Ungarn : Ihr Problem mit der Macht

07.02.2012 12:21 Uhrvon
Aranka Szavuly protestiert gegen den Verfall der Pressefreiheit. Seit mittlerweile 58 Tagen harrt sie mit ihrem Journalisten-Kollegen Navarro in ihrem Protestzelt aus. Foto: Nik Afanasjew
Aranka Szavuly protestiert gegen den Verfall der Pressefreiheit. Seit mittlerweile 58 Tagen harrt sie mit ihrem Journalisten-Kollegen Navarro in ihrem Protestzelt aus. - Foto: Nik Afanasjew

Nicht zu viel habe die umstrittene Regierung angepackt, sondern das Falsche, sagen viele Ungarn. Denn die verrottete politische Kultur sei nicht geändert worden. Eine Bestandsaufnahme aus dem Land der Enttäuschten.

Das wahrscheinlich kleinste Protestcamp der Welt besteht aus einem einzigen Zelt. Es versperrt den Haupteingang zur Zentrale des ungarischen Staatsfernsehens in einem Gewerbegebiet in Budapest. Hunderte Mitarbeiter müssen deshalb durch eine Nebentür ins Gebäude gehen, manche schleichen regelrecht, den Blick verschämt abgewandt. Eine Tafel zeigt die Zahl der Tage an, die Aranka Szavuly und Balazs Nagy Navarro hier aus Protest gegen manipulierte Berichterstattung ausharren. Es sind 58.

In diesen 58 Tagen erhielten sie ihre Kündigung, das war in den Weihnachtstagen. Dann brach der Winter herein. Das war vor zwei Wochen. Vor diesen 58 Tagen, am 3. Dezember, hatte der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen Beitrag gesendet, in dem der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofes mit gepixeltem Gesicht zu sehen war, so dass er dargestellt war wie ein Krimineller.

Der Gerichtshofvorsitzende gilt als kritischer Denker. Und die Verpixelung deshalb als dessen Herabwürdigung im Auftrag der Regierung. Szavuly sagt, sie hätten die Aufklärung dieser bizarren Manipulation gefordert und nicht einmal eine Antwort bekommen. Da stellten sie ihr Zelt auf.

Ihren Kampf gegen das ungarische „Prawda-TV“ nennt Szavuly „unser Guantanamo“. Die 32-Jährige lacht bitter auf, als sie diesen Vergleich zieht. Sie schließt die Knöpfe ihrer Daunenjacke, nippt an ihrem Tee, schaut zum bleichgrauen Himmel hinauf. „Es ist ganz schön kalt geworden, oder?“ Der Winter hat sich erst später als die größte Herausforderung herausgestellt. Zunächst tat der Sicherheitsdienst des Senders, was in seiner Macht stand, die anfangs noch fünf Demonstrierer vor der Tür zu vertreiben. Nachts wurden sie von grellen Scheinwerfern geblendet, tagsüber schallte aus Lautsprechern in Dauerschleife eine Popversion von „Jingle Bells“ und „eine Art Begräbnismelodie“.

Drei Protestler gaben schließlich auf, aus gesundheitlichen Gründen oder um den Kampf für eine freie Presse vom Schreibtisch aus weiterzuführen. Solidarität hätten sie zwar von einigen Kollegen erfahren, sagt Szavuly, „aber die meisten sind eingeschüchtert, haben Angst, ihren Job zu verlieren“.

Seit internationale Medien über die streikenden Journalisten berichten, wurden die Schikanen zurückgefahren. Die Parteien verharren im strategischen Patt. Sei scheinen zu warten – so wie ganz Ungarn darauf zu warten scheint, dass sich etwas tut. Die einen warten darauf, dass Premierminister Victor Orban seine mit großem Pomp vorgetragenen Versprechen von einem besseren Leben in dem fast bankrotten Land doch noch einlöst. Die anderen auf das Scheitern seiner Regierung und neue politische Optionen. Optionen jenseits der Sozialdemokraten und Liberalen, deren Regierungszeit von 2002 bis 2010 vor allem durch Korruptionsaffären und Reformstau gekennzeichnet war – was ja erst zu dem großen Erfolg von Orbans Fidesz-Partei geführt hat. Zu jener überwältigenden Mehrheit, aus der heraus jetzt in nahezu gutsherrenartiger Manier regiert wird.

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