Politik : Türkei zögert mit Annäherung an Israel Regierung fürchtet offenbar Ansehensverlust

durch zu schnelles Eingehen auf den US-Wunsch.

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Geentert. Israelische Soldaten auf dem Gaza-Schiff „Mavi Marmara“. Foto: AFP
Geentert. Israelische Soldaten auf dem Gaza-Schiff „Mavi Marmara“. Foto: AFPFoto: AFP

Istanbul - Die USA werden ungeduldig, aber die Türkei lässt sich Zeit. Auch nach der Aufforderung von US-Außenminister John Kerry, die Türkei solle sich um eine rasche Wiederannäherung an den früheren Partner Israel bemühen, zögert Ankara mit konkreten Schritten. Nur einen Tag nach Kerrys Appell verschob die türkische Regierung die für diese Woche geplanten Gespräche mit Israel über die finanzielle Entschädigung für die Opfer des israelischen Angriffs auf die türkische Gaza-Flottille vor drei Jahren. Hinter dem Zögern stehen innenpolitischer Druck und außenpolitische Bedenken.

Auf amerikanisches Drängen hin hatte sich Israel am 22. März bei der Türkei für den Angriff auf das Gaza-Schiff „Mavi Marmara“ entschuldigt, bei dem im Mai 2010 neun türkische Aktivisten ums Leben kamen. Washington wollte wegen der Krisen im Iran und in Syrien erreichen, dass sich die Beziehungen zwischen den beiden wichtigsten Verbündeten in der Region möglichst rasch normalisieren. Die Türkei nahm die Entschuldigung zwar an – doch seitdem ist nicht mehr viel passiert.

Diese Woche zog es der für die anstehenden Gespräche über die israelischen Entschädigungszahlungen zuständige Vizepremier Bülent Arinc vor, zusammen mit seinem Chef Recep Tayyip Erdogan nach Kirgistan und in die Mongolei zu reisen, statt in Ankara mit einer israelischen Regierungsdelegation zu verhandeln. Zufall war das nicht, meint der Nahost-Experte Mehmet Sahin von der Gazi-Universität in Ankara: Die Türkei vertraue der israelischen Regierung nicht, sagte Sahin dem Tagesspiegel. Wenn die Erdogan-Regierung zu rasch auf den israelischen und amerikanischen Wunsch nach Wiederherstellung der Beziehungen eingehe, riskiere sie Ärger zu Hause und einen Ansehensverlust in der arabischen Welt.

Nur wenige Stunden, bevor Arinc die Verschiebung der Entschädigungsgespräche vom 12. auf den 22. April bekannt gab, hatten sich in Istanbul Freunde und Angehörige der Opfer des israelischen Angriffs auf die „Mavi Marmara“ zu Wort gemeldet. Bei einer Pressekonferenz auf dem Schiff, das im Goldenen Horn vertäut ist, machten sie klar, dass ihnen die Wiederannäherung viel zu schnell geht. Erst wenn Israel seine Blockade des Gaza-Streifens komplett aufgehoben habe, könne man über Geld reden, sagte der Aktivist Musa Coas, der bei dem israelischen Angriff verletzt worden war. Hüseyin Oruc von der islamischen Hilfsorganisation IHH, der Organisatorin der Gaza-Mission der „Mavi Marmara“, betonte, die arabische Welt erwarte von der Türkei, dass sie Israel zu einer Aufhebung der Gaza-Blockade dränge. Das zeigt: Die Erdogan-Regierung, die in den vergangenen Jahren mit ihrer scharfen anti-israelischen Rhetorik weltweit für Aufmerksamkeit sorgte, kann nun nicht ohne Weiteres das Ruder herumreißen, ohne ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen.

Erdogan hatte Israel unter anderem „Staatsterror“ vorgeworfen. Mit dieser Wortwahl wurde er in Teilen der arabischen Welt zu einem der beliebtesten Politiker. Denn Regime wie das in Saudi-Arabien kritisieren Israel mit Rücksicht auf die USA häufig nur sehr verhalten und wecken in der Bevölkerung damit den Verdacht, die Palästinenser im Stich zu lassen. Nun will Erdogan seinen Helden-Status im Nahen Osten nicht durch eine allzu bereitwillige Umarmung Israels wieder zunichte machen.

Ein weiterer Grund für die Vorsicht Ankaras ist die Überzeugung, dass Israel bei einer Gefahr für seine Sicherheit zu drastischen Mitteln greifen wird – in einer solchen Situation, etwa bei einer neuen Militäraktion in Gaza, würde Erdogan als neuer Partner des jüdischen Staat innen- wie außenpolitisch in Erklärungsnöte geraten. Kurz vor drei wichtigen Wahlen in der Türkei in den kommenden zwei Jahren will der Premier ein solches Risiko nicht eingehen. Experte Sahin ist überzeugt, dass die türkisch-israelischen Beziehungen nie mehr so eng werden, wie sie es in den 90er Jahren waren. Sahin kann sich nur punktuelle Kooperationen vorstellen, zum Beispiel im Syrien-Konflikt, wo beide Staaten ein Interesse daran haben, die Machtübernahme radikal-islamistischer Gruppen zu verhindern.

Abseits der politischen Arena könnte es mit der türkisch-israelischen Annäherung allerdings viel schneller gehen. So erwarten türkische Tourismusunternehmer in diesem Jahr bis zu einer Million israelische Urlauber. Thomas Seibert

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