Deutscher Olympionike Almir Velagic : Gewichtheber spricht offen über Doping

Die Gewichtheber haben ein riesiges Dopingproblem. Der deutsche Starter Almir Velagic traut der Konkurrenz nicht: "Die haben null schlechtes Gewissen."

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Fühlt sich um manche Medaille betrogen. Almir Velagic aus Leimen startet heute in der Gewichtsklasse über 105 Kilo.
Fühlt sich um manche Medaille betrogen. Almir Velagic aus Leimen startet heute in der Gewichtsklasse über 105 Kilo.Foto: AFP

Schon wenn er heute aufsteht, wird Almir Velagic wissen, was er von sich erwarten kann. „Im Superschwergewicht ist es ein riesiger Unterschied, ob man sich gut fühlt oder müde ist“, sagt der deutsche Gewichtheber. „Entweder ich denke morgens: Oh Gott, nein! Oder ich denke: Heute fühle ich mich sehr olympisch.“ Der 34-Jährige kennt das Gefühl, er tritt zum dritten Mal bei Olympia an. In Rio de Janeiro ist der gebürtige Bosnier die einzige vage Medaillenhoffnung der deutschen Gewichtheber. Velagic glaubt, dass in der Gewichtsklasse ab 105 Kilogramm sechs bis sieben Schwerathleten um Bronze kämpfen werden, er sei einer davon. Es werde am Ende auf den letzten Versuch im Stoßen ankommen. „Ich fühle mich so stark, dass ich mir 250 Kilo zutraue“, sagt Velagic. „Ich habe die Chance. Ich zweifele nicht.“

Weniger Vertrauen als in sich selbst hat er in seine Konkurrenten. Kaum eine Sportart hat so ein riesiges Dopingproblem wie das Gewichtheben. Auch in Rio gab es bereits Dopingfälle, die Mannschaften aus Russland und Bulgarien durften gar nicht erst teilnehmen. Vor den Spielen waren auch die Aserbaidschaner, Weißrussen, Kasachen, Armenier und Türken vom Weltverband suspendiert – allerdings nur vorläufig, bei Olympia sind sie dabei. Für Almir Velagic gehört das zum Alltag. „Als Gewichtheber wächst man damit auf. Man weiß: In manchen Ländern wird gestopft“, sagt er. „Für die ist dopen so selbstverständlich wie für mich Wassertrinken.“

Almir Velagic, der in Leimen wohnt, wundert sich immer, wie seine Konkurrenten reagieren, wenn ein positiver Test von ihnen bekannt wird. Auf Facebook würden die Gewichtheber dann ganz normal weiter über ihr Training und ihren Alltag schreiben. „Wenn mir so etwas passieren würde, würde ich mich in allen Netzwerken löschen, meine Haustür zuschließen und mich nicht mehr draußen zeigen“, sagt er. „Aber die haben null schlechtes Gewissen.“ Das Motto vieler Gewichtheber formuliert Velagic so: „Alle nehmen was – aber ich bin der Bessere.“

Kasachstan ist Spitzenreiter bei Dopingfällen

Der Bundesverband Deutscher Gewichtheber (BVDG) führt Buch über alle internationalen Dopingfälle seit Beginn der Olympischen Spiele in London 2012. Die Liste beginnt bei Spitzenreiter Kasachstan mit 27 Fällen in vier Jahren vor Aserbaidschan (24) sowie Bulgarien und Weißrussland, die sich den dritten Rang mit je 14 Fällen teilen. Es folgen 15 weitere Nationen, die mindestens einmal negativ auffielen. Nachtests der Spiele von London führten 20 positive Proben bei Olympia zu Tage.

„Es gibt überhaupt keine Abschreckung, jedes Jahr kommen 50 Fälle dazu“, sagt BVDG-Sportdirektor Frank Mantek, der für seine eigenen Athleten die Hand ins Feuer legen würde. Für Sportler wie Almir Velagic, die bei großen Wettkämpfen regelmäßig auf den Plätzen sechs, sieben oder acht landen, ist das besonders bitter. „Das hätte alles Gold, Silber oder Bronze sein können“, sagt Velagic. „Ich habe auch finanziell sehr viel verloren.“

Im Gegensatz zu den meisten seiner Konkurrenten hat der zweifache Familienvater seine Bestleistung und sein Körpergewicht langsam gesteigert. 2008 in Peking wog er 132 Kilogramm, 2012 in London zehn Kilo mehr, 2016 in Rio ist er bei 150 Kilogramm angekommen. „Viele Gegner kommen mit 19 Jahren, steigern sich – und mit 24 Jahren sind sie schon wieder weg“, sagt Velagic. „Das Schlimme ist: Nächstes Jahr kommt ein anderer, aus Russland, dem Iran oder Kasachstan. Und der ist auch wieder 19 und hat seine Bestleistung in einem Jahr um 50 Kilo gesteigert.“ Seit Jahren hofft der Deutsche: Jetzt passiert es, jetzt wird das Gewichtheben sauberer. Bisher ist diese Hoffnung enttäuscht worden. „Eigentlich sollte ich aufhören“, sagt er. Er würde sich aber auch wahnsinnig ärgern, wenn alle Doper tatsächlich gesperrt würden, „und der WM-Titel geht mit 230 Kilogramm im Stoßen weg und ich sitze auf der Couch, esse Chips und denke: Das könnte ich jetzt auch noch.“ Also macht er weiter.

Im Wettkampf versucht Almir Velagic, sein Misstrauen auszublenden, sonst könnte seine Motivation darunter leiden. Und er hofft darauf, dass es im Wettkampf sogar ein Vorteil sein kann, dass er sich ehrlich auf Olympia vorbereitet hat. „Ich habe nicht das Problem wie manche anderen, die ihr Doping abgesetzt haben und dadurch das Gefühl verlieren“, sagt er. Bei denen könne die Stange plötzlich zehn Kilo schwerer wirken als noch im Training – ein in jeder Hinsicht unolympisches Gefühl.

- Mehr zur vergangenen Olympia-Nacht hier

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