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Verdacht auf IS-Bombe bei Airbus-Unglück : Lufthansa streicht Flüge zur Sinai-Halbinsel

Großbritannien und die USA nehmen an, dass eine Bombe der Terrormiliz IS für den Absturz des russischen Flugzeugs in Ägypten verantwortlich ist. Moskau spricht von "Spekulationen". Cameron will mit Putin sprechen.

Teile des Wracks des abgestürzten russischen Airbus A320 auf Sinai.
Teile des Wracks des abgestürzten russischen Airbus A320 auf Sinai.Foto: AFP

Die Extremistengruppe "Islamischer Staat" (IS) ist nach Einschätzung Großbritanniens vermutlich für den Absturz des russischen Passagierflugzeugs auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel verantwortlich.

Es bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der IS den Airbus A321 zum Absturz gebracht habe, sagte Außenminister Philip Hammond am Donnerstag vor einem Treffen des ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al Sissi mit dem britischen Premierminister David Cameron. Aus Sicherheitsgründen strich die Regierung in London alle Flüge von Großbritannien nach Scharm el Scheich. Auch Irland und die Niederlande fliegen Scharm el Scheich zunächst nicht mehr an.

Dieser Vorsichtsmaßnahme schloss sich am Donnerstagnachmittag auch die Lufthansa an. Die Airline-Gruppe streiche bis auf weiteres alle Flüge nach Scharm el Scheich. Das betreffe eine wöchentliche Verbindung der Eurowings ab Köln/Bonn und eine Strecke der Edelweiss Air ab Zürich, sagte ein Sprecher von Lufthansa. In Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt würden Sonderflüge koordiniert, um Urlauber auszufliegen.

Großbritanniens Premierminister David Cameron kündigte an, mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über die Lage nach dem Flugzeugabsturz über dem Sinai am Telefon zu sprechen. "Ich werde natürlich all das mit Präsident Putin besprechen und ihm erklären, warum wir so handeln, wie wir handeln", sagte Cameron am Donnerstag in London nach einem Treffen mit seinem Sicherheitskabinett.

Die Einschätzung, dass der IS hinter dem Absturz stehe, stütze sich auf Erkenntnisse der Geheimdienste, sagte Außenminister Hammond. Er bestätigte damit Informationen aus Sicherheitskreisen. Bereits am Mittwoch hatte Hammond eine Bombe als Absturzursache genannt. Europäische und amerikanische Sicherheitsexperten sagten der Nachrichtenagentur Reuters, die Spuren deuteten darauf hin, dass der IS eine Bombe an Bord geschmuggelt habe.

Terrormiliz hatte sich zu Anschlag bekannt

Ähnlich äußerten sich US-Vertreter, die von den Nachrichtensendern CNN und NBC zitiert wurden. Die Maschine sei vermutlich "von einem Sprengsatz im Gepäck oder anderswo im Flugzeug" zum Absturz gebracht worden, sagte ein Geheimdienstvertreter CNN. Die Einschätzung stützt sich demnach auf Geheimdienstinformationen, die vor und nach dem Absturz gesammelt wurden. Es habe zwar keine Hinweise auf eine spezifische Bedrohung gegeben, sagte der Geheimdienstvertreter. Vor dem Absturz habe es auf dem Sinai aber "zusätzliche Aktivitäten" gegeben, "die unsere Aufmerksamkeit erregten". Die Extremistengruppe selbst hatte sich zu einem Anschlag bekannt und kündigte an, später Details zu nennen.

Beim Absturz des Jets kurz nach dem Start vom Urlaubsort Scharm el Scheich am Roten Meer waren alle 224 Menschen an Bord getötet worden. Die Ermittler vor Ort gehen von einer Explosion als Absturzursache aus. Eine der Ermittlungen nahestehende Person sagte, die Absturzstelle werde auf Spuren untersucht, die auf eine Bombe schließen ließen. Die Daten eines Flugschreibers sind bereits ausgewertet worden. Die zweite Black Box sei jedoch beschädigt, erklärte das Luftfahrtministerium.

Auch Deutschland prüft jetzt Maßnahmen zum Schutz deutscher Reisender, wie die Nachrichtenagentur AFP am Donnerstag aus Kreisen des Auswärtigen Amts erfuhr. Auf ihrer Website gab die Behörde im Zusammenhang mit dem Absturz eine aktualisierte Teilreisewarnung für das Land heraus. Da der abgestürzte Airbus A-321 mit 224 Menschen an Bord in Deutschland gefertigt wurde, seien auch Experten der deutschen Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung vor Ort an der Aufklärung des Unglücks beteiligt, hieß es aus dem Auswärtigen Amt. Zudem beteiligten sich auch Ermittler aus Frankreich, den USA, Irland und Russland an den Untersuchungen in Ägypten.

Russland spricht von "Spekulationen"

Die russische Regierung wies die Mutmaßungen über einen möglichen Bombenanschlag als "Spekulation" zurückgewiesen. Nur eine "Untersuchung" könne die Gründe für das Unglück ans Licht bringen, doch gebe es bislang dazu keine offiziellen "Aussagen" der Ermittler, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Donnerstag. "Jede andere vorgeschlagene Erklärung mutet wie eine unbestätigte Information oder irgendeine Art von Spekulation an", fügte Peskow hinzu.

Ähnlich äußerte sich der ägyptische Minister für die zivile Luftfahrt, Hossam Kamal. Die Ermittler verfügten "noch nicht über Beweise oder Daten, die die Theorie bestätigen", dass es sich um einen Bombenanschlag handele, erklärte Kamal am Donnerstag in Kairo. Ägypten halte die internationalen Sicherheitsstandards an allen Flughäfen ein. Demnach wird der Flugverkehr nach Scharm el Scheich aufrechterhalten. Am Donnerstag würden allein 23 Ankünfte aus Russland erwartet. Der Airbus A321 der russischen Gesellschaft Metrojet war in dem Badeort gestartet.

Suche auf dem Sinai vorerst unterbrochen

Russland will die Suche nach weiteren sterblichen Überresten der 224 Opfer am Unglücksort am Donnerstagabend einstellen. "Wir haben bisher 33 von 40 Quadratkilometern geprüft", sagte Zivilschutzchef Wladimir Putschkow am Donnerstagmorgen. Zur besseren Übersicht über das Trümmerfeld würden auch Drohnen sowie Weltraum-Satelliten eingesetzt. Mehrere Bergungsteams mit insgesamt 82 Helfern aus Russland seien auf der Sinai-Halbinsel im Dienst. Die Untersuchungen am Wrack, die Aufschluss über die Ursache der Katastrophe geben sollen, würden auf unbestimmte Zeit fortgesetzt, sagte Putschkow.

Ein namentlich nicht genannter Experte sagte der russischen Zeitung "Kommersant", er halte die von Ägypten geäußerte Theorie eines explodierten Triebwerks für unwahrscheinlich. "Die Detonation wäre vermutlich nicht so stark, um die Maschine zum Absturz zu bringen", sagte er dem Blatt. Russland bestätigte Angaben aus Ägypten, wonach der Stimmenrekorder des Airbus A321 beschädigt sei. Hingegen seien die Informationen vom Flugschreiber an Ermittler weitergegeben worden, teilte eine Untersuchungskommission der Agentur Interfax zufolge in Moskau mit.

Am Mittwoch schrieb focus.de, eine Explosion im Triebwerk soll den Absturz verursacht haben. Das sei das erste Ergebnis der ägyptischen Untersuchungskommission. Die Experten hätten die Blackbox der Unglücksmaschine decodiert. Die Ursache der Explosion müsse noch geklärt werden, sagte ein Sprecher zur ägyptischen Zeitung "al-Masri al-Jaum".

Mindestens vier Tote bei Selbstmordanschlag auf dem Sinai

Der Airbus A321 der sibirischen Firma Kolavia war kurz nach dem Start in Scharm el Scheich am Samstag über dem Sinai abgestürzt. Bisher hatten die Teams auf einem Gebiet von 30 Quadratkilometern gesucht. Die Arbeiten an dem Wrack sind auch wegen Extremisten auf der Halbinsel extrem riskant. Bei einem Selbstmordanschlag auf dem Sinai kamen am Mittwoch mindestens vier Menschen ums Leben. Die Autobombe galt einem Club für Polizeibeamte westlich der Stadt Al-Arisch im Norden der Unruheregion. Der IS bekannte sich in einer nicht verifizierbaren Twitter-Stellungnahme zu dem Attentat.

Weite Teile des Nordsinai sind militärisches Sperrgebiet. Es gibt immer wieder Anschläge auf Sicherheitskräfte und Kämpfe mit Toten auf beiden Seiten. Der IS hatte auch unmittelbar nach dem Absturz des russischen Ferienfliegers behauptet, dafür verantwortlich zu sein. Experten bei der Terrorbekämpfung zweifeln aber, ob das stimmt.

Die Behörden in Russland und Ägypten hatten einen möglichen Anschlag als unwahrscheinlich bezeichnet - allerdings nicht völlig ausgeschlossen. Die Extremisten bekräftigten am Mittwoch in einer Audionotiz im Namen des IS-Ablegers auf dem Sinai ihre Behauptung, den Absturz hervorgerufen zu haben. (rtr,dpa, AFP, rok, isa)

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