Politik : Tod eines Hirtenjungen

Thomas Seibert

An der türkischen Schwarzmeerküste werden Kinder als Saisonarbeiter vermietetThomas Seibert

Niemand weiß, was mit Mehmet Colak wirklich geschah. Wie viele seiner Altersgenossen in den armen Dörfern entlang der türkischen Schwarzmeerküste wurde der 13-Jährige im vergangenen Jahr von seiner Familie für den Sommer als billige Arbeitskraft "vermietet": Mehmet sollte Schafe hüten. Doch sechs Wochen später wurde die Leiche des Jungen gefunden.

Zunächst behaupteten seine Arbeitgeber, Mehmet sei in einem Bach ertrunken. Dann fand man eine Wunde am Hinterkopf des Buben. Prompt hieß es, Mehmet sei vom Traktor gefallen. Die wahre Todesursache wird möglicherweise nie ermittelt, denn um einen kleinen Schafhirten wie Mehmet wird nicht viel Aufhebens gemacht: "Vermietet, gestorben", überschrieb eine türkische Zeitung den Bericht über seinen Tod.

Der tragische Fall des Schafhirten Mehmet wirft ein Schlaglicht auf die Praxis der "Kindermärkte" an der Schwarzmeerküste. Jedes Jahr nach dem Ende des Schuljahrs im Frühling bieten arme Familien ihre Söhne im arbeitsfähigen Alter ab etwa elf Jahren an, um sie den Sommer über an Kleinunternehmer und Bauern zu vermieten: aufs Feld statt in die Ferien. Die Arbeitgeber bezahlen je nach Alter zwischen 400 und 500 Mark pro Saison für einen Hirten, Erntehelfer oder Handlanger. Meist wird eine Arbeitszeit von rund vier Monaten ausgehandelt.

Dabei ist "Handeln" durchaus wörtlich zu nehmen: In den Städten Bafra und Alacam trafen sich in den vergangenen Jahren immer wieder Dorfbewohner auf eigenen Märkten mit den Anwerbern. "Das ist schon seit hundert Jahren so", sagt dazu ein Behördenvertreter. "Kinderarbeit ist zwar gesetzlich verboten, aber hier geht es ja nicht um Industriebetriebe." Vielmehr sind es Kleinhändler oder Bauern, die eine Aushilfe brauchen und besonders billige Arbeitskräfte suchen. Im vergangenen Jahr schickte die Polizei Patrouillen, um die Märkte aufzulösen. Wie bei einer Razzia gegen Schwerverbrecher zogen Beamte mit Gewehren und in Kampfanzügen frühmorgens durch die Städte, um die Kindermärkte zu zerschlagen. Doch Anbieter und Mieter trafen sich an anderen Orten und setzten ihre Geschäfte fort; nur in wenigen Fällen konnten die Vermietungen gestoppt werden.

In diesem Jahr haben die Behörden die offenen Kindermärkte wieder offiziell verboten - wie auch schon im vergangenen Jahr. Doch verhindern können Polizei und Gendarmerie die Anwerbung von Kindern nicht, auch wenn sie sich viel Mühe geben. "Die Polizei lässt die Märkte nicht zu", sagt Hasan Bozkurt aus dem Dorf Corakyüzü, aus dem auch der kleine Schafhirte Mehmet stammte. "Deshalb kommen die Großbauern diesmal eben in die Dörfer und holen sich die Kinder dort ab."

Die Kindermärkte sind nur ein Beispiel für die in der Türkei weit verbreitete Kinderarbeit. Die offiziellen Zahlen der Regierung in Ankara zeichnen ein düsteres Bild: Demnach ist einer von sechs Arbeitnehmern im Land minderjährig. Vier Millionen Kinder in der Türkei müssen arbeiten, acht Millionen leben unterhalb der Armutsgrenze.

Dabei zählen einige Regionen an der Schwarzmeerküste zu den besonders benachteiligten Gegenden des Landes. Bei den armen Kleinbauern dort gibt es gleich mehrere Arten von Kinderarbeit. Einige Jungen werden auf dem Kindermarkt vermietet, andere müssen zusammen mit ihren Schwestern zu Hause auf dem Hof arbeiten, weil ihre Väter und älteren Brüder als Saisonarbeiter das Dorf verlassen - nach Schätzungen schuften 90 Prozent von ihnen als ungelernte Helfer in der Bauindustrie der 700 Kilometer entfernten Metropole Istanbul.

Viel Geld verdienen die meisten Familien in den Dörfern am Schwarzen Meer dennoch nicht. "Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine solche Armut gesehen wie dort", sagt Sule Calar von der Vertretung der UN-Arbeitsorganisation ILO in Ankara, die ein Programm zur Eindämmung der Kindervermarktung organisiert hat. "Dazu kommt, dass die Kindervermietung dort eben Tradition hat - es ist ganz schwierig, dieses Problem zu bekämpfen." Den Eltern in den Dörfern die Schuld an den Kindermärkten zu geben, sei ungerecht. Gemeinsam mit den türkischen Behörden versucht die ILO seit Jahren, die Familien aus ihrer Armut herauszuführen und so die Kindermärkte überflüssig zu machen.

Erste Erfolge gibt es bereits. So half die Organisation vor zwei Jahren im Raum Sinop und Samsun rund 80 armen Familien, neue Einkommensquellen aufzutun, unter anderem mit Bienen- und Geflügelzucht. Dadurch erhöhte sich das Familieneinkommen um umgerechnet etwa 4000 Mark im Jahr - und insgesamt 79 Söhne dieser Familien mussten nicht als Handlanger vermietet werden, sondern konnten zu Hause bleiben.

Die örtlichen türkischen Behörden zahlen den ärmsten Familien zudem eine finanzielle Unterstützung, damit ihre Kinder den Sommer über nicht mehr arbeiten müssen. Der Gouverneur der Schwarzmeer-Provinz Sinop hat eigens eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich dem Problem widmen soll. Die ILO seht der Finanzhilfe aber skeptisch gegenüber und hat statt dessen längerfristige Hilfsprogramme angeregt, etwa den Aufbau von Kooperativen der Kleinbauern.

Außerdem reicht das Geld vom Staat ohnehin nicht, beklagen sich die Familien. Der Bürgermeister von Corakyüzü, Hilmi Kordon, fordert höhere Finanzhilfen: "Dann wird das Problem gelöst." Doch viel Geld hat der türkische Staat nun einmal nicht. Deshalb wird die Kindervermietung am Schwarzen Meer wohl so lange weitergehen, wie die Armut in der Region nicht gelindert werden kann. Das glaubt auch der Dorfbewohner Saban Cingöz. Er fragt: "Würden wir das etwa tun, wenn wir genug Geld hätten?"

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