Türkei : Von einer Unfreiheit in die nächste

Wenn sich junge Kurdinnen der PKK anschließen, dann tun sie das häufig, um der häuslichen Unterdrückung zu entkommen. Doch auch bei der Arbeiterpartei Kurdistans kann von Gleichberechtigung keine Rede sein.

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Bei einer Massenkundgebung in der südostanatolischen Stadt Diyarbakir trugen Einwohner die Särge der in Paris ermordeten PKK-Aktivistinnen. Foto: dpa
Bei einer Massenkundgebung in der südostanatolischen Stadt Diyarbakir trugen Einwohner die Särge der in Paris ermordeten...Foto: dpa

In der südostanatolischen Stadt Diyarbakir haben am Donnerstag mehrere zehntausend Kurden der drei kurdischen Aktivistinnen gedacht, die vor einer Woche in Paris erschossen aufgefunden worden waren. Nach einem Trauermarsch wurden die Särge der drei Opfer auf kleine Podeste auf dem Batikent-Platz am Rande von Diyarbakir platziert.

Die Morde an den drei kurdischen Aktivistinnen haben den Blick auf die Rolle der Frauen bei den PKK-Kurdenrebellen gelenkt. Sakine Cansiz, eine der Ermordeten, zählte 1978 zu den Mitbegründern der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und war als langjährige Anführerin der Frauen-Einheit bei den Rebellen bekannt. Zeitweise soll rund ein Drittel der etwa 5000 PKK-Kämpfer aus Frauen bestanden haben. Die Kurdenrebellen präsentieren sich selbst als Organisation der Frauenbefreiung – doch der Alltag in den Bergen Südostanatoliens und des Nordirak sieht häufig anders aus. Die Gründe dafür, warum sich junge Kurdinnen den Rebellen anschließen, liegen häufig in den frauenverachtenden Zuständen in kurdischen Dörfern und Städten. Viele kurdische Mädchen werden nach wie vor von ihren Eltern bei der Schulbildung gegenüber den Söhnen benachteiligt, sie werden früh verheiratet und werden Opfer von Zwangsehen. Zudem dürfen sie sich als Teenager keinen Blick auf Jungs oder Männer leisten, weil dies die Vorstellungen von Familienehre verletzen würde.

„Hätte mein Vater doch nur einmal gesagt: ‚Meine Tochter, ich hab‘ dich lieb‘“, sagte eine ehemalige PKK-Kämpferin dem türkischen Autor Necati Alkan. „Aber wir waren wie zwei Fremde. Und diese Leere hat mich in die Berge getrieben“, berichtete die frühere PKK-Frau in Alkans Buch „Symbole, Akteure und Frauen in der PKK“.

Viele Frauen begreifen das Leben in der Rebellengruppe laut Alkan als Möglichkeit, der Rückständigkeit und der Chancenlosigkeit der Kurdengesellschaft zu entfliehen. Dazu kommt die Wut auf die türkischen Sicherheitskräfte, denen insbesondere in den 1990er Jahren die sexuelle Misshandlung von Kurdinnen vorgeworfen wurde. Laut Alkan sind vier von fünf weiblichen PKK-Mitgliedern unter 25 Jahre alt, wenn sie sich der Organisation anschließen.

Nach Aussagen von PKK-Aussteigerinnen und Experten kann von einem freien Leben bei den Rebellen aber keine Rede sein. Die PKK bildet Frauen an der Waffe aus und setzte sie auch häufiger als Selbstmordattentäterinnen ein. Erst vor zwei Monaten meldete die türkische Armee, bei einem Gefecht in der südostanatolischen Provinz Bingöl seien vier weibliche PKK-Mitglieder erschossen worden. Auch die deutsche Linksaktivistin Andrea Wolf, die sich in den 1990er Jahren der PKK anschloss, bezahlte mit ihrem Leben: Sie starb unter bis heute nicht völlig geklärten Umständen bei Kämpfen im Jahr 1998.

Beziehungen zwischen männlichen und weiblichen Kämpfern sind in der PKK streng verboten, nicht nur aus Gründen der militärischen Disziplin, sondern auch mit Blick auf den Ruf der Rebellen bei der mehrheitlich konservativen kurdischen Bevölkerung. Ohne die strikte Geschlechtertrennung würde die PKK bei der Anwerbung neuer Kämpfer in vielen kurdischen Familien auf Widerstand stoßen, schreibt die Journalistin Aliza Marcus in ihrem Buch über die PKK mit dem Titel „Blood and Belief“.

Türkische Medien berichteten mehrfach über die Hinrichtung von PKK-Kämpferinnen, denen eine Liebesbeziehung mit einem Mann vorgeworfen wurde. Das Leben der Männer werden in solchen Fällen angeblich häufiger geschont als das der Frauen.

Ohnehin kann von einer Gleichberechtigung innerhalb der PKK keine Rede sein. Die Führungsebene der Rebellen besteht ausschließlich aus Männern; PKK-Chef Abdullah Öcalan soll sich vor seiner Festnahme durch die Türkei im Jahr 1999 mit einem regelrechten Harem umgeben haben. Öcalan habe sich immer nur die attraktivsten und gebildetsten PKK-Frauen ausgesucht, berichteten Aussteiger in der türkischen Presse.

Berichte dieser Art sind wegen der großen Rolle der Propaganda auf beiden Seiten des Kurdenkonflikts mit Vorsicht zu genießen. Fest steht aber, dass die Türkei es in der Hand hätte, durch eine Verbesserung der Lage der Frauen im Kurdengebiet die Attraktivität der PKK für die Kurdinnen erheblich zu schmälern.

Schon eine Eindämmung der in den langen Jahren des Konflikts alltäglich gewordenen Brutalität würde in vielen Fällen ausreichen. So berichtete eine Ex-Kämpferin namens Rojin in Alkans Buch, vor ihrem Betritt zur PKK sei sie von der Polizei festgenommen worden. Die Beamten misshandelten sie so schwer, „dass meine eigene Mutter mich nicht wiedererkannte“, sagte Rojin. „Aus Rache ging ich zur PKK.“

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