Update

Vor der Entscheidung : Syrische Opposition erobert wichtige Grenzübergänge

In Syrien tobt der Kampf. Wendet sich nun das Blatt für die Aufständischen? Vieles spricht dafür. Vor allem das plötzliche Verschwinden des Machthabers al-Assad wirft Fragen auf.

von
Dunkle Rauchwolken über Teilen der syrischen Hauptstadt. In Damaskus tobt der Bürgerkrieg zwischen regimetreuen Truppen und Rebellen. Foto: dapd
Dunkle Rauchwolken über Teilen der syrischen Hauptstadt. In Damaskus tobt der Bürgerkrieg zwischen regimetreuen Truppen und...Foto: dapd

Die Gegner von Syriens Staatschef Baschar al-Assad haben nach irakischen Angaben die Kontrolle über die zwischen beiden Ländern verlaufende Grenze übernommen. „Die Gesamtheit der Grenzposten zwischen dem Irak und Syrien wird fortan von der Freien Syrischen Armee kontrolliert“, sagte der irakische Vize-Innenminister Adnan al-Assadi der Nachrichtenagentur AFP in Bagdad mit Blick auf die Kämpfer der syrischen Opposition. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete ihrerseits, die Rebellen hätten auch die Kontrolle über einen Übergang zur Türkei übernommen. Die Rebellen hatten in den vergangenen zehn Tagen mehrfach versucht, den Posten Bab al-Hawa an der Grenze zur Türkei einzunehmen, denn er gilt als wichtiger Handelsübergang. Die Türkei unterstützt die Gegner von Präsident Baschar al-Assad, die die Regierungstruppen inzwischen auch in der Hauptstadt Damaskus in schwere Gefechte verwickelt haben.

Den ganzen Tag herrschte Rätselraten um Präsident Bashar al-Assad. Ein westlicher Diplomat wollte erfahren haben, dass sich der syrische Diktator nach Latakia abgesetzt hat, um von dort aus den Kampf gegen die Aufständischen zu dirigieren. Rebellen berichteten, die Präsidentenmaschine sei am Donnerstag früh von Damaskus aus in die Hafenstadt am Mittelmeer geflogen, in deren Umkreis sich die meisten alawitischen Dörfer befinden, aus denen die Assad-Sippe stammt. Erst am Abend gab es dann einen ersten Hinweis aus dem Präsidentenpalast. Assad befinde sich in Damaskus und lenke die Geschicke des Landes, hieß es aus seiner Umgebung. Wie zum Beweis zeigte das syrische Staatsfernsehen kurz darauf Bilder des Diktators in grauem Jackett und blauer Krawatte, wie er den frisch ernannten Verteidigungsminister Fahd al-Freij vereidigte. Die Aufnahmen stammten wahrscheinlich vom Mittwoch, wenige Stunden nachdem eine Bombe seinen Schwager Assef Shawqat sowie Verteidigungsminister Daoud Rajha in den Tod gerissen hatte.

Und so blühen die Spekulationen weiter, das Misstrauen in Kreisen des Regimes grassiert, während die im Syrischen Nationalrat zusammengeschlossene Opposition am Donnerstag den Anfang vom Ende des Assad-Regimes ausrief. Denn ein solches Attentat, was das Regime im Mark getroffen hat, ist nur möglich, wenn es Mitverschwörer bis in die höchsten Ränge der Sicherheitskräfte gibt. Über 20 Generäle haben sich inzwischen in die Türkei abgesetzt, mit ihnen nahezu 200 höhere Offiziere. Die desertierten Mannschaften gehen in die tausende – und das bei einer Gesamtstärke der Armee von etwa 300.000 Soldaten. Zu Einberufungsterminen jedoch erscheint nur noch ein Bruchteil der Wehrpflichtigen, viele Einheiten der „Freien Syrischen Armee“ rekrutieren sich inzwischen ausschließlich aus Fahnenflüchtigen.

Video: Hat Assad Damaskus schon verlassen?

Auffällig war auch die präzise Reaktion des staatlichen syrischen Fernsehens. Es gab keinen Versuch, die schlechten Nachrichten geheim zu halten, den Anschlag zu vertuschen oder die Namen der Getöteten zu verschweigen. Die Informationen am Mittwochmittag waren rasch und korrekt – wenn auch eingenebelt in die übliche Verschwörungs- und „Terroristen“-Rhetorik. Auch das könnte dafür sprechen, dass Teile der Führungsspitze das Volk auf einen Putsch aus den eigenen Reihen vorbereiten wollen.

In Damaskus gingen die Regimetruppen unterdessen am Donnerstag in die Offensive, Kampfhubschrauber operierten über zahlreichen Wohnvierteln. Soldaten und Shabiha-Milizen durchkämmten die Straßen und lieferten sich Feuergefechte mit den Rebellen. Andere Stadtviertel wurden von der Armee komplett abgeriegelt sowie Scharfschützen auf den Dächern postiert. Man wolle die syrische Hauptstadt vor Beginn des Ramadan von allen „terroristischen Elementen“ säubern, erklärte die Armeeführung. „Alle Verräter, Agenten und Söldner machen sich was vor, wenn sie glauben, Syrien werde nach diesem Schlag in die Knie gehen”, trompetete die Zeitung „Al-Baath“.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

16 Kommentare

Neuester Kommentar