Wahlkampagne der FDP : Alles auf Lindner

Die FDP setzt bei ihrer Wahlkampagne voll auf ihren Spitzenkandidaten Christian Lindner. "Denken wir neu", heißt der Kernsatz.

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Lässig, ernsthaft, ganz allein. Christian Lindner steht im Mittelpunkt.
Lässig, ernsthaft, ganz allein. Christian Lindner steht im Mittelpunkt.Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Mehr als 80 Bildschirme hängen neben- und übereinander, alle miteinander vernetzt. Mit beeindruckenden 180 Millionen Pixel und einem 38-Kanal-Sound-System kann man hier unten im Keller des Brandenburger-Tor-Museums am Pariser Platz den Zuschauern im Handumdrehen eine Illusion vom Mondspaziergang oder einem Tauchausflug in die Tiefen der Ozeane vermitteln.

Gerade der richtige Ort, möchte man meinen, um die Missionen des Christian Lindner und seiner FDP wirkungsvoll in Szene zu setzen. Denn nur noch elf Wochen sind es bis zur Bundestagswahl, bei der sich die Liberalen aus dem Nichts wieder in den Bundestag zurückkämpfen wollen – und genauso futuristisch wie der Ort selbst, an dem die FDP an diesem Montag ihre Wahlkampagne vorstellt, klingen auch ihre Worte.

„Geschichte hat kein Ende“, sagt der Bundesgeschäftsführer Marco Buschmann, seine FDP melde sich mit dem Anspruch zurück, „Treibstoff für die Zukunft“ zu liefern. Kleiner, bescheidener ging es wohl nicht. Aber laut klappern muss man vielleicht gerade, wenn man – wie die FDP – 2013 mit einem Tritt aus dem Parlament gejagt wurde und nun, nach vier Jahren außerparlamentarischer Opposition, wieder hineinwill.

„Denken wir neu“ – so lautet der Kernsatz, mit dem die Liberalen demnächst die Wähler auf Großplakaten, im Netz und bei Wählerbesuchen auf ihre Seite ziehen wollen. „Neu“ soll dabei wohl nicht nur das Versprechen einer neuen FDP beinhalten. Einer FDP, die nicht nur Steuersenkungen auf ihrer Agenda hat und abschätzige Worte für Arbeitslose und wo man ansonsten vor allem auf den eigenen persönlichen Posten-Vorteil bedacht ist.

Mit „neu“ meinen Christian Lindner und seine Parteifreunde auch eine inhaltliche Abgrenzung von den Rezepten der anderen politischen Wettbewerber. Kein „Weiter-so“ bei Rente und Bildung und Digitalisierung und mehr Bewegungsspielraum für jeden Einzelnen. Wen man im Blick hat, ist klar: „Die Menschen in der Mitte“, sagt Lindner, die „Mittelschicht“, „ungeduldig“ und mit Willen zum Aufstieg. „Nicht die Ränder“ der Gesellschaft.

Zu sehr Selbstdarsteller?

Als „neu“ unterstreichen die Liberalen aber auch ihre Art der Wähleransprache. Schaut man auf die Plakate, dann gibt es da nicht nur das Bild des Spitzenkandidaten Lindner und eine knappe politische Botschaft. So weit kennt man das ja von allen Parteien. Auf den FDP-Postern werden den Lesern zusätzlich noch detaillierte inhaltliche Erläuterungen geliefert. „Wir wollen mit den Menschen über Inhalte sprechen“, sagt Generalsekretärin Nicola Beer. Fünf Millionen Euro gibt die Bundes-FDP für die Kampagne aus, und mehr als 6000 der großen Formate sollen landesweit geklebt werden – zusätzlich zu den Plakaten der Kandidaten in den Wahlkreisen.

Was den Betrachtern zunächst ins Auge springen wird, ist aber vor allem eines: das Bildnis des Christian Lindner, mal lässig im Anzug, mal mit halb geöffnetem weißen Hemd. Immer schwarz-weiß vor weißem Hintergrund ließ sich Lindner von Star-Fotograf Olaf Heine (Sting, Rammstein, Die Ärzte) so ablichten, als präsentiere er auf dem Cover eines Hochglanzmagazins den Way of Live einer neuen Generation – ernsthaft, aber irgendwie nicht verwurzelt in der Realität der Gesellschaft. Und vor allem: ganz allein, kein Teil eines Teams.

Der Vorwurf, ein Selbstdarsteller zu sein, ohne Anspruch auf Gemeinsamkeit, verfolgt Lindner schon, seit er die Partei 2013 übernahm. Er hatte versprochen, die FDP personell und inhaltlich neu aufzustellen und 2017 wieder in den Bundestag zu führen. Seither wurde dieser Weg aber öffentlich beinahe ausschließlich über ihn selbst wahrgenommen, was ihm manche Parteifreunde übel nehmen, andere wiederum als absolut notwendiges Vorgehen bei der Neupositionierung einer kleinen Partei verteidigen.

Mit der nun vorgestellten Kampagne wird sich Lindner wohl erneut in diesen Zwiespalt begeben. Zumal ausgerechnet jetzt der ehemalige nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete Gerhard Papke in einem Buch scharfe Kritik an Lindners Verhalten und Charakter äußert.

Seine Erfolge

Womöglich muss das Lindner in den nächsten Wochen ja auch nicht bekümmern. Er hat seiner Partei mit der eigenen Präsenz in den vergangenen Jahren zu Erfolgen in Landesparlamenten verholfen, zuletzt in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein sogar zu Regierungsbeteiligungen. Und glaubt man den Umfragen, dann darf die FDP am 24. September mit Ergebnissen zwischen sieben und neun Prozent rechnen. Vereinzelt wird sogar von einer rechnerisch möglichen Neuauflage von Schwarz-Gelb gesprochen.

Die FDP binnen vier Jahren wieder im Parlament verankert und vielleicht auch zur Regierungspartei geführt zu haben – diesen Erfolg dürfte ihm keiner so schnell streitig machen. Spätestens dann aber wird Lindner ein personelles Umfeld benötigen, das ihm vertraut und mit dem er den Beweis antreten kann, dass die „neuen“ Liberalen eben doch mehr sind als die Summe von Einzelinteressen, als die man ihre Vorgänger erinnert.

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