Sport : Anruf vom Onkel

Ein Berliner spielt für Norwegens Nationalelf.

Stefan Bröhl
Unverhofftes Debüt. Gegen Dänemark kam Vilsvik (r.) zum ersten Länderspiel. Foto: AFP
Unverhofftes Debüt. Gegen Dänemark kam Vilsvik (r.) zum ersten Länderspiel. Foto: AFPFoto: AFP

Berlin - Vor drei Jahren hat Lars Christopher Vilsvik bestimmt nicht geahnt, dass er bald ein Star in Norwegen sein würde. Damals spielte der gebürtige Berliner in der NOFV Oberliga Nord, der Traum vom Profifußball schien weit entfernt. Inzwischen ist Vilsvik norwegischer Nationalspieler und hat gute Chancen, Norwegischer Meister mit seinem Verein Strömsgodset IF Drammen zu werden.

Vilsvik wurde vor 23 Jahren in Berlin geboren und wuchs in der Hauptstadt auf. Dank seiner norwegischen Vorfahren hatte er von Geburt an sowohl die deutsche als auch die norwegische Staatsbürgerschaft. Schon früh wurde sein Talent erkannt und er spielte bis zur A-Jugend bei Tennis Borussia, zeitweise gemeinsam mit Jérome Boateng. Dann wechselte der Außenverteidiger zum Lichterfelder FC in die Oberliga. Ein Angebot aus dem Profifußball ließ aber auf sich warten.

Ende 2009 kam dann der Anruf, der sein Leben veränderte – von der Verwandtschaft aus Norwegen. „Meine Tante war Chefin von Mercedes im Vertriebsbezirk Drammen, und Mercedes war ein Sponsor von Strömsgodset“, sagt Vilsvik. Als seine Tante und sein Onkel so über den Klub redeten, erinnerten sie sich an ihren fußballverrückten Berliner Neffen. Der Onkel fragte beim Verein nach, ob ein Probetraining möglich sei. „Dann hat er mich gefragt, ob ich Lust hätte, da mal vorzuspielen“, sagt Vilsvik. „Eigentlich habe ich das Ganze nur zum Spaß gemacht, aber es lief dann ganz gut.“ Strömsgodset wollte ihn unter Vertrag nehmen. „Ich hatte nie daran gedacht, nach Norwegen zu gehen, um Fußball zu spielen“, sagt Vilsvik. „Aber nach ein wenig Hin und Her dachte ich, dass ich es einfach ausprobiere.“

Also ging er nach Drammen, wo Strömsgodset IF spielt. Die 65 000-Einwohner-Stadt liegt eine halbe Autostunde von der Hauptstadt Oslo entfernt. Der Verein ist eher klein, hat aber durchaus Tradition. Fünfmal wurde der norwegische Pokal gewonnen, 1971 die Meisterschaft.

In Drammen brachte es Vilsvik auf Anhieb zum Stammspieler. Mit seiner Schnelligkeit, seiner Vielseitigkeit, seinem Auge, seiner Dribbelstärke und seinen Offensivqualitäten hat er seinen Teil zur aktuellen Erfolgsgeschichte beigetragen. 2010 gewann der Klub den Pokal, 2011 qualifizierte er sich für die Europa League. Dort trafen Strömsgodset und Vilsvik auf den späteren Cupgewinner Atletico Madrid und schieden nur knapp aus.

Das Talent und die familiären Verhältnisse des Lars Christopher Vilsvik blieben auch Egil Olsen nicht verborgen. Knapp ein Jahr nach dem Anruf seines Onkels wurde der Deutschnorweger Vilsvik vom Nationaltrainer angerufen, beim 1:1 gegen Dänemark gab er sein Debüt als norwegischer Nationalspieler.

Für die anstehenden WM-Qualifikationsspiele in der Schweiz und auf Zypern wurde er nicht nominiert. Derzeit hat er noch zwei international erfahrene Rechtsverteidiger vor der Nase: Espen Rudd von Odense und Tom Högli vom FC Brügge. Aber wenn er so weiterspielt wie in dieser Saison, wo er in allen 25 Ligaspielen die kompletten 90 Minuten auf dem Platz stand, dann wird Olsen ihn wieder nominieren. Im Vergleich zu den anderen hat er mit 23 seine besten Jahre noch vor sich.

Auch auf Klubebene ist Vilsvik durchaus begehrt. Im Sommer wollte ihn Norwegens Spitzenklub Rosenborg Trondheim verpflichten. „Das wäre toll gewesen, jetzt in der Europa League zu spielen“, sagt er. „Aber Strömsgodset wollte mich aufgrund der Tabellensituation nicht gehen lassen.“ Aber auch in der norwegischen Provinz hat Vilsvik beste Perspektiven: Fünf Spieltage vor Saisonschluss liegt Strömsgodset IF mit 48 Punkten auf dem dritten Tabellenplatz, nur zwei Punkte hinter dem Tabellenführer Molde FK. Stefan Bröhl

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