, der dem "Guardian" sowie dem TV-Sender Al Dschasira vorliegt, heißt es, die Ergebnisse würden "die Annahme mäßig (moderately) stützen, dass der Tod (Arafats) auf Grund von einer Vergiftung mit Polonium-210 eingetreten ist". Laut des Berichts ist „mäßig stützen“ die zweithöchste Bestätigung einer These.

Offenbar ist die Konzentration der tödlichen Substanz in Arafats Leichnam 18-mal höher als normal. Der britische Wissenschaftler David Barclay, der den Bericht gelesen hat, sagte dies dem Sender Al Dschasira. Barclay vergleicht das Dokument mit einer "noch rauchenden Pistole".

Der 75-jährige Arafat war vor neun Jahren in einem Pariser Militärkrankenhaus nach vierwöchiger, schwerer Erkrankung gestorben. Schon damals wurde heftig über eine mögliche Vergiftung des Palästinenserführers spekuliert. Allerdings wurde der Leichnam ohne Autopsie nach Ramallah überführt.

Russische Experten stritten Spuren des radioaktiven Gifts vor vier Wochen ab

Um den Vorwürfen auf den Grund zu gehen, war der Leichnam dann vor einem Jahr exhumiert worden. Damals hatten Experten aus der Schweiz, Frankreich und Russland Proben entnommen. Das Schweizer Team übergab seinen Bericht am vergangenen Dienstag der Autonomiebehörde sowie Vertretern von Suha Arafat, Arafats Witwe. Im Guardian sprach Suha Arafat jetzt schon vom "Verbrechen des Jahrhunderts". Die Palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah wollte den Bericht dagegen noch nicht kommentieren sondern abwarten, bis alle drei Expertenteams ihre Untersuchungen abgeschlossen haben.

Möglicherweise ein kluger Gedanke: Denn erst vor knapp vier Wochen hatten russische Experten mitgeteilt, sie hätten im Leichnam keine Spuren des radioaktiven Gifts gefunden. „Er kann nicht mit Polonium vergiftet worden sein", sagte damals der Leiter der mit den Untersuchungen betrauten Bundesbehörde für biologische Analysen, Wladimir Uiba, laut der Nachrichtenagentur Interfax.

Kaum war die Meldung bekannt geworden, da erklärte ein Sprecher der staatlichen Einrichtung allerdings: „Wir haben keinerlei amtliches Ergebnis veröffentlicht.“ Und das russische Außenministerium sekundierte mit der Mitteilung, es obliege allein der palästinensischen Seite, die Ergebnisse der Gewebeuntersuchungen mitzuteilen.

Der Verdacht, Arafat könnte mit Polonium vergiftet worden sein, war bei Untersuchungen einiger seiner persönlichen Gegenstände durch das Institut für Radiophysik des Universitätsklinikums in Lausanne im Juli 2012 aufgekommen. Experten des Instituts hatten unter anderem Unterwäsche und eine Mütze untersucht, die Arafat kurz vor seinem Tod getragen haben soll. Sie hatten erhöhte Werte des gefährlichen Stoffes festgestellt. Auch an Arafats Zahnbürste sowie an den Haaren waren Spuren des radioaktiven Isotops gefunden worden.

Was bedeutet der Mord Arafats für den Nahostkonflikt?

Viele Palästinenser sind überzeugt davon, dass die Israelis ihren früheren Präsidenten vergiftet haben – was in Jerusalem vehement bestritten wird. Israel hat die Untersuchungsergebnisse Schweizer Experten zur Todesursache des früheren Palästinenserführers Jassir Arafat als unseriös abgetan. Bei dem Fund ungewöhnlich hoher Spuren der radioaktiven Substanz handele es sich „eher um eine Seifenoper als um Wissenschaft“, zitierte die Zeitung „Jerusalem Post“ am Mittwoch den Sprecher des Außenministeriums in Jerusalem, Jigal Palmor.

Es gab aber auch Gerüchte, der PLO-Chef sei womöglich von innenpolitischen Gegnern aus dem Weg geräumt worden. Im Westen wurde zudem immer wieder gemunkelt, auch Aids komme als Todesursache infrage. Gleichfalls war die Rede davon, der damals 75-Jährige sei einfach an Altersschwäche gestorben.

Unklar war am Mittwochabend, welche Folgen die Nachricht von Arafats möglicher Ermordung für die Gespräche zwischen Israelis und Palästinensern haben könnten. US-Außenminister John Kerry ist derzeit in Jerusalem, um die ohnehin schwierigen Verhandlungen über eine Lösung des Nahostkonflikts voranzubringen. In den vergangenen Tagen hatte insbesondere die palästinensische Seite moniert, es gäbe keinerlei Fortschritte. Vielmehr zeige sich Israel in wichtigen Fragen hartleibig. Nicht zuletzt der jüdische Siedlungsbau unterminiere die Bemühungen um eine Wiederbelebung des Friedensprozesses.

Benjamin Netanjahu warf dagegen den Palästinensern vor, sie würden „künstliche Krisen“ schaffen. Wird der „Fall Arafat“ nun den Verhandlungen den Todesstoß versetzen? Das ist trotz allen Unmuts eher unwahrscheinlich. Dem Vernehmen nach gibt es in einigen Punkten zumindest eine Annäherung. Auch soll die Gesprächsatmosphäre bislang sich positiv von vorherigen Runden unterscheiden. Sie wird als sachlich beschrieben. Und Kerry wird alles daransetzen, dass weder Palästinenser noch Israelis den Verhandlungstisch verlassen. Mehrfach haben die Konfliktparteien betont, man habe die „historische Chance“ den Konflikt beizulegen. Der Kriminalfall Arafat wird womöglich die Stimmung dämpfen. Doch scheitern lassen wird er die Gespräche wohl kaum.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

Autor

53 Kommentare

Neuester Kommentar