Frauenringen in Berlin : Auf die Matte geschickt

Schmerzen und Tränen gehören dazu: Wie der Ringerverein SV Luftfahrt aus Berlin Treptow versucht, das Ringen für Mädchen und Frauen zu etablieren.

Amir Addin
Starke Frauen. Ringen soll nicht länger nur eine Angelegenheit der Männer sein.
Starke Frauen. Ringen soll nicht länger nur eine Angelegenheit der Männer sein.Foto: dpa

Ein heftiger Aufprall, gefolgt von leisem Stöhnen und einem schmerzverzerrtem Gesicht. Es bleibt nur noch das Warten auf den erlösenden Pfiff, der schließlich ein paar Sekunden später ertönt. Der Kampf ist vorbei. Die zehnjährige Nachwuchs-Ringerin aus Estland muss sich ihrer Kontrahentin aus Schweden geschlagen geben und mit ansehen, wie der Kampfrichter den Arm ihrer Gegnerin in die Höhe streckt und diese zur Gewinnerin ernennt. Den Tränen nahe trottet sie in Richtung ihres Trainers, der sie in den Arm nimmt und tröstet.

Kein seltenes Bild am diesem Tag, an dem der SV Luftfahrt Ringen wieder zum größten Wettkampf östlich des Rheins geladen hat. Zum achten Mal jährt sich das Turnier. Im Sportzentrum Adlershof in Treptow-Köpenick, an dem ausschließlich Frauen und Mädchen teilnehmen dürfen. 223 Sportlerinnen aus elf Nationen nehmen an dem Turnier für Vereinsmannschaften teil. In drei verschiedenen Altersklassen duellieren sich die Kämpferinnen, sie stammen vorwiegend aus Nord- und Osteuropa. Die Jüngsten sind gerade mal acht Jahre alt. In einem Sport, der wegen seiner aggressiven und sehr körperbetonten Art als so martialisch gilt und deswegen eher als Männersport wahrgenommen wird.

Dabei finden sich schon in der Mythologie verschiedenste Amazonen-Sagen mit Erzählungen von Frauenringkämpfen. Eine der berühmtesten Ringerinnen soll die Tochter des Götterboten Hermes – Palaistra – gewesen sein. Nach ihr wurden später diverse Ringerschulen benannt. Deutschland tat sich, wie viele andere Länder auch, lange Zeit schwer, Frauen in dieser Sportart zuzulassen. Erst 1982 beschloss der Weltverband der Ringer die Anerkennung des Frauenringens. 1987 fanden in Oslo die ersten Weltmeisterschaften statt. Erst seit den Olympischen Spielen von Athen 2004 dürfen Frauen im Ringen antreten, obwohl die Sportart seit etwa 3000 Jahren existiert und somit eine der ältesten Sportarten überhaupt ist.

Dennoch ist Ringen nur eine Randsportart. Das bestätigte sich erst jüngst in dem Vorhaben des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), das Ringen von den Sommerspielen 2020 als olympische Disziplin aus dem Programm zu nehmen. Dazu ist es nicht gekommen, aber die Argumentation des IOC steht immer noch im Raum: Das Ringen habe sich nicht weiterentwickelt und genieße eine zu geringe sportliche und mediale Aufmerksamkeit.

In Berlin will Marco Mütze zeigen, dass diese Einschätzung nicht zutrifft. Der Organisationsleiter und Jugendtrainer des SV Luftfahrt machte sich 2002 um die Aufnahme von Mädchen und Frauen verdient. Nach anfänglichem Misstrauen im Verein wächst die Zahl der Mitglieder sowie die Teilnehmerzahl des Frauenringerturniers stetig: „Die Teilnehmerzahl ist im Vergleich zum letzten Jahr um 50 Prozent gestiegen“, sagt Mütze stolz. Das trifft auch im Bezirksamt Treptow-Köpenick auf positive Resonanz. Schon mehrfach erhielt der SV Luftfahrt Zuschüsse für das Engagement seiner Ringerinnen.

Beim Turnier am vergangenen Wochenende sind alle Zweifel am Frauenringen schnell ausgeräumt. Ob sich die Eltern Sorgen machen sollten? „Nein, überhaupt nicht“, sagt ein Vater. „Das man sich mal wehtut und Tränen fließen, gehört nun mal dazu.“

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