Sport : Der Kriminalfall Lens

WM 1998: Fans schlagen einen Polizisten halbtot – ein Mann sagt gegen sie aus und lebt danach in Angst

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Selbst zwölf Jahre später erinnert sich Burkhard Mathiak noch ganz genau an die Worte, die sein Leben für immer verändert haben. Es ist ein Junitag 1999, der 32-Jährige sitzt im Zuschauerraum des Essener Landgerichts. Mathiak leitet zu dieser Zeit das Fanprojekt des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04. Und vor eben jenem Landgericht wird eine der schrecklichsten Gewalttaten der deutschen Fußball-Geschichte verhandelt. Knapp ein Jahr zuvor, am 21. Juni 1998, haben deutsche Hooligans während der WM den französischen Polizisten Daniel Nivel in Lens zum Krüppel geschlagen.

Den Prozess begleitet ein immenses öffentliches Interesse, auch weil unklar ist, ob die Beweise ausreichen, um die vier Angeklagten zu verurteilen. Zwei der mutmaßlichen Täter, Frank T. und André H. (Namen von der Redaktion geändert), kennt Burkhard Mathiak. Sie sind Schalke-Anhänger. Und André H. sitzt nur hier, weil Mathiak ihn Monate zuvor identifiziert hat. Aus Angst vor möglichen Racheakten aus der Hooligan-Szene hat Mathiak seine Aussage verdeckt gemacht.

Doch jetzt hat Mathiak plötzlich ein Problem, denn Richter Rudolf Esders möchte ein wasserdichtes Urteil, ihm reichen die vorliegenden Beweise nicht aus. Also sagt Esders: „Ich werde alles Menschenmögliche tun, um herauszufinden, wer der anonyme Zeuge ist.“ Zwölf Worte, die Burkhard Mathiaks Leben völlig auf den Kopf stellen und jetzt, zwölf Jahre später, dazu beitragen, dass er gemeinsam mit dem Sportjournalisten Tibor Meingast das Buch „Der Zeuge von Lens“ veröffentlicht. „Das war ein Kriminalfall am eigenen Leib“, sagte Mathiak dieser Zeitung.

Tatsächlich ist Mathiak an jenem 21. Juni 1998 selbst in Lens gewesen, allerdings nicht in offizieller Funktion. Der Fußball-Fan möchte sich nur die Begegnung Deutschland gegen Jugoslawien anschauen. Als er vor dem Spiel noch ein wenig in Lens herumschlendert, ahnt er Schreckliches. „Jeder, der an dem Tag dort war, wusste, dass etwas schiefgehen würde“, sagt Mathiak. Zu aufgeladen sei die Atmosphäre gewesen, so Mathiak. Also geht er schnell ins Stadion.

So bekommt Mathiak nicht mit, wie deutsche Hooligans den französischen Polizisten Daniel Nivel angreifen. Mit einer Holztafel und einem Gewehraufsatz prügeln die Hooligans auf Nivels Kopf ein, treten und schlagen den 43-Jährigen fast tot. Nivel wird sein Leben lang auf Pflege angewiesen sein. Zwei szenekundige Polizisten, die Mathiak durch seine Arbeit vertraut sind, sprechen ihn an, sagen zu ihm: „Burkhard, du weißt doch bestimmt etwas.“ Tatsächlich kann Mathiak André H. aufgrund dessen Kleidung und der Statur identifizieren. Also sagt er anonym aus. „Damit war die Sache für mich erledigt“, erinnert sich Mathiak.

Als Richter Esders aber ankündigt, den anonymen Zeugen aufspüren zu wollen, bekommt Mathiak Angst. Angst um sein Leben. Angst um seine Zukunft. Und Angst um seine Familie, Mathiak hat zwei kleine Söhne. Esders lädt drei Mitarbeiter des Schalker Fanprojekts vor, auf gut Glück. Mathiak realisiert: Ich muss öffentlich aussagen, „sonst kannst du dein Leben lang nicht mehr in den Spiegel schauen“. Mit der Polizei spricht er die Schutzmaßnahmen ab: Mathiak und seine Familie müssen untertauchen. Also fährt Mathiak am 1. Oktober 1999 zum Landgericht nach Essen und seine Familie in einen Ferienpark in den Niederlanden.

Als die Tür zum Sitzungssaal aufgeht, blickt Mathiak den Angeklagten kurz in die Augen. Er sagt: „Ein gruseliger Moment.“ Eine knappe halbe Stunde sagt Mathiak aus, er belastet André H. schwer. Das Urteil: Zehn Jahre Haft für André H., fünf für Frank T. Nach seiner Aussage reist Mathiak in die Niederlande, er denkt: „Ich fahre immer weiter von meinem Leben, so wie ich es kenne, weg.“ Sechs Wochen bleibt er mit seiner Familie dort. Tatsächlich gibt es Morddrohungen, doch es passiert nichts. Also kehrt Mathiak mit seiner Familie zurück in die Nähe von Köln. Aber die Angst bleibt – trotz Polizeischutz. „In der Zeit habe ich mich häufig umgedreht“, sagt er. Bei Schalke wechselt Mathiak in die Presseabteilung, im Fanprojekt kann er nicht mehr arbeiten, er gilt als Verräter. Noch vier Jahre steht er unter Polizeischutz, aber die Lage bleibt ruhig.

Im Jahr 2006 verlässt Mathiak Schalke, er macht sich als PR-Berater selbstständig und entschließt sich im Jahr 2009, zehn Jahre nach seiner Aussage, seine Geschichte zu erzählen. „Vielleicht kann ich Menschen in einer vergleichbaren Situation dazu bringen, sich gegen ihre persönlichen Interessen und für das Gemeinwohl zu entscheiden“, hofft Mathiak.

Tibor Meingast, „Der Zeuge von Lens“, Verlag Die Werkstatt, 8,90 Euro, 128 Seiten.

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