Studentenproteste in Ägypten : Wo jeder Demonstrant als Gangster gilt

In Ägypten kämpfen Studenten für ihre Rechte. Jetzt lässt ein Anschlag die Lage eskalieren.

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Bei einer Bombenexplosion vor einer Kairoer Uni gab es etliche Verletzte.
Bei einer Bombenexplosion vor einer Kairoer Uni gab es etliche Verletzte.Foto: dpa

Die Bombe war in einer Leuchtreklame versteckt. Der Attentäter zündete sie per Handy, wie Ermittlungen ergaben. Elf Menschen wurden durch die Explosion nahe dem Haupttor der Universität Kairo verletzt, darunter ein hochrangiger Polizeioffizier. Seitdem ist das gesamte Gelände im Bezirk Dokki rund um die größte Hochschule Ägyptens zur Sicherheitszone erklärt und weiträumig abgesperrt worden. Hier hatte vor fünf Jahren US-Präsident Barack Obama seine Rede an die muslimische Welt gehalten. Seit dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohamed Mursi jedoch ist an ein geordnetes Studieren nicht mehr zu denken.

Private Sicherheitsfirma von Mubarak-Leuten gegründet

Dabei hatte das Regime vor Beginn des neuen akademischen Jahres versucht, eine Fortsetzung der Studentenproteste nach den Ferien zu unterdrücken. Der Beginn des Semesters wurde um zwei Wochen bis zum 11. Oktober verzögert, Dutzende Studentenführer vorab nachts aus ihren Zimmern geholt und verhaftet. Die Gelände sämtlicher staatlicher Hochschulen ließ das Innenministerium mit hohen Zäunen, Sichtblenden und Überwachungskameras umgeben. Mit der Kontrolle der Studenten wurde die private Sicherheitsfirma Falcon beauftragt, die pensionierten Generälen und Mubarak-Geschäftsleuten gehört.

Das jüngste Opfer starb vor drei Tagen

Doch bereits am ersten Uni-Tag schlugen die Studenten die Detektoren kurz und klein, verjagten die privaten Wachleute. Über 70 Proteste, Kundgebungen und Prügeleien mit Sicherheitskräften hat es seitdem an den 14 Großuniversitäten des Landes gegeben, organisiert von der Vereinigung „Studenten gegen den Putsch (SAC)“, die der Muslimbruderschaft nahesteht, aber auch von säkularen Gruppen unterstützt wird. Mehr als 160 Studenten wurden bisher verhaftet. Fotos zeigen Polizisten mit Schlagstöcken, durch deren Spaliere die jungen Leute den Campus betreten müssen. 17 Studenten verloren in den letzten anderthalb Jahren ihr Leben. Das jüngste Opfer starb vor drei Tagen in Alexandria an einem Kopfschuss.

"Erzählen Sie mir nichts von Redefreiheit"

Präsident Abdel Fattah al Sisi reagierte auf die Unruhen mit einem Dekret, dass ihm erlaubt, Universitätspräsidenten und Fakultätsdekane künftig selbst zu ernennen. Alle politischen Studentenvereine wurden verboten. Hochschulminister al Sayed Abdel Khalek kündigte an, er werde „unverzüglich“ jeden Studenten, Dozenten oder Professor rauswerfen, der an einer Demonstration teilnehme. Die Universität von Beni Suef drohte allen Studenten mit Exmatrikulation, sollten sie gegen al Sisi agitieren. Mohamed al Kenawy, Präsident der Universität von Mansoura, brüstete sich gar im Fernsehen, die Polizei werde mit absoluter Entschiedenheit vorgehen, härter, als sich irgendjemand vorstellen könne. „Erzählen Sie mir nichts von Redefreiheit“, sagte er. Jeder Demonstrant werde behandelt wie ein Gangster.

Moderate Studenten werden verunglimpft

Derweil werden die Protestvideos, die Studenten täglich ins Netz laden, immer mehr. „Die Universität ist zu einem großen Gefängnis geworden“, beklagte eine Studentin und kündigte an, die Proteste würden weitergehen. Die moderaten Studenten dagegen fühlen sich zwischen den beiden Fronten zerrieben. „Wir haben alles verloren, sämtliches Gewicht und sämtlichen Einfluss. Es gibt nur noch Terror“, sagte einer von ihnen. „Wenn du den Mund aufmachst, wenn du protestierst, wirst du sofort als Muslimbruder verunglimpft.“

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