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Wikileaks-Enthüllungen : "Erdogan ist ein machtgieriger Islamist"

Zur Veröffentlichung der geheimen Dokumente hat der türkische Premierminister Erdogan schon erste Stellung bezogen – und bleibt kühl dabei.

von und Atila Altun
Premierminister Erdogan wird Vetternwirtschaft vorgeworfen. Foto: dpa
Premierminister Erdogan wird Vetternwirtschaft vorgeworfen.Foto: dpa

Die Depeschen amerikanischer Botschafter schildern Recep Tayyip Erdogan als machtgierigen Islamisten mit unfähiger, korrupter Regierung. Die jüngsten Dokumente stehen im Widerspruch zu den offiziellen Aussagen der US-amerikanischen Regierung. So wird auch von Korruptionsfällen bis hin zu seinen Freunden und Familienmitglieder berichtet. Weiterhin wird ihm Vetternwirtschaft vorgeworfen und das Positionieren von Islamisten in politischen Ämtern. Einige AKP-Mitglieder seien lediglich aus religiös motivierten Gründen für den EU-Beitritt der Türkei, da sie so den Islam in Europa verbreiten könnten. Auch der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu solle islamistische Tendenzen haben und mit diesen Erdogan beeinflussen.

Der türkische Premier äußerte sich zwischenzeitlich zu den Veröffentlichungen ganz selbstbewusst. Die türkische Tageszeitung Hürriyet zitiert ihn am Montagmorgen: "Lasst uns erst mal schauen, was Wikileaks überhaupt verbirgt und zu berichten hat. Erst danach werden wir erfahren, was davon ernst zu nehmen ist und was nicht. Wikileaks Wahrheitsgehalt ist zweifelhaft. Wir warten erstmal auf die Veröffentlichung aller Unterlagen. Anschließend werden wir die Berichte auswerten und die notwendige Stellung beziehen." 

Auch die Opposition in Ankara reagierte vorsichtig. Sie wollte sich nicht zu dem in den US-Dokumenten enthaltenen Vorwurf äußern, wonach Erdogan acht verschiedene Bankkonten in der Schweiz besitzt.

Türkische Zeitungen berichteten in großer Aufmachung über die Wikileaks-Enthüllungen, setzten aber sehr verschiedene Schwerpunkte. Die Oppositionszeitung "Cumhuriyet" meldete, die USA befürchteten, dass sich die Türkei in Richtung Islamstaat bewege. Das unabhängige Blatt "Taraf" berichtete dagegen, die Amerikaner seien zu dem Schluss gekommen, das Risiko der Einführung eines Schariah-Systems in der Türkei sei sehr gering.

Sabah schildert zwischenzeitlich auf ihrer Homepage das Leben des Steve Assange folgendermaßen: "Das ist der Gründer von Wikileaks: Als Kind hat er 37 Mal den Wohnort gewechselt, wurde von seinem Stiefvater missbraucht und ist mit elf Jahren von zu Hause abgehauen."

Erstaunen riefen einige Einzelheiten aus den Dokumenten hervor. So soll ein türkischer Journalist den US-Diplomaten berichtet haben, die strikt laizistische Armee lasse bei der Suche nach Islamisten in ihren Reihen den Müll von Offizierswohnungen auf leere Schnapsflaschen hin durchwühlen. Gebe es leere Flaschen, gelte ein Offizier als unverdächtig. Fänden sich aber keine leeren Alkohol-Flaschen, stehe der Wohnungsbesitzer unter Islamismus-Verdacht.

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