1. FC Union Berlin : Reibt euch!

Trainer Sascha Lewandowski hat beim 1. FC Union einen neuen Spieler zum Anführer gemacht, weil die alten nicht dafür geeignet sind. Auch das erklärt die Probleme. Ein Kommentar.

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Benjamin Kessel (rotes Trikot) ist noch nicht lange beim Ostberliner Klub und schon Kapitän.
Benjamin Kessel (rotes Trikot) ist noch nicht lange beim Ostberliner Klub und schon Kapitän.Foto: dpa

Vier Monate ist Benjamin Kessel jetzt in Berlin, da muss er den 1. FC Union schon als Kapitän anführen. Es gibt Fußballmannschaften, in denen würde solch eine Nominierung Probleme verursachen. Ein Neuer wird vom Trainer zum Anführer gemacht, per Bestimmung, just da er sich gerade erst den Respekt der Mitspieler verdient hat. Die Alteingesessenen wären pikiert, würden sich übergangen fühlen und dem künstlich inthronisierten Neuling die Gefolgschaft verweigern.

Nicht so beim 1. FC Union. Obwohl es auch dort Alteingesessene gibt, Spieler also, die schon vier, fünf oder sechs Jahre im Verein sind. Nur sind die von ihrem Naturell her keine, die sich gern auflehnen. Das mag für Trainer angenehm sein, eine Mannschaft kann das auf Dauer aber auch lähmen, weil es sich die Spieler in ihrer von Harmonie gefluteten Wohlfühlzone bequem machen. Interne Reibung – in Maßen praktiziert – ist oft der Ursprung allen Erfolgs. Beim 1. FC Union haben die Verantwortlichen in den vergangenen Jahren so eindimensional darauf geachtet, charakterlich pflegeleichte Spieler zu verpflichten, dass der Kader nun aus zwanzig und mehr Männern besteht, die in etwa ähnlich funktionieren. Reibung entsteht da kaum.

Nach Abgang von Mattuschka entstand Führungsvakuum

Es sagt einiges über eine Mannschaft aus, wenn ein Neuzugang zum Kapitän bestimmt und als Stellvertreter ein 22-Jähriger ernannt wird. Das passiert nur, wenn keine gewachsenen Strukturen und Hierarchien vorhanden sind. Nach dem überstürzten Abgang von Torsten Mattuschka entstand ein Führungsvakuum, das bis heute nicht gefüllt werden konnte. Ein Grund dafür ist sicher der personelle Umbruch der vergangenen anderthalb Jahre. Ein anderer das Fehlen von Führungskompetenz innerhalb der Mannschaft. Damir Kreilach konnte diese Rolle nie ausfüllen.

Der Kroate ist ein feiner Fußballer, gemessen an Zweitliga-Verhältnissen sogar ein ganz feiner, aber er ist von der Persönlichkeit her keiner, der vorangeht. Für ihn war das Kapitänsamt eine vom damaligen Trainer Norbert Düwel auferlegte Bürde, die ihn von Zeit zu Zeit verkrampfen ließ. Benjamin Kessel wirkt da gefestigter, aber auch er hat sich als Neuzugang sicherlich nicht um dieses Amt gerissen. Man kann es ihm nicht verdenken.

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