Türkei : Flugzeug war doch über syrischem Gebiet

Peinliche Kehrtwende für Ankara im Streit um den abgeschossenen Militärjet: Das Flugzeug wurde offenbar doch im syrischen Luftraum getroffen, der türkische Hauptvorwurf gegen Damaskus lässt sich damit nicht aufrechterhalten.

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Türkischer Generalstab, Geheimdienst und Regierung sind laut Presseberichten zu dem Schluss gekommen, dass der türkische Aufklärungsjet wohl doch im syrischen Luftraum getroffen worden ist – und nicht über internationalem Gewässer, wie Ankara bisher behauptet hatte. Damit muss die Türkei offenbar eingestehen, dass sich ihr Hauptvorwurf gegen den Nachbarn Syrien im Streit um den Abschuss der Maschine nicht halten lässt.

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Syrien schießt türkischen Jet ab
Ein türkischer Kampfjet vom Typ F-4 Phantom wurde am 22. Juni von Syrien abgeschossen.Weitere Bilder anzeigen
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24.06.2012 15:50Ein türkischer Kampfjet vom Typ F-4 Phantom wurde am 22. Juni von Syrien abgeschossen.

Dies dürfte die Kritik an der türkischen Syrien-Politik wachsen lassen. Gegner werfen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vor, mit markigen Worten von der eigenen Handlungsunfähigkeit ablenken zu wollen. Nach dem Abschuss des unbewaffneten Jets am 22. Juni erklärten zunächst Außenminister Ahmet Davutoglu und anschließend Erdogan selbst, die Phantom F-4 sei etwa 15 Minuten nach einer irrtümlichen und sofort korrigierten Verletzung des syrischen Luftraums etwa 13 Seemeilen vor der syrischen Küste getroffen worden; Hoheitsgewässer und Luftraum Syriens enden bei 12 Seemeilen. Dann trudelte die Phantom laut Ankara ins syrische Hoheitsgebiet, wo sie rund acht Seemeilen vor der Küste ins Meer stürzte. Die beiden Piloten starben.

Syrien wies die türkische Version zurück und erklärte, der Jet habe sich in niedriger Flughöhe und mit hoher Geschwindigkeit der Küste des Landes genähert und sei deshalb beschossen worden. US-Regierungsvertreter sollen sich ähnlich geäußert haben.

Nun wird deutlich, dass Damaskus möglicherweise tatsächlich näher an der Wahrheit lag als Ankara. Eine entscheidende Rolle in der Debatte spielt die Art und Weise, wie die Phantom abgeschossen wurde. Ein Sprecher des türkischen Generalstabs erklärte jetzt in einem Zeitungsinterview, es gebe keinerlei Hinweise auf einen Raketenbeschuss: Das Raketen-Warnsystem des Flugzeugs schlug nicht an. Auch die bisher ausgewerteten Radar-Daten und Unterwasserfotos des Jets auf dem Meeresboden haben keine Spur einer Rakete erkennen lassen. Dies könnte bedeuten, dass die Maschine ins Feuer der syrischen Luftabwehr geriet – deren Geschütze aber keine Ziele in einer Entfernung von 13 Seemeilen angreifen können. Bleibt noch die Möglichkeit, dass der Jet von einem Schiff aus beschossen wurde. Aber bisher ist nichts über die Anwesenheit eines Kriegsschiffes in der Gegend bekannt.

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