Ukraine-Krise : Russische Nadelstiche

Ein Journalist russischer Staatsmedien wettert munter gegen den Westen und spart dabei nicht mit fragwürdigen Verlgeichen zum Nationalsozialismus.

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Russlands Präsident Putin kann sich auf treue Journalisten stützen.
Russlands Präsident Putin kann sich auf treue Journalisten stützen.Foto: Reuters

Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich völlig ungeniert. Dmitri Kisseljow, Chef der Auslandspropaganda-Holding „Russland heute“ und in Personalunion Moderator von „Westi nedelji“ – dem politischen Wochenrückblick des russischen Staatsfernsehens – hat sich dieses Sprichwort offenbar zu Herzen genommen. Schon früher war er durch politisch wie historisch unkorrekte Parallelen unangenehm aufgefallen. Und auch während der Krim-Krise schlug er schrille Töne an, hat daher inzwischen Einreiseverbot für die USA und den europäischen Schengenraum erhalten. Seither lässt er seinem Hass gegen das dekadente Abendland völlig freien Lauf.

Sonntagabend machte Kisseljow, der schon in der Zypern-Krise 2013 das EU-Rettungspaket mit der Enteignung der Juden und Angela Merkel mit Hitler verglich, sich erneut über Deutschland her. Die Fritzen – so nannte der russische Volksmund die deutschen Okkupanten im Zweiten Weltkrieg – machen sich erneut in der Ukraine breit, verkündete er. Gemeint waren die OSZE-Militärbeobachter, darunter drei deutsche Offiziere und ein deutscher Übersetzer, die Ende letzter Woche von prorussischen Milizen im ostukrainischen Slawjansk festgenommen wurden.

Wenn Deutsche eine Militäroperation auf ukrainischem Boden leiteten, sei das ein starkes Stück und eine „historische Taktlosigkeit, die ihresgleichen sucht“. In der Ukraine habe man die Plünderungen der Wehrmacht noch nicht vergessen und die Kommandos, die dabei erschallten: „Matka, kurka, mleko, jajko“: Frau, Huhn, Milch, Ei. Auch die OSZE-Mission sei ein „Überfall“, mit dem der Westen seinen gesamten Wertekanon und allen Anstand über Bord geworfen habe. Ziel sei ein „Blitzkrieg“ zur schnellen Legitimierung der Übergangsregierung in Kiew oder ein „großer Krieg“ gegen Russland. Beides sei abenteuerlich.

Parallel dazu würden die USA ihre Verbündeten, ja die ganze Welt mit Gewalt zu schärferen Sanktionen gegen Russland drängen. Entsprechende Befehle habe Barack Obama Freitag in einer Telefon-Konferenzschaltung mit ausgewählten europäischen Regierungschefs durchgestellt. Demonstrativ hätten die USA zudem Truppen in ihre „Satellitenstaaten in Europa“ verlegt. Moskau behalte jedoch die Nerven.

Wirklich? Wie die stets gut informierte Tageszeitung „Kommersant“ unter Berufung auf verlässliche Quellen in Außen- und Verteidigungsministerium meldete, will Russland die Ständige Vertretung der Nato in Moskau schließen. So wie im Kosovo-Krieg 1999 aus Protest gegen Bombenangriffe der Allianz auf Serbien. Die Diplomaten mussten Russland damals innerhalb von 24 Stunden verlassen.

Durch die Festnahme der OSZE-Militärbeobachter spitzt sich die Lage dramatisch zu. Zwar sagte Moskau zu, sich für die Freilassung der Gruppe einzusetzen, es hält die gegen sie erhobenen Spionagevorwürfe indes für begründet – obwohl die vier Deutschen diese am Sonntag bei einer Pressekonferenz, zu der allerdings nur russische Medien zugelassen waren, nochmals dementierten. Sie hätten nur öffentlich zugängliche Autokarten benutzt, so der Leiter der Mission, Axel Schneider, in leidlichem Russisch, und keine „Spezialausrüstung für Aufklärung“ mit sich geführt.

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