Wie die Häme unser Land zerfrisst : Hart, aber unfair

Wenn Prominente in Deutschland in Ungnade gefallen sind, wird ihr Abstieg begleitet von einem schmutzigen Gesang. Barmherzigkeit wird nicht gewährt. Die Häme aber zerfrisst unser Land, sie gefährdet den Zusammenhalt. Ein Essay.

Alexander Görlach
Schuh-Protest gegen den Präsidenten. Als Vorbild fungierte der Sturz arabischer Despoten.
Schuh-Protest gegen den Präsidenten. Als Vorbild fungierte der Sturz arabischer Despoten.Foto: dpa

Wir haben ein grundlegendes Problem mit denen da oben. Wir verehren sie, verfolgen in Gazetten jeden ihrer Schritte und suchen ihre Nähe. Dennoch stoßen sie uns ab. Wir neiden ihnen nämlich, dass sie es geschafft haben und wir nicht. So sind die Prominenten unser Vorbild und unser Menetekel.

Das Oben wird als eine Sphäre verstanden, die dem Olymp der Götter gleicht: Für den Normalsterblichen ist dieser Ort nicht zugänglich. Warum diese Überhöhung? Die meisten der Personen da oben sind dort, weil wir sie dorthin gebracht haben: durch Wahlen, Aktionärsversammlungen, Castingshows, den Kauf von Kinotickets und DVDs und durch das Anfeuern dieser oder jener Mannschaft. Wir schaffen mit unserem Verhalten, mit unserer Auswahl, die Grundlage für ihren Erfolg gesellschaftlich und wirtschaftlich. Haben sie dann Erfolg, sind sie also zu Prominenten geworden, sind sie unserem Zugriff entzogen. Wir verlieren die Kontrolle über sie. Und das ärgert uns.

Das Leben dieser Menschen wird aus unserer Mitte, aus der Gesellschaft, hinaus in die Öffentlichkeit gehoben. Die Öffentlichkeit wiederum ist ein virtueller Raum. In ihr werden bestimmte Personen in den Mittelpunkt gestellt und von Menschen bewertet, denen sie nie begegnet sind. In dieser virtuellen Realität gelten andere Regeln als dort, wo Menschen in Bezügen miteinander leben, die noch als persönliche Beziehungen bezeichnet werden können.

Die da oben sind nicht nur die Prominenten, die wir aus Castingshows oder aus den Debattenübertragungen aus dem Bundestag kennen. Aus vielfältigen begrenzten Bezügen brechen Menschen aus und stechen aus dem Umfeld heraus, aus dem sie kommen. Dieser oder jene macht Karriere, diese oder jene heiratet gut, dieser oder jener macht diese oder jene Reise, hat dies oder jenes ausgefallene Hobby. Die Prominenten aus dem Fernsehen haben gewissermaßen kleine Geschwister in den Reihenhaussiedlungen der Republik. Sie gelten nicht in dem Sinne als die da oben wie die Prominenten, aber auch sie sind dem Zugriff entzogen, einem Zugriff, der aus dem Gleichsein besteht. Wer gleich ist, den meint man einordnen zu können. Dessen Lebensweg ist vorherbestimmt – wen er heiratet, welchen Beruf er ausüben wird.

Wer den Sprung wagt, steht unter der Beobachtung seines direkten gesellschaftlichen Umfeldes

Der Ort, an dem das geschieht, ist die Mittelschicht. Die größte Schicht in Deutschland, die ihrerseits vielfältig ist und wiederum aus verschiedenen Schichten besteht. Ein Facharbeiter in Karlsruhe, verheiratet, mit zwei Kindern, Einfamilienhaus, gehört ihr ebenso an wie ein Facharzt in Berlin, in eingetragener Partnerschaft mit seinem langjährigen Partner, Loftwohnung. Der eine verdient 60.000 Euro, der andere 80.000. Der eine hat eine Ausbildung, der andere hat studiert. Beide möchten in ihrem Leben weiterkommen, beide orientieren sich nach oben. Beide versuchen, in den Bezügen, in denen sie stehen, weiterzukommen. Dabei gibt ihnen die gewohnte Umgebung Halt und Sicherheit. Ein Ausbruch aus dieser Umgebung bedeutet einen Aufbruch ins Ungewisse. Wer den Sprung wagt, steht unter Beobachtung, unter der Beobachtung seines direkten gesellschaftlichen Umfeldes. Beide, der Facharbeiter und der Facharzt, sind noch nicht Gegenstand der Betrachtung der Öffentlichkeit; aber indem sie beide versuchen, mehr aus dem zu machen, was sie bislang haben, sind sie eine Herausforderung für diejenigen, die sie zurücklassen, und eine Konkurrenz für diejenigen, die sich ebenfalls aufmachen, um die Mitte mit ihren vorgegebenen Wegen zu verlassen.

Die Prominenten in der Öffentlichkeit und die Aufsteiger in der Gesellschaft zeigen beide gleichermaßen, dass wir in Deutschland in einer Meritokratie leben. Wer sich anstrengt, kann etwas erreichen: wer sich in der Jugendorganisation einer Partei durchbeißt, wer im Fußballtraining immer eine Schippe drauflegt oder wer nicht nur sagt, dass er eine Schauspielschule besucht, sondern hart an sich arbeitet. Niemand wird bestreiten, dass beispielsweise Christian Wulff oder Uli Hoeneß hart gearbeitet haben. Harte Arbeit allein reicht aber leider nicht. Es gibt sicher logische Konsequenzen, aber keinen Automatismus. Nicht jeder, der in der Regionalliga ein guter Spieler ist, hat das Zeug zum Erstligisten. Nicht jeder gute Schülersprecher ist ein guter Mandatsträger in Land- oder Bundestag. Können und Glück formen gemeinsam das Schicksal der Menschen. Die einen schaffen es nach ganz oben, die anderen nicht. Können plus Glück ergibt maximalen Erfolg. Das ist alles andere als fair oder nachvollziehbar.

Diese Umstände, die, kurz gesagt, unser Leben beschreiben, sind der Anfangspunkt des Neides. Was hat der andere, was ich nicht habe? Aus dem Verdienst, das aus Können und Glück resultiert, erwächst die Prominenz, sei es die kleine Form innerhalb konkreter sozialer Bezüge, wie in einer Familie, einem Dorf, einem Verein oder in einer Kleinstadt, oder die große Form in der Öffentlichkeit, die über diese Bezüge hinausgeht.

Uns interessieren Schauspieler, Fußballstars und Musiker

Aus der ungerechten Mischung von Können und Glück entsteht die Notwendigkeit, dem sozialen Zusammenhalt an anderer Stelle Genüge zu tun. In vielen Fällen engagieren sich die, die da oben sind, egal ob lokale Größen oder Prominente, in der einen oder anderen Weise sozial. Eine häufige Begründung für dieses Engagement ist der Wunsch, von dem Glück, das man selbst gehabt hat, etwas zurückzugeben.

Auf dem Weg von den konkreten sozialen Bezügen in die Prominenz verengt sich der Blickwinkel. Unser Interesse als Öffentlichkeit gilt nicht allen, die Meriten erworben haben, sondern beschränkt sich auf die, deren Leben wir in Zusammenhang mit Glamour, Partys, Backstage-Bereichen und Vip-Lounges bringen. Uns interessieren daher kaum die Forscher, Wissenschaftler und Literaten, aber die Schauspieler, Fußballstars und Musiker umso mehr. Politiker und Wirtschaftsmenschen faszinieren uns, nicht, weil sie sexy sind, sondern weil sie sich durch ihre Macht Zugang zu Prominenten verschaffen können. Dadurch werden sie selbst in einer bestimmten Form zu Prominenten. Und natürlich übt die Aura der Macht alleine, wie sie von Politikern und Wirtschaftsbossen ausgeht, eine gewisse Anziehung auf Menschen aus.

Niemand kann etwas für den Zusammenhang von Können und Glück. Es ist in die Grundfesten unseres Zusammenlebens, quasi in die Türschwelle zu dieser Welt eingelassen: Das Leben ist nicht fair. Wenn wir in gedeihlicher Weise zusammenleben wollen, müssen wir das akzeptieren. Zu großem Können gesellt sich nicht immer das nötige Glück. Das nötige Glück kann sein, bei einem bestimmten Casting zu überzeugen oder bei einem wichtigen Probetraining auf dem Rasen zu reüssieren. Unser Problem mit denen da oben beginnt damit: Wir werden, sozial gesehen, nie alle gleich sein. Können und Glück werden in allen freien Gesellschaften Unterschiede hervorbringen. Die, die wir über die Öffentlichkeit als da oben erleben, müssen einen besonderen Dienst leisten. Es sind Personen, mit denen sich die Menschen identifizieren wollen, an denen sie sich orientieren wollen.

Auch der Olymp war eine Konstruktion – eine Ansammlung von Göttern

Deshalb sprechen wir unablässig von den Qualitäten unserer Spitzensportler. Wir verehren Sänger, Musiker und Schauspieler. In der Öffentlichkeit konzentrieren sich die Augen aller auf diese Menschen. Sie sollen Identität geben. Das geschieht nicht nur in Zustimmung, sondern auch in Ablehnung. Natürlich kennt man auch die Angehörigen der Parteien, die man selbst nicht wählt, und diskutiert über sie. Man kennt ebenso die Fußballmannschaft, für die man nicht jubelt, und spricht über sie, oder auch über bestimmte Schauspieler und Musiker, für die man nicht schwärmt.

In der Öffentlichkeit bilden die Personen, die wir auf diese Weise verehren oder ablehnen, zusammen ein Ensemble. Wir denken, dass diese Prominenten stets miteinander im Austausch sind, eine eigene Welt für sich.

Diese Welt ist am ehesten vergleichbar mit den Fresken, die die Philosophen lustwandelnd miteinander zeigen, oder die Heiligen, die im Himmel vereint in der steten Gegenwart Gottes sich immerwährend aneinander freuen. Das ist eine Konstruktion. So wie der Olymp eine Konstruktion war – eine Ansammlung von Göttern mit menschlichen, sehr menschlichen Zügen. Sie betrogen einander und spannten einander die Geliebten aus. Sie waren mürrisch, böse und rachsüchtig. Manchmal liebten sie sehr, manchmal hassten sie umso abgrundtiefer.

Auch die Welt und das Leben der Heroen ist eine Konstruktion, in diesem Falle eine literarische: das Leben von Herakles und Odysseus, das Leben Christi, die Abenteuer von Don Quijote, Robin Hood und Sherlock Holmes. Wir idealisieren Lebensläufe und charakterliche Eigenschaften, um sie mit unserem eigenen Leben abzugleichen und um Ideale zu etablieren, denen wir während unseres Lebens nacheifern möchten.

Helden fassen wir als solche, die bei jeder Party Einlass erhalten

Warum trifft es die Prominenten, die in der Öffentlichkeit stehen, besonders hart? Weil sie eine öffentliche Aufgabe erfüllen. Als Helden füllen sie die Lehrstelle des Vorbilds, die Rolle derer, denen wir nacheifern. Rainer Brüderle, Karl-Theodor zu Guttenberg, Uli Hoeneß, Jörg Kachelmann, Annette Schavan, Andreas Türck, Christian Wulff und Klaus Zumwinkel: Wenn sich einer der Helden der Öffentlichkeit etwas zuschulden kommen lässt, dann beginnt der Fall des Helden. Er tritt den Rückweg in das Glied an, zurück zu den Normalsterblichen, zurück in die Reihenhaussiedlung. Sein Abstieg ist begleitet von einem schmutzigen Begleitgesang. Fallender Gott. Mit Mitleid für ihn ist in Deutschland nicht zu rechnen. Das sagt nichts über den, der abstürzt, aber alles über die, in deren Mitte sich der Absturz ereignet.

Da wir Helden als solche fassen, die bei jeder Party Einlass erhalten und ansonsten auch mit reichlich Vorzügen gesegnet sind, gehen wir davon aus, dass sie für ihr Vorbildsein ausreichend belohnt werden. Aufgrund dieser vermeintlichen und echten Privilegien sagen wir, dass die fallenden Helden, die ehemaligen Bewohner des Olymp, unser hartes Urteil verdient hätten.

Diese Zuschreibung kann nur funktionieren, wenn man sich die Prominenten in einer immerwährenden Party vorstellt, so wie die Philosophen der Antike oder die Heiligen der Christenheit. Als Menschen, enthoben aller innerer Zerrissenheit und Anfechtung, immer umgeben von einer Gloriole. In unserer direkten Umgebung gibt es solche Menschen nicht. Wieso sollten die, die in einer Öffentlichkeit virtuell und medial vermittelt vor uns stehen, anders sein?

Aus der Ahnung wird eine Mahnung

Sie sind nicht anders. Die innere Zerrissenheit, der homo incurvatus in se ipsum (wörtlich: „der auf sich selbst verkrümmte Mensch“), wie Martin Luther das nannte, ist eine Realität, die wir anerkennen müssen, genauso wie die Tatsache, dass das Leben nicht fair ist, und den Umstand, dass sich zu Können leider nicht immer das verdiente Glück gesellt. Der Mensch ist immer zugleich ein Sünder und ein Gerechter – homo simul iustus et peccator, auch das ist von Martin Luther. Der Mensch hat Ideale und weiß, dass er ihnen nicht immer gerecht wird. Im anderen erblicken wir uns selbst: Wollen wir mit den fallenden Helden auch unsere eigenen Untugenden einreißen? Ich fürchte, der Zusammenhang zwischen dem Balken in unserem Auge und dem Splitter im Auge des anderen ist uns nicht immer bewusst, wenn wir agieren.

An unserem Umgang mit den Prominenten zeigt sich, dass wir als Gesellschaft ein Problem haben. Denn die Prominenten haben kleine Geschwister, vielleicht in jeder Familie. Ihre charakterliche Disposition unterscheidet sich zudem nicht von der anderer Menschen. Die Moral, die sie in ihrem Leben verwirklichen sollen, ist unsere Moral, ist die Moral der größten Gruppe in Deutschland, die der Mittelschicht.

Wir beobachten an dem Umgang mit den Prominenten Dinge, die nicht unsere Helden betreffen, sondern unser Zusammenleben: Die Häme bestimmt den öffentlichen Diskurs. Barmherzigkeit wird nicht gewährt. Und so wird aus der Ahnung eine Mahnung: Wenn wir so weitermachen, wird uns als Gesellschaft bald jeder Zusammenhalt abhandenkommen.

- Alexander Görlach ist Herausgeber und Chefredakteur des Debatten-Magazins „The European“. Der Text ist aus seinem neuen Buch „Wir wollen euch scheitern sehen! Wie die Häme unser Land zerfrisst“ (Campus Verlag, Frankfurt a. M., mit einem Vorwort von Christian Wulff).

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