Schwimmen : Britta Steffen bricht Deutsche Meisterschaften ab

Schwimm-Star Britta Steffen verpasst die WM-Norm und sagt überraschend alle Starts bei den Deutschen Schwimm-Meisterschaften in Berlin ab.

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Bahn frei: Beim Final-Start über 100 Meter Freistil hatte Britta Steffen schon die Halle an der Landsberger Allee verlassen.
Bahn frei: Beim Final-Start über 100 Meter Freistil hatte Britta Steffen schon die Halle an der Landsberger Allee verlassen.Foto: dpa

Berlin - Der erste größere nationale Auftritt von Britta Steffen nach den Olympischen Spielen von London ist anders verlaufen, als sich das alle vorgestellt haben. Britta Steffen eingeschlossen. Einmal stieg sie am Samstag bei den deutschen Meisterschaften in Berlin ins Wasser – und anschließend nicht mehr. Stattdessen verließ sie mit traurigen Augen die Halle.

Nach einiger Zeit trat Chefbundestrainer Henning Lambertz in der Schwimmhalle an der Landsberger Allee ans Mikrofon und verkündete mit etwas nebulösem Vokabular, was der Doppel-Olympiasiegerin von 2008 widerfahren ist. Wegen einer „akuten medizinischen Problematik“ könne sie nicht antreten. Worin diese Problematik genau bestehe, behielt er auf Anfrage für sich und verwies auf den Mannschaftsarzt des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), Sven Lodziewski. Der wiederum konnte „aufgrund ärztlicher Schweigepflicht“ auch nicht für Aufklärung sorgen und reichte den Stab an die Athletin selbst weiter. Die in diesem Moment nicht mehr vor Ort war.

Hing die Problematik mit ihrem einzigen Auftritt am Morgen zusammen? Da war sie im Vorlauf über 100 Meter in schwachen 55,68 Sekunden nur die drittschnellste Zeit geschwommen. Zudem lag sie über der für die WM-Qualifikationen geforderte Norm von 55,52 Sekunden. Den Endlauf über 100 Meter sowie die 50 Meter Freistil, aktuell die Hauptstrecke Steffens, wird die Ex-Berlinerin und Neu-Hallenserin am Sonntag nicht mehr schwimmen. Den Regularien nach wäre sie damit nicht für die WM in Barcelona qualifiziert.

„Wir werden darüber reden und die Umstände analysieren“, sagt Chefbundestrainer Lambertz. Er wolle eine WM-Nominierung wohlwollend prüfen. „Wenn ein Startplatz frei bleibt, lässt uns das ein bisschen Spielraum“, sagte er und verwies auch auf die großen Verdienste der Freistil-Schwimmerin. „Britta Steffen ist für mich eine sehr wichtige Person im Schwimmen.“

Lambertz betonte, dass die kranke Steffen nur auf seine Bitte hin überhaupt an den Start gegangen sei. Schon am Freitagabend habe sie signalisiert, angeschlagen zu sein. Sie wollte auch einen Arzt sehen. Der Vorlauf über 100 Meter sei nach gemeinsamer Beratung als Test geschwommen worden, berichte der Cheftrainer. Danach sei klar gewesen, dass sie nicht mehr weitermachen könne. Nach der Absage von Paul Biedermann wegen Trainingsrückstands fehlte der Meisterschaft in Berlin damit auch der zweite Part des prominenten Schwimmpaares.

Nach dem Anbaden im Vorlauf hatte Britta Steffen, die im November 30 Jahre alt wird, nichts kommentieren wollen. „Ich muss selbst erst mal wieder runterkommen“, sagte sie – und verschwand.

Schon früher hatte sie sich von ähnlichen Erlebnissen aus der Bahn werfen lassen. Von der Schwimm-WM 2011 in Schanghai war sie nach schwachen Ergebnissen regelrecht geflüchtet und ließ damit die noch ausstehende Staffeln im Stich. „Das ist vorbei“, sagte sie vor der Meisterschaft in Berlin, „ich habe meine innere Balance gefunden.“ Vermutlich bereitete ihr auch deshalb ein PR-Termin mit der von ihr früher hart kritisierten DSV-Präsidentin Christa Thiel keine Probleme. Mit dem strahlendsten Lächeln der Welt bekundete Steffen den Willen zur Kooperation.

Dabei sprach sie auch vom neuen Spaß am Schwimmen, den sie gefunden habe. Das habe auch mit der veränderten Umwelt zu tun. Inzwischen trainiert sie mit ihrem Lebenspartner Paul Biedermann in Halle an der Saale.

Zuletzt wuchs von Wettkampf zu Wettkampf das Vertrauen, dass sie sich doch noch einmal zu den Leistungshöhen der Jahre 2008/2009 aufschwingen könne. In jener Saison gewann sie bei den Olympischen Spielen in Peking zwei Goldmedaillen. Ausdruck ihres neuen positiven Gefühls sei auch das von Steffen ausgehende Ende der Zusammenarbeit mit der Psychologin Friederike Janofske nach den Olympischen Spielen von London gewesen. Nicht etwa, weil man nicht mehr miteinander konnte. Sondern, weil es nicht mehr nötig gewesen wäre. Gilt das alles auch noch nach dem seltsamen Aus von Berlin?

Ja, glaubt der Chefbundestrainer, und ihr Lebenspartner Paul Biedermann sieht das ähnlich. Nach den Spielen von London hat Steffen eine erstaunlichen Aufstieg ihrer Formkurve erlebt, was ihr viele gar nicht mehr zugetraut hatten. Sie hat gute bis sehr gute Resultate und Zeiten bei Kurzbahn-Weltcups und anderen Wettkämpfen erzielt. Es waren durchweg mutmachende Ergebnisse.

Vor der deutschen Meisterschaft hatte Steffen in Sachen Weltmeisterschafts-Qualifikation allerdings auch gesagt: „Selbst wenn du den Stoff kannst, den du gelernt hast, kann dir in einer Prüfungssituation immer irgendwas passieren.“ Dies ist nun offenbar auf unerwartete Weise geschehen. Dennoch hat sie das Ziel Weltmeisterschaft noch nicht ganz aufgegeben. Wie es noch zu erreichen ist, müssen allerdings andere beantworten. (mit dpa)

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