Terror und Chemnitz : Es ist nicht alles gut gegangen

Die Ergreifung von Jaber Albakr zeigt: Soziale Netzwerke helfen und die Nachrichtendienste haben funktioniert. Nur ein Fehler hätte nicht passieren dürfen. Ein Kommentar.

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Polizisten sichern den Eingang eines Gebäudes in Chemnitz, in dem ein mutmaßlicher Terrorist Sprengstoff lagerte.
Polizisten sichern den Eingang eines Gebäudes in Chemnitz, in dem ein mutmaßlicher Terrorist Sprengstoff lagerte.Foto: dpa

Vielleicht haben sich die deutschen Sicherheitsbehörden das Glück diesmal erarbeitet. Dass Jaber Albakr überhaupt ins Visier der Nachrichtendienste gelangte, ist ein Erfolg. Ob die Dienste ihn selbst ausfindig machten oder ob sie Hilfe von außen bekamen, ist nicht völlig klar. Wirklich entscheidend ist es nicht. In einer vernetzten Welt ist die Zuarbeit von anderen Diensten kein Ausdruck eigener Schwäche, sondern von gelungener Kooperation. Viel stärker noch kommt es dann darauf an, im eigenen Land mit den Informationen richtig umzugehen.

Und das ist zumindest bis zur Haustür des mutmaßlichen Terroristen auch gelungen. Nachrichtendienste und Polizei haben über das „Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum“ gut kommuniziert. Hätte es so etwas auch für rechten Terror früher gegeben (heute gibt es das), hätte der NSU wohl eher entdeckt werden können.

Die Probleme begannen diesmal vor Ort. Albakr, und darüber werden sich die Sicherheitskräfte selbst am meisten ärgern, hätte nie entkommen dürfen. Unklar ist zwar, ob es wirklich Albakr war, der trotz Warnschuss der Polizei entkam, aber eine schnelle Verfolgung wäre auf jeden Fall notwendig gewesen. Dass der Mann gefasst wurde, haben die Sicherheitsbehörden der Öffentlichkeitsfahndung und einer Gruppe Syrer zu verdanken.

Soziale Netzwerke waren eine Hilfe

Auch die sozialen Netzwerke führten zur Ergreifung des Verdächtigen. Sie waren, anders als das beim Amoklauf in München der Fall gewesen sein mag, eine echte Hilfe. Das Gesicht des Gesuchten war präsent, verfügbar und weitverbreitet. Und dass eine Gruppe Syrer einen terrorverdächtigen Landsmann erkennt, überwältigt und der Polizei übergibt, ist gut für das gesellschaftliche Klima. Ja, es war ein Syrer, der als Flüchtling nach Deutschland kam und der hier einen Terrorakt geplant hatte. Aber es waren auch Syrer, die ihn stoppten. Schwarz-Weiß-Denken führt nicht weiter. Weder sind alle Flüchtlinge potenzielle Attentäter noch sind sie alle Helden.

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Terrorverdächtiger Jaber A. soll Verbindungen zum IS haben
Terrorverdächtiger Jaber A. soll Verbindungen zum IS haben

Deutschland bleibt vorerst und glücklicherweise von einem großen islamistischen Terrorakt verschont. Eine Garantie, dass dies so bleibt, gibt es nicht, aber es können Lehren gezogen werden. Zum Beispiel die, auch vor Ort mit maximaler Stärke, maximaler Vorsicht und maximaler Präzision vorzugehen.

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