260 Milliarden Euro Schaden - pro Jahr

Seite 2 von 4
Wirtschaftskriminalität : Wie schädlich sind Kartelle?
von
Auch in der Logistikbranche gibt es immer wieder Fälle von Preisabsprachen.
Auch in der Logistikbranche gibt es immer wieder Fälle von Preisabsprachen.Foto: reuters

Tatsächlich sind die Folgekosten des Kartellunwesens weit höher als gemeinhin angenommen. Schließlich treiben die Kartellanten nach Erfahrung der Behörden die Preise für ihre Produkte im Schnitt um 25 Prozent nach oben und können so schon binnen vier Jahren einen ganzen Jahresumsatz als Extragewinn verbuchen. Zwar sind genaue Angaben naturgemäß unmöglich. Schließlich sind Kartelle „Kinder der Dunkelheit“, wie Säcker sie nennt. Gleichwohl lässt sich der Schaden plausibel abschätzen. So berechnete ein neunköpfiges Ökonomen-Team aus drei europäischen Forschungsinstituten in einer Studie für die EU-Kommission bereits 2007 die volkswirtschaftlichen Verluste, die Kartelle in Europa anrichten, auf mehr als 260 Milliarden Euro, und das pro Jahr. Dabei stützten sich die Autoren auf die aufgedeckten Fälle und unterstellten eine Aufklärungsrate von 15 Prozent, wie sie von den meisten Untersuchungen angegeben wird. Gleichzeitig schätzten sie die verhängten Bußgelder auf rund 30 Prozent der erzielten Zusatzgewinne. Heraus kam so ein Gesamtwert, der 2,3 Prozent der jährlichen europäischen Wirtschaftsleistung oder dem doppelten Jahresbudget der EU-Kommission entspricht.

Die Erkenntnis über die verheerenden Wirkungen der Kartellwirtschaft ist keineswegs neu. Schon Adam Smith, der Begründer der modernen Wirtschaftswissenschaft, erkannte, dass Unternehmer den Wettbewerb am liebsten ausschalten, und „Pläne aushecken, die Preise zu erhöhen“. Walter Eucken, einer der Vordenker der bundesdeutschen Wirtschaftsordnung, hielt die Vermachtung der Wirtschaft durch Syndikate und Kartelle gar für das Grundübel der Vorkriegsökonomie. Daher forderte er, der Staat müsse mit harter Hand den Wettbewerb erzwingen, um die Preise niedrig zu halten. Weil damit – zumindest in der Theorie – auch die Kapitalgewinne begrenzt werden, hielt Eucken dies für das wichtigste Element einer „sozialen“ Marktwirtschaft. Im wirklichen Leben blieb davon allerdings wenig übrig. Zwar verabschiedete der Bundestag schon 1957 das erste Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen, und später folgte über die EG-Verträge auch ein europäisches Kartellrecht. Die Praxis der Kartellbekämpfung blieb jedoch jahrzehntelang zahnlos und bis heute ist umstritten, ob sie tatsächlich wirkt.

Zweifel nährt schon die hohe Zahl der Wiederholungstäter. Dazu werteten amerikanische Ökonomen 283 internationale Kartellfälle aus. Das Ergebnis war verblüffend. Demnach war allein der deutsche Chemiekonzern BASF von 1990 bis 2005 an 26 Kartellen beteiligt. Auch der französische Ölkonzern Total brachte es auf 18 und die deutsche Degussa auf 13 Verfahren. Und das erfasste nur die aufgedeckten Absprachen.

Dabei ist den amtlichen Kartelljägern keineswegs mangelnder Eifer vorzuwerfen. Die EU- Kommission, deren Generaldirektion Wettbewerb für die grenzüberschreitenden Kartelle zuständig ist, brachte es seit Anfang 2010 auf 15 große Fälle, bei denen sie gegen 112 Unternehmen Strafzahlungen von zusammen fast vier Milliarden Euro verhängte. Das war in drei Jahren vier Mal mehr als in den gesamten 90er Jahren (siehe Grafik). Auch die Erfolgsbilanz des Bundeskartellamtes erscheint beeindruckend. Von 2010 bis zum September dieses Jahres deckten die Bonner Ermittler 41 innerdeutsche Kartelle auf und vergatterten die beteiligten 105 Unternehmen zu rund 670 Millionen Euro Bußgeld.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben