Syrien : Aleppo droht an Assad zu fallen

Die nächste Katastrophe in Syrien: Die einstige Wirtschaftsmetropole Aleppo könnte bald in die Hände der Assad-Truppen fallen. Das hätte eine erneute Flucht vieler Menschen in die Türkei zur Folge.

Thomas Seibert
Viele Menschen in Aleppo packen ihre Sachen, bevor die Stadt in die Hände von Assads Soldaten fällt.
Viele Menschen in Aleppo packen ihre Sachen, bevor die Stadt in die Hände von Assads Soldaten fällt.Foto: AFP

Im syrischen Bürgerkrieg steht möglicherweise eine weitere Eskalation bevor. Nach wochenlangen Kämpfen rückt die Einnahme der Wirtschaftsmetropole Aleppo durch die Truppen von Präsident Assad näher. Sollte die neben der Hauptstadt Damaskus wichtigste Stadt Syriens an Assad fallen, könnte das eine neue Fluchtwelle in die nahe Türkei auslösen – und die Rebellen in Syrien weiter radikalisieren.

Das Handelszentrum Aleppo mit seinen rund zwei Millionen Einwohnern ist seit Monaten umkämpft, viele Gebäude liegen in Trümmern. Eine Einnahme der Stadt, in der auch Armenier, syrisch-orthodoxe Christen und Juden leben, wäre ein wichtiger Erfolg für die Regierung von Präsident Baschar al-Assad nach fast vier Jahren Bürgerkrieg.

Die gemäßigte und vom Westen unterstützte Rebellenarmee FSA kämpft in der Region nicht nur gegen Assads Truppen, sondern auch gegen die Extremisten vom „Islamischen Staat“ (IS). Nach einem Bericht der türkischen Online-Zeitung „Radikal“ zeigt dieser Zweifrontenkrieg jetzt Wirkung. Rund 14.000 FSA-Kämpfer haben demnach die Schlacht um Aleppo aufgegeben. Vom Westen an die FSA gelieferte Waffen sollen extremistischen Milizen in die Hände gefallen sein.

Für die westlichen Strategien ist die Entwicklung eine Katastrophe

Für die FSA – und die westliche Strategie in Syrien – ist die Entwicklung eine Katastrophe. Eine Einnahme von Aleppo und Umgebung durch die Assad-Regierung wäre eine Schlappe, von der sich die gemäßigten Rebellen möglicherweise nicht mehr erholen könnten. Extremistische Gruppen wie der IS oder die zu Al Kaida gehörende Nusra-Front würden Auftrieb bekommen. Der Fall von Aleppo wäre eine „strategische Niederlage“ für die syrischen Rebellen und die US-geführte internationale Syrien-Allianz, warnte Ibrahim Kalin, ein Berater des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, in der Zeitung „Daily Sabah“.

An diesem Freitag wird US-Vizepräsident Joe Biden zu Gesprächen über die Syrien-Krise in Ankara erwartet. Dabei dürfte er erneut mit türkischen Forderungen nach einer militärischen Intervention gegen die Assad-Truppen in Syrien konfrontiert werden. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu sagte, er rechne bei einer Einnahme Aleppos durch Assads Truppen mit zwei bis drei Millionen neuen Flüchtlingen, die sich auf den Weg zur türkischen Grenze machen könnten – zusätzlich zu den 1,6 Millionen Menschen, die bisher in der Türkei Zuflucht gefunden haben.

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