Sport : Deutsch-deutsche Geisterspiele

Vor 50 Jahren traten erstmals zwei deutsche Nationalmannschaften gegeneinander an – doch kein Zuschauer war im Stadion

Jutta Braun,René Wiese

Keine Mannschaftsfotos,

keine Hymnen, kein Kontakt

zu den Gegenspielern

Es war gespenstisch, was sich am 16. September 1959 im Walter-Ulbricht-Stadion in Ost-Berlin abspielte. Zahlreiche Kameras standen für die historische Fernsehübertragung bereit. Fotografen brachten ihre Apparate in Position. Balljungen reihten sich zu einem Spalier, als die beiden Teams, angeführt vom tschechischen Schiedsrichter, den Rasen des Stadions betraten. Ansonsten: Nichts. Nichts als gähnende Leere im weiten Rund an der Chausseestraße. Anstelle von 70 000 Zuschauern verloren sich kaum 200 Funktionäre und Journalisten auf den Stadiontribünen. Dabei handelte es sich um ein Fußballspiel von historischem Wert: Es war das erste Duell zweier deutscher Nationalmannschaften. Die DDR kämpfte in Hin- und Rückspiel ohne Zuschauer gegen die BRD um ein Ticket für die Olympischen Spiele 1960 in Rom. „Die Spiele gehören zu den ungewöhnlichsten meiner Laufbahn“, sagte der DDR-Spieler Werner Heine. „Zu meinem Bedauern hatte die Vorstellung des Alt-Bundestrainers Sepp Herberger, eine gemeinsame deutsche Olympiamannschaft in die sportliche Qualifikation gegen Polen und Finnland zu schicken, keine Chance.“

So trafen die beiden deutschen Staaten zum ersten Mal aufeinander. Die Stimmung auf dem Spielfeld war frostig. Es habe „keinerlei Kontakt mit westdeutschen Spielern“ gegeben, erklärte Bringfried Müller Jahrzehnte später. Auf Mannschaftsfotos und Hymnen wurde ebenfalls verzichtet, stattdessen ging man schnell zum sportlichen Kern der Veranstaltung über. Angepfiffen wurde eine Partie, die aufgrund ihres zuschauerlosen Rahmens und der freudlosen Atmosphäre bald als „Geisterspiel“ in die Fußballgeschichte eingehen sollte. Neuere Forschungen erhellen nun erstmals die Hintergründe der bizarren Umstände. Sie führen zurück in die heißen sportpolitischen Kämpfe des Kalten Krieges.

Trotz staatlicher Teilung, das war eine strenge Auflage des Internationalen Olympischen Komitees, mussten Bundesrepublik und DDR von 1956 bis 1964 mit einer gemeinsamen Olympiamannschaft starten. Die Fußballverbände in Ost und West wurden deshalb wie andere Sportarten auch im Frühjahr 1959 aufgefordert, über die Bildung einer gesamtdeutschen Fußballmannschaft für die Sommerspiele in Rom zu beraten. Aber nach welchen Kriterien und mit welchen Methoden sollte das Team zusammengestellt werden? Eine heikle Aufgabe in der Hochphase der ideologischen Konfrontation, in der auch sportlich beide deutsche Seiten um jeden Zentimeter Boden rangen. Schon einmal, 1956, war eine Einigung vor den Spielen in Melbourne gescheitert. Der DFB hatte die Verhandlungen so lange verschleppt, bis der ostdeutsche DFV entnervt aufgab und den Westdeutschen allein das olympische Spielfeld überließ. Doch das sollte nicht noch einmal passieren. Selbstbewusst forderte der DFV 1959 zwei öffentliche Sichtungsspiele zwischen Ost und West. Die bessere Mannschaft sollte den Spielerstamm sowie den Trainer für Olympia stellen.

Doch hatte dieses scheinbar faire Verfahren aus westdeutscher Sicht einen gefährlichen Haken: Denn laut internationalem Reglement war nur Amateuren die Teilnahme am olympischen Wettbewerb erlaubt. Kein Nachteil für die DDR: Sie gab wie der gesamte Ostblock ihre Spitzensportler ohnehin stets als Amateure aus und konnte deshalb ohne Weiteres ihre Nationalelf in den Sichtungsspielen auflaufen lassen. Der DFB hingegen war gezwungen, tatsächlich Amateure aufzustellen.

Bundestrainer Sepp Herberger fürchtete deshalb ebenso wie der DFB eine Blamage und lehnte die Idee der Sichtungsspiele ab. Vielmehr, so der gewiefte Taktiker, sollten interne Lehrgänge stattfinden, bei denen die besten Spieler aus Ost und West individuell für ein gemischtes Team ausgewählt würden. Das Ausleseverfahren sollte rein sportlich sein, fern von politischen Instrumentalisierungsversuchen. Am besten, so Herberger, gleich ganz unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Nach vier endlosen Verhandlungsrunden waren die Positionen von DFB und DFV hoffnungslos festgefahren. Die Fußballfunktionäre riefen schließlich das ost- und westdeutsche Nationale Olympische Komitee zur Vermittlung an. Was dann jedoch, nach einer Beratung auf der Wartburg bei Eisenach, von den olympischen Repräsentanten von oben herab angeordnet wurde, war eine völlig unsinnige Kombination der konträren Positionen: Die Ostdeutschen bekamen ihre Sichtungsspiele, die nun als Ausscheidungsspiele firmierten. Den Westdeutschen wurde das Prinzip der Nichtöffentlichkeit zugestanden – nur Medienvertreter sollten den Ereignissen beiwohnen.

In der Öffentlichkeit brach bei Bekanntgabe der Entscheidung umgehend ein Sturm der Entrüstung los. Der DFB wurde für den als skandalös empfundenen Ausschluss der Zuschauer verantwortlich gemacht. Vergeblich versuchte Herberger richtigzustellen, dass er lediglich Lehrgänge unter Ausschluss der Öffentlichkeit gewollte hatte. Verstärkt wurde der Missmut der Fußballanhänger noch durch eine weitere Geheimniskrämerei: Um die Zuschauer wirkungsvoll aus den Stadien fernzuhalten, wurden die jeweiligen Austragungsorte erst am Spieltag, kurz vor Spielbeginn, bekannt gegeben: Neben dem Ost-Berliner Walter-Ulbricht-Stadion wurde das Düsseldorfer Rheinstadion als Schauplatz bestimmt.

Rein sportlich gesehen kam jedoch schließlich alles ganz anders, als die Funktionäre am grünen Tisch vermutet hatten. Im ersten Geisterspiel im Walter-Ulbricht-Stadion hatte die favorisierte Nationalmannschaft der DDR ihre Nerven nicht im Griff. Sie verlor auf eigenem Platz gegen die DFB-Amateure mit 0:2. Nur eine Woche später, am 23. September 1959, fand das zweite Geisterspiel im Düsseldorfer Rheinstadion statt. Der holländische Schiedsrichter Martens erlebte „das eigenartigste Spiel, das ich bisher leitete“. Die Atmosphäre war erneut bedrückend, Hundestaffeln der Polizei bewachten das Stadion vor möglichen „Störern“. Für die DDR ging es um alles, und die Geisterkulisse verstärkte die Angst der Ostdeutschen vor einem erneuten Versagen. So gewannen die DFB-Amateure auch dieses Spiel, diesmal mit 2:1. In der DDR wurde diese Schlappe auch als politische Niederlage gedeutet. Kurz nach den Geisterspielen ließ Lotte Ulbricht in der DDR-Zeitschrift „Wochenpost“ verlauten, ihr Walter komme vom Fußball „in der letzten Zeit manchmal recht missgestimmt nach Hause“. „SED-Chef Ulbricht ist fußballverärgert“, höhnte daraufhin die West-Berliner Presse.

Dennoch blieb der Traum von Olympia 1960 auch für die DFB-Elf ein Luftschloss. In der weiteren Qualifikation scheiterte Herbergers Truppe bald darauf an Polen und Finnland. Vier Jahre später wiederholte sich das Procedere vor den Olympischen Spielen in Tokio. Der Modus der Ausscheidung wurde beibehalten, allerdings die Unsinnigkeit der Geisterspiele ad acta gelegt. In zwei Ausscheidungsspielen in Karl-Marx- Stadt und Hannover setzte sich die DDR 1963 durch ein 3:0 und 1:2 gegen die Bundesrepublik durch. Sie qualifizierte sich anschließend auch tatsächlich für die Olympischen Spiele und gewann in Tokio 1964 die Bronzemedaille.

In den kommenden Jahrzehnten eroberten DFB und DFV auf jeweils eigene Weise die internationale Fußballwelt: Während die Bundesrepublik im Profifußball mit Welt- und Europameistertiteln zu einer der führenden Fußballmächte aufstieg, setzte die DDR fußballerisch weiterhin auf Olympia, und das durchaus mit Erfolg. Eine weitere Bronze-, eine Silber- und 1976 sogar die Goldmedaille zählen zu ihrer stolzen Bilanz. 1974 trafen beide Mannschaften beim legendären 1:0-Sieg der DDR während der WM noch einmal aufeinander. 16 Jahre später hatte die Wiedervereinigung auch den Fußball erreicht. Gegen die Schweiz stand in Stuttgart wieder eine gesamtdeutsche Mannschaft auf dem Spielfeld.

Die Autoren sind Vorsitzende des Zentrums deutsche Sportgeschichte Berlin-Brandenburg e. V. und zurzeit an der inhaltlichen Gestaltung des Nationalen Fußballmuseums beteiligt.

DIE SPIELE

DDR – BRD ............................... 0:2 (0:0)

Ost-Berlin, 16. September 1959

DDR: Thiele – Bringfried Müller, Krampe – Fischer, Heine, Unger – Roland Ducke, Schröter, Vogt, Erler, Franz.

BRD: Eglin – Olk, Kurbjuhn – Mauritz, Herbert Schäfer, Schulz – Meier, Herrmann, Thimm, Nauheimer, Dörfel.

Tore: 0:1 Fischer (53./Eigentor), 0:2 Dörfel (83.).

BRD – DDR .................................. 2:1 (1:1)

Düsseldorf, 23. September 1959

BRD: Eglin – Gerdau, Olk – Neumann, Schäfer, Schulz – Mauritz, Höher, Thimm, Wilkening, Dörfel.

DDR: Spickenagel – Krampe, Skaba – Fischer, Heine, Unger – Roland Ducke, Meyer, Vogt, Schröter, Klingbiel.

Tore: 0:1 Schröter (14./Handelfmeter), 1:1 Thimm (33.), 2:1 Wilkening (65.).

Die Austragungsorte

der beiden Spiele wurden

bis zuletzt geheim gehalten

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