US-Präsident in Hiroshima : Barack Obama am Tatort Geschichte

Als erster US-Präsident reist Barack Obama am Freitag nach Hiroshima. Dort warfen die USA 1945 die erste Atombombe auf Zivilisten. Warum ist sein Besuch so bedeutsam? Fragen und Antworten.

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Bis zu 80 000 Menschen starben in Hiroshima in den ersten Stunden nach der Explosion der Atombombe.
Bis zu 80 000 Menschen starben in Hiroshima in den ersten Stunden nach der Explosion der Atombombe.Foto: Reuters

Das erste Mal wird zugleich sein letztes Mal sein: Am Freitag möchte Barack Obama als erster US-Präsident Hiroshima besuchen, den Ort des ersten Atombombenabwurfs in der Geschichte der Menschheit. Diese Geste ist auch der Schlusspunkt seiner letzten Asienreise im Amt. Mit den gewählten Stationen – er besuchte den früheren Kriegsgegner Vietnam, den G-7-Gipfel in Japan sowie Hiroshima – unterstreicht der scheidende US-Präsident sein Verständnis von Amerikas Rolle in Asien und der Rolle Asiens in der Außenpolitik der USA. Die Hinwendung nach Asien und die gleichzeitige Reduzierung des amerikanischen Engagements im Mittleren Osten möchte er seinen Nachfolgern als Erbe hinterlassen.

Was bezweckt Obama mit seinem Besuch in Hiroshima?

Mit der Symbolik eines Besuchs in Hiroshima erneuert Obama gleich mehrere seiner politischen Botschaften. Erstens bekräftigt er sein Fernziel einer atomwaffenfreien Welt. Er hat es seit seinen Studienjahren an der Columbia-Universität in New York verfolgt. Als Präsident ist er ihm zumindest in Einzelschritten nähergekommen, darunter das Abkommen mit Russland über die Verschrottung eines Drittels der strategischen Atomwaffen von 2010 und mehrere internationale Gipfel zur atomaren Sicherheit in jüngeren Jahren.

Zweitens untermauert er das bereits seit Jahrzehnten bestehende Nachkriegsbündnis mit Japan und verleiht so dem Versprechen zusätzliche Glaubwürdigkeit, dass auch andere, jüngere Allianzen aus US-Perspektive auf Dauer angelegt sind. Aus Kriegsgegnern können verlässliche Verbündete werden. Dazu zählt die Partnerschaft mit Vietnam, einem Land, das vor gut vier Jahrzehnten im Krieg mit den USA lag und das Obama zu Beginn dieser Asienreise besuchte. Diese Signale der Rückversicherung gelten auch für Südkorea und die Philippinen, die auf die USA als Schutzmacht gegen chinesische Dominanz in Asien und Pekings Territorialansprüche im Südchinesischen und Ostchinesischen Meer setzen.

Drittens bekräftigt der Präsident das „Rebalancing“ der amerikanischen Außenpolitik in seinen zwei Amtszeiten: Damit ist die Reduzierung des von George W. Bush geerbten überzogenen Engagements im Mittleren Osten und die verstärkte Aufmerksamkeit für Asien gemeint. Zu Beginn der ersten Amtszeit wurde diese Neuorientierung auch „Pivot to Asia“ genannt. Die Obama-Regierung ließ den Begriff aber rasch wieder fallen, da er Befürchtungen in Europa auslöste, Obama strebe diese Zuwendung zulasten der traditionellen atlantischen Alliierten an. Diese Sorgen wurden zwischen 2009 und 2011 laut, obwohl Obama in jenen Jahren regelmäßiger Europa als Asien besuchte. Freilich gab auch seine Biografie, die er auf seinen Reisen gerne anführte, solchen Interpretationen Nahrung. Er gilt als der erste pazifische Präsident der USA, da er in Hawaii geboren ist und mehrere seiner Kindheitsjahre in Indonesien verbrachte. Dorthin war seine Mutter ihrem zweiten Ehemann, einem Indonesier, gefolgt, nachdem die erste Ehe mit Baracks kenianischem Vater rasch auseinandergegangen war.

Warum ist Obamas Besuch so bedeutsam?

Jeder Besucher wird in Hiroshima – und ebenso in Nagasaki, wo wenige Tage später eine zweite Atombombe gezündet wurde – unweigerlich mit der Frage der moralischen Dimension des Einsatzes dieser Massenvernichtungswaffe konfrontiert. Da die damalige US-Regierung die Entscheidung traf und Japaner die Opfer waren, stellt sich diese Frage amerikanischen und japanischen Besuchern unmittelbarer als Besuchern aus anderen Ländern. Nach Umfragen meint weiterhin eine Mehrheit der US-Amerikaner, dass der Atombombeneinsatz gerechtfertigt war, weil er zur raschen Kapitulation Japans führte, den Zweiten Weltkrieg beendete und weiteres monatelanges Sterben verhinderte. Die überwältigende Mehrheit der Japaner ist der Ansicht, dass der Gebrauch der Waffe nicht gerechtfertigt war. Mit dem Besuch des höchsten Repräsentanten der Vereinigten Staaten von Amerika rückt diese Frage erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Was ist in Hiroshima geschehen?

Seit Ende 1941 hatten die USA an der Entwicklung der Atombombe gearbeitet – im Glauben, dass auch Nazideutschland dies tue. Als die ersten Atomwaffen im Mai 1945 einsatzbereit waren, hatte Deutschland gerade kapituliert und entging so dem ersten Gebrauch der neuen Waffe. Den Befehl zum Einsatz gegen Japan gab Präsident Harry S. Truman am 25. Juli 1945 in Potsdam im Haus Erlenkamp während der Potsdamer Konferenz. Die Zielauswahl überließ er den Militärs. Parallel stellten die USA ein Ultimatum. Wenn Japan nicht kapituliere, würden die USA ihre „militärische Macht voll anwenden, die japanischen Streitkräfte vollständig vernichten und das japanische Heimatland unausweichlich verwüsten“. Sie warnten Japans Bevölkerung vor verstärkten Luftangriffen und riefen sie auf, die Städte zu verlassen. Einen Hinweis auf die neue Waffen gaben sie dabei nicht.

Am 6. August um 8.16 Uhr Ortszeit wurde die Bombe, der die Militärs den Namen „Little Boy“ gegeben hatten, von einem B-29-Bomber aus 9450 Meter Höhe über der Innenstadt von Hiroshima abgeworfen. Die Druckwelle und die enorme Hitze der Atomexplosion töteten 70.000 bis 80.000 Menschen sofort. Über 90 Prozent der 76.000 Holzhäuser wurden zerstört. An den Folgen der Verstrahlungen und anderen Spätfolgen starben bis 1946 laut Schätzungen weitere 90 000 bis 166 000 Menschen. Zwei Tage später starben in Nagasaki 22.000 Menschen unmittelbar und nach Schätzungen weitere 39.000 in den folgenden vier Monaten. Am 12. August erklärte Kaiser Hirohito die Kapitulation – und am 14. August erneut, da es Missverständnisse in der Kommunikation mit den USA gegeben hatte.

Wie ist das Verhältnis zwischen Japan und den USA heute?

Die einstigen Kriegsgegner sind heute durch ein Militärbündnis verbunden, mit dem die USA mit rund 36 000 Soldaten die Sicherheit Japans garantieren. Rund 75 Prozent der Soldaten sind auf der Insel Okinawa stationiert, was immer wieder mal für Proteste in der Bevölkerung sorgt, vor allem nach kriminellen Übergriffen durch US-Soldaten. Beide Länder betonen stets auch ihre Verbundenheit durch „demokratische Werte“ und grenzen sich damit gegenüber der aufstrebenden Regionalmacht China ab.

Wie reagiert die Volksrepublik China auf den Besuch?

China sieht Obamas Besuch in Hiroshima kritisch, da es Japan im Zweiten Weltkrieg vor allem als Täter sieht und nicht als Opfer. „Japans rechtsgerichtete Kräfte haben immer wieder versucht, die brutale, herzlose und rücksichtslose Rolle des Landes als Invasor im Zweiten Weltkrieg zu beschönigen“, schreibt die chinesische Zeitung „Global Times“, „gleichzeitig waren sie nie bereit, tiefgreifend darüber zu reflektieren, warum Japan die beiden einzigen Atombombenabwürfe auf zivile Ziele in der Menschheitsgeschichte erlitten hat.“ Die von der kommunistischen Partei kontrollierte Zeitung schreibt weiter: „Als Aggressor im Zweiten Weltkrieg hat Japan keine Entschuldigung verdient.“ Sie findet den Besuch des Präsidenten daher „unpassend“.

China verlangt seinerseits eine Entschuldigung der japanischen Regierung für erlittene Kriegsverbrechen, allen voran für das Massaker in Nanking im Dezember 1937, bei dem mindestens 200 000 Zivilisten und Kriegsgefangene ermordet worden sind. „Wenn Obama Hiroshima besucht, wird Shinzo Abe dann Nanking besuchen?“, fragt die chinesische Zeitung „Global Times“ .

China fühlt sich auch durch die aktuelle US-Orientierung nach Asien eingeschränkt. Die Aufhebung des US-Waffenembargos gegenüber Vietnam wird von der „Global Times“ als „Ausbau der US-Eindämmungspolitik gegenüber China“ gewertet. Obamas habe zwar gesagt, dies ziele nicht auf China, doch das sei eine „armselige Lüge“. Auch eine weitere Annäherung Japans und der USA sieht China kritisch. Es fürchtet eine Stärkung der militärischen Position Japans. Der chinesische Außenamtssprecher Lu Kang sagte laut der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua: „Wir hoffen, dass Japan mit der Einladung an die Regierungschefs anderer Länder nach Hiroshima der Welt zeigen will, dass es nie wieder den Weg des Militarismus beschreiten will.“

Welche Schwierigkeiten gibt es für Obama?

Barack Obama möchte mit seinem Besuch Mitgefühl für die Opfer zeigen und die schrecklichen Folgen eines Atomwaffeneinsatzes ins allgemeine Bewusstsein rücken. Er möchte die Entscheidung seines Amtsvorgängers Harry S. Truman zum Atomwaffeneinsatz aber weder als Fehler bezeichnen noch um Entschuldigung bitten, erläuterte sein Berater Ben Rhodes am 10. Mai in Washington, als Obamas Besuch in Hiroshima angekündigt wurde. Japan hat Obama zu dem Besuch in Hiroshima eingeladen, aber betont, dass es keine Entschuldigung von ihm erwarte.

Einen Vorgeschmack, wie diese Aufgabe rhetorisch zu lösen ist, gab John Kerry, der die Gedenkstätte Hiroshima am 11. April besuchte. Über die Bilder von den Opfern und den Zerstörungen sagte er, dies sei eine „herzzerreißende“ Erfahrung, die „wohl niemand vergessen kann“. Jeder Mensch solle die Bilder und das Friedens-Mahnmal sehen. „Und ich meine wirklich: jeder“, betonte er auf Nachfrage, ob das auch für Barack Obama gelte. „Ich weiß nur nicht, ob ihm das noch als Präsident gelingt“, schränkte Kerry damals ein. Die Bilder „rühren jede Faser der Sensibilität“. Sie „erinnern uns daran, vor welch außergewöhnlich komplexe Entscheidungen ein Krieg Menschen stellt und was ein Krieg Menschen, Kommunen, Ländern und der Welt antut“.

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