Berliner Galopprennbahn Hoppegarten : Das Fabelwesen im Osten

Das Wetten. Das Picknick. Die alten Bäume. Es gibt viele Gründe, sich für Hoppegarten zu begeistern. Am 3. Oktober aber steht immer der Galoppsport im Vordergrund.

von und Ulrich Nickesen
… und manchmal regnet es auch. Hoppegarten hat eine lange Geschichte und eine holprige Gegenwart. Aber seit ein paar Jahren geht die Kurve nach oben.
… und manchmal regnet es auch. Hoppegarten hat eine lange Geschichte und eine holprige Gegenwart. Aber seit ein paar Jahren geht...Foto: Imago/Sorge

Besitzer einer Pferderennbahn zu sein, hatte Gerhard Schöningh sich entspannter vorgestellt. 40, 50 Tage pro Jahr wollte er mit der dazugehörigen Arbeit verbringen, das Doppelte, sagt er, ist es schließlich geworden. Das Doppelte indes reicht aber immer noch nicht, um über alles Bescheid zu wissen.

Wie das denn sei mit den speziellen S-Bahn-Karten am nächsten Renntag, dem 3. Oktober? Schöningh weiß es nicht. „Sagen Sie mal die Konditionen“, sagt er zu seinem Pressesprecher, „die kennen Sie wahrscheinlich besser.“ Wie das sei mit der Kinderbetreuung? „Wie bei Ikea, nur ohne Bällchen“, sagt der Pressesprecher. Schöningh fragt: „Nur ohne was?“

Ikeas Bällebad und der öffentliche Berliner Nahverkehr sind Dinge, die mit Schöninghs Lebenswelt nicht viel zu tun zu haben scheinen, denn Schöningh ist nach allem, was man weiß, ein reicher Mann. Vor acht Jahren kaufte er der bundeseigenen Bodenverwertungs- und -verwaltungsgesellschaft die Galopprennbahn Hoppegarten ab, gelegen hinterm Ost-Berliner Stadtrand. Wider alle Vernunft und Gewohnheit tat Schöningh das, denn die Anlage in Hoppegarten war in den eineinhalb Jahrzehnten zuvor eine verlässlich arbeitende Pleitebringerin. Schöningh aber, 1961 in Krefeld geboren, verdiente seinen Lebensunterhalt bis dahin nicht damit, Geld zu verlieren, sondern es zu vermehren. Er war Fondsmanager in London.

Doch es gelingt ihm seitdem immer besser, seinesgleichen – und damit Geld – hinaus nach Hoppegarten zu locken, und Tausende andere auch. In eine Gegend, die man von Westen kommend erreicht, nachdem man Lichtenbergs Plattenbaugebiete durchmessen hat und später kilometerweit die großstädtische Ausfallstraßenarchitektur. Burger King, McDrive, Möbelhäuser, Autoteileläden, Tankstellen. Noch ein Autoteileladen, noch ein Möbelhaus. Dann endlich ein Abzweig nach links, und man ist da. Wer mit der Bahn fährt, reist bequemer, bekommt aber auch nur die Hälfte davon mit.

Nun hat Schöningh zur Pressekonferenz geladen, in einen Salon des Regent-Hotels am Gendarmenmarkt. Es geht um den 3. Oktober und um den „pferdewetten.de – 26. Preis der Deutschen Einheit“, ein Traditionsrennen, das am Montag in Hoppegarten stattfindet. Der Teppich ist dick und schwer im Salon, die Wände sind holzvertäfelt, Lüster hängen an der Decke. Das Schäbigste im Raum sind die Deutschlandfähnchen aus Papier, die auf dem Tisch stehen.

Neben Schöningh sitzt Heiko von Glahn, der Pressesprecher. Hinter ihm steht Tini Gräfin Rothkirch, die Chefin des Renn-Clubs, der Hoppegartener Exklusivabteilung gewissermaßen. Sigrid Nikutta, die BVG-Chefin, habe sich angekündigt, sagt Gräfin Rothkirch. Diverse Botschafter werden kommen, darunter der aus den Vereinigten Staaten. Florian Martens, der Schauspieler. Michael Mendl, der Schauspieler. Alexander von Schaumburg-Lippe. Insgesamt 15 000 Besucher kamen im vergangenen Jahr, dieses Mal rechnen sie hier mit etwas weniger, des kühlen Wetters wegen.

Es ist eine erstaunliche Pressekonferenz, genauso erstaunlich wie Schöninghs Engagement, der selber sagt, in Hoppegarten sei „alles anders“ als zuvor in seinem Leben. „Als professioneller Anleger hätte ich das mit Kundengeldern nie gemacht“, sagt er. „Zu langfristig ist das dort, zu risikoreich.“ Doch jetzt, mit seinem eigenen Geld, „hier kann ich schlecht verkaufen“, sagt er, geldmäßig schlechte Entscheidungen treffen also, „ohne mich dafür entschuldigen zu müssen“.

Der Chef fühlt sich wohl. Gerhard Schöningh hat Hoppegarten wieder eine Perspektive gegeben.
Der Chef fühlt sich wohl. Gerhard Schöningh hat Hoppegarten wieder eine Perspektive gegeben.Fotos: Imago/Sorge

Die Journalisten stellen kaum Fragen. Dafür tut das der Pressesprecher. „Warum ist dieser Renntag Kult?“, fragt er. Einer der Reporter antwortet. Er kenne da eine Teeverkäuferin auf der Friedrichstraße, sagt er, die habe ihm erzählt, Pferderennen seien nicht so ihr’s. Doch beim Deutsche-Einheit-Preis, da sei sie immer da, mit der ganzen Familie, sie miete dafür sogar eine Loge. Und er selber, sagt der Reporter, sei am 3. Oktober auch stets zugegen, genauso wie sein ganzer Bekanntenkreis aus Thüringen und aus Hessen, „die kommen nur am 3. Oktober“.

Sie sind verschworen hier, eine Gemeinschaft von Leuten, die sich seit Jahren kennen. Sie scheinen eine Mission zu haben: ein – für Berliner Verhältnisse – Randgruppenereignis am Leben zu erhalten. Die Faszination daran. Das Wetten. Das Picknick. Die alten Bäume. Schöningh sagt: „Ja, das ist das einzige nationale Sportereignis, das die deutsche Einheit feiert.“

In der Aufbruchstimmung der Nachwendejahre wirkte dieser Renntag wie ein Katalysator bezüglich der Neustrukturierung der Rennbahn. Mehrere interessierte Investoren wurden vorstellig, alle glaubten sie an einen baldigen Aufschwung in Hoppegarten. Vor allem der ehemalige Eigentümer der Rennbahn, der Union-Club, rechnete sich Chancen auf den Erwerb seines einstigen Eigentums aus. Immerhin war der 1867 gegründete Club bis 1945 die Dachorganisation des gesamten deutschen Rennsports. Zu den Glanzzeiten von Hoppegarten trainierten dort bis zu 1500 Galopper.

Zu den Glanzzeiten von Hoppegarten trainierten dort bis zu 1500 Galopper

Aber Willen und Illusionen sind eine Sache, die zeitlich bedingten Änderungen eine andere. Als nach langen Auseinandersetzungen mit der Treuhand und dem Land Brandenburg der Union-Club 2002 sein Ziel mit dem Abschluss eines Erbbaupachtvertrages erreicht hatte, war die ökonomische Situation alles andere als rosig. 2005 war der Club insolvent. Drei Jahre später wurde die Rennbahn privatisiert und an Schöningh verkauft mit dem Ergebnis, dass seitdem die Erfolgskurve stetig nach oben steigt.

Der „Preis der Deutschen Einheit“ aber war immer der besondere Renntag in Hoppegarten in jeder Saison, im Kontrast zu den meisten anderen Renntagen, die weniger zur Verbesserung der sportlichen und der ökonomischen Situation auf der Rennbahn beitrugen. Das ist umso erstaunlicher angesichts der zeitlichen Nähe zum bedeutendsten Galopprennen der Welt, dem Prix de l’Arc de Triomphe in Paris.

Ein Reporter stimmt zu und fragt Schöningh, ob der beim Prix de l’Arc de Triomphe an diesem Wochenende das Taxi vom Flughafen nehme oder wie er selbst den Limousinen-Service von Blacklane. Eine Reporterin berichtet, mit welchen Rennsportlern sie verwandt sei und mit welchen sie früher die Nachbarschaft geteilt habe. Schöningh, ein immer noch jungenhaft wirkender Mann, schaut ein bisschen verlegen. Ein Profi-Pferdewetter wird per Skype zugeschaltet, ein Pferdehändler auch, und alle singen sie hier das Hohelied auf Hoppegarten, die schönste, beste, traditionsreichste Galopprennbahn des Landes, gleich nach oder sogar noch etwas besser als die in Baden-Baden.

Draußen, hinter der Stadtgrenze, gießen die Angestellten derweil das Gras in den Ecken, die die Rasensprenger nicht erreichten. Der Mann, den sie hier „Heckenflüsterer“ nennen – Uwe Jacobs, eigentlich zuständig für ungefähr fünf Kilometer Liguster-Grün –, recht Kastanien von den Wegen. Ein Mann auf einem Aufsitzrasenmäher macht hektische Fahrmanöver. Eine magere Vollblutstute beißt ein Pony.

Ulf-Thomas Kühn, als „Racing-Manager“ seit diesem Jahr zuständig für das eigentliche Renngeschehen, steht im Renn-Club-Raum. „Am Montag wird hier eine illustre Gesellschaft beieinander sein“, sagt er, „Rechtsanwälte, Unternehmer, Adlige.“ Er sagt: „Es gibt keine Romantiker bei uns, nach dem Motto: Früher war alles besser.“ Die Eigentumsverhältnisse sind geklärt, seit dem Verkauf an Schöningh könne man hier endlich Gebäude sanieren, es gebe eine Perspektive.

Strahlende Zukunft? Zumindest geht es in Hoppegarten wieder bergauf.
Strahlende Zukunft? Zumindest geht es in Hoppegarten wieder bergauf.Foto: Imago

Die letzten Vorbereitungen für den großen Einheits-Renntag laufen. Und Artur Boehlke geht ans Telefon. Boehlke hat 1948 in Hoppegarten angefangen, da war er zehn Jahre alt und Botenjunge. Er hat später Gewinnquoten errechnet und war zwei Jahrzehnte lang Chef der Rennbahn. Er gilt als deren Retter in schwierigen DDR- und Wendezeiten, er hat das Bundesverdienstkreuz dafür bekommen. Er ist bis heute als Schöninghs Berater in Hoppegarten beschäftigt.

Boehlke war letztes Jahr in Paris, „auf eigene Kosten“. Er hat sich die Rennbahnen angeschaut, die Parks, „weil die zur Schönheit einer Rennbahn gehören“. So eine Rennbahn-Hecke zum Beispiel, die „muss ja erst mal schön aussehen“, sagt er, das hätten sie vernachlässigt in Hoppegarten in der letzten Zeit. Man muss – das habe er in Paris gelernt – beispielsweise die Ahorn-Keimlinge zwischen den Hecken wegmachen. Den Liguster stutzen reiche nicht. Aber wenn man das tue – „der Ahorn muss ausgegraben werden, da brauchten wir extra eine Firma für!“ –, dann habe man ein halbes Jahr später ein wunderbar gleichmäßiges, dichtes Grün.

Dichte Ligusterhecken. Das klingt so, als seien sie hier in den letzten Zügen. Als sei die Rennbahn bald in einem Zustand, der nicht mehr übertroffen werden kann. Um sie ins ökonomische Plus zu bringen, fehlen nur noch mehr Besucher als ohnehin schon kommen – und die Wetter.

Das Wetter allerdings ist das entscheidende Kriterium hier. „Der Berliner“, sagt Boehlke, „guckt um zehn aus dem Fenster. Wenn es regnet oder kalt ist, bleibt er zu Hause. Und der Berliner macht 85 Prozent der Besucher aus.“ Mit Schöningh spreche er ständig über solche Sachen. Er, der Alte, und der Hoppegarten-Besitzer, der immer noch wie ein junger Mann wirkt. Der Alte spricht über die Unausweichlichkeiten der Natur, der Jüngere darüber, dass Hoppegarten „wie so ein Fabelwesen“ auf ihn wirke, „eine Ikone, so ein bisschen“. Darum habe er hier überhaupt zugegriffen, sagt er. Bei einer Pferderennbahn, an deren Rand eine Kaisertribüne steht, die nicht umsonst so heißt. Die eine lange Geschichte hat und eine holprige Gegenwart. Eine Gegenwart, in der es gelegentlich auch regnen kann.

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