Steinmeier und der Völkermord an den Armeniern : Komplexe Erinnerungen

Der deutsche Außenminister sagt: Wer vom Völkermord an den Armeniern spricht, verharmlost die Shoa. Wen meint er damit? Papst Franziskus, Bundespräsident Joachim Gauck - oder den israelischen Präsidenten? Ein Kommentar.

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„Wo es keine Erinnerung gibt, hält das Böse die Wunden offen.“ Das hat Papst Franziskus gesagt.
„Wo es keine Erinnerung gibt, hält das Böse die Wunden offen.“ Das hat Papst Franziskus gesagt.Foto: imago

Ein Diplomat, der herumeiert, ist normal. Diplomatie heißt Rücksichtnahme, Ausgleich, Abbau von Spannungen. Darum könnte man es Frank-Walter Steinmeier nachsehen, dass er die Massaker an den Armeniern vor hundert Jahren partout nicht Völkermord nennen will. „Komplexe Erinnerungen sind nur selten auf einen Begriff zu bringen“, sagt er. Zwar gäbe es in der historischen Forschung dann gar keine Begriffe mehr, weil sie es ziemlich oft mit „komplexer Erinnerung“ zu tun hat, aber durch solche Spitzfindigkeiten darf Steinmeier sein Verhältnis zu Ankara nicht belasten. Ein Diplomat muss manchmal Nebelkerzen werfen und die Gesetze der Logik auf den Kopf stellen. Das ist peinlich, nicht verwerflich.

Steinmeier will den Völkermord an den Armeniern partout nicht Völkermord nennen

Etwas anderes ist es, die eigenen Peinlichkeiten mit volkspädagogischem Zeigefinger in den Rang des Guten, Wahren und Wertvollen zu erheben. Dann offenbaren sich plötzlich Abgründe. Warum er den Völkermord an den Armeniern nicht Völkermord nennen will, begründet Steinmeier im „Spiegel“ jetzt so: „Wir müssen in Deutschland aufpassen, dass wir am Ende nicht denen recht geben, die ihre eigene politische Agenda verfolgen und sagen: Der Holocaust hat eigentlich vor 1933 begonnen.“ Mit anderen Worten: Wer diesen Völkermord als Völkermord bezeichnet, betreibt das Geschäft der Verharmloser des Holocaust. Davon angesprochen fühlen dürfen sich, neben vielen anderen, Papst Franziskus, Bundespräsident Joachim Gauck, Bundestagspräsident Norbert Lammert. Herzlichen Glückwunsch!

Doch möglich wäre auch diese Schlagzeile: „Deutscher Außenminister wirft israelischem Präsidenten die Relativierung des Massenmords an den Juden vor.“ Denn Reuven Rivlin, der demnächst Deutschland besucht, hat den Völkermord an den Armeniern nun ebenfalls als solchen bezeichnet und dem Papst zu dessen klaren Worten gratuliert. Diverse jüdische Organisationen, wie etwa die Anti-Defamation League, fordern seit langem ein Ende der Leugnung diesen historischen Verbrechens.

Steinmeiers Satz ist ungeheuerlich. Wenn er selbst zu feige ist, um die Wahrheit auszusprechen, soll er dies gefälligst nicht auf dem Rücken von sechs Millionen ermordeter Juden als besonders tugendhaft adeln.

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